Gangsterboss und Jugendidol Leben und Sterben wie im Hollywood-Film

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Der flüchtige Gangster hat es zum Helden der Pariser Vorstadtjugend gebracht. Gutachter bescheinigen ihm Mut, Intelligenz, Charisma und Führungsqualitäten. Unser Paris-Korrespondent Axel Veiel erzählt seine Geschichte.

Gangsterboss mit Facebook-Fanseite: Redoine Faïd Foto: StZ-Screenshot
Gangsterboss mit Facebook-Fanseite: Redoine Faïd Foto: StZ-Screenshot

Paris - Er liebt Filme. Sie inspirieren ihn zu neuen Taten. Manche hat er ein Dutzend Mal gesehen. „Heat“ von Michael Mann zum Beispiel. Wenn der 41-jährige Franko-Algerier Redoine Faïd sich das eigene Ende ausmalt, hat er bestimmt die Schlussszene des Films vor Augen: den Showdown zwischen Gangsterboss Neil McCauley (Robert de Niro) und Polizeichef Vincent Hanna (Al Pacino), der die tödliche Kugel abfeuert, dann aber respektvoll die Hand des Sterbenden ergreift, der ihm ein ebenbürtiger Widersacher gewesen war.

Faïd braucht nicht viel Fantasie, um sich in die Filmschurken hineinzuversetzen. Der Mann mit den vollen Lippen, den dichten Brauen und dem kahlen Schädel ist Gangsterboss im richtigen Leben. Wie McCauley hat er es zu gewissem Ruhm gebracht. Mit elf Geschwistern in einem Mietskasernenviertel des nordfranzösischen Creil aufgewachsen, hat der Sohn algerischer Einwanderer mit dreisten Raubüberfällen Schlagzeilen gemacht. Pariser Vorstadtjugendliche schauen zu ihm auf. Er sei einer der ihren, sagen sie, nur besser.

Spektakuläre Flucht aus dem Gefängnis von Lille

Als Faïd sich vor einem Monat dann noch den Weg aus dem Gefängnis von Lille frei sprengte und fünf Tore in Schutt und Asche legte, die den Weg nach draußen verstellten, schlug die Bewunderung in Verehrung um. „Faïd ist eine lebende Vorstadtlegende, vergleichbar mit dem Fußballer Zidane“, versichern Sozialarbeiter aus Creil. Die Wochenzeitung „Minute“ titelt: „Redoine Faïd – neues Idol der Jugend“.

Die Polizei hat den Flüchtigen europaweit zur Fahndung ausgeschrieben. Faïd wird versuchen, sich zurückzunehmen, unscheinbar, am besten unsichtbar zu sein. Eine Rolle ist das, die ihm nicht liegt. Lieber gibt er den gebildeten Gentleman. Die Beinamen „Doc“ und „Schriftsteller“ hat er sich zugelegt. Bei einem Israel-Aufenthalt hat er Hebräisch gelernt – für den Spross einer arabischen Familie ein abenteuerlicher Schritt. Dass ein Zeuge den Gesuchten in Monaco auf der Terrasse des noblen Café de Paris gesehen haben will, passt ins Bild.

Wenn Faïd auszog, Geldtransporter zu überfallen oder Millionäre zu erpressen, pflegte er Filmhelden nachzueifern. Alte Drehbücher kamen zu neuen Ehren. Wie in Quentin Tarantinos „Wilde Hunde“ gaben sich Faïd und seine Gefolgsleute Farbnamen, nannten sich Monsieur Orange oder Monsieur Blau, als sie 1995 die Familie eines Bankdirektors kidnappten. Wie in „Heat“ trugen Faïd und seine Männer Eishockey-Masken, als sie am 3. Juli 1997 einen Wagen der Firma „Ardial“ angriffen und 412 000 Euro erbeuteten.




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