„Gartenleben“ in Spiegelberg Von Gemüse und Gerechtigkeit

Von anc 

In einer Gärtnerei in Großhöchberg erproben drei junge Leute das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi). Bei diesem Zusammenschluss von Verbrauchern und Erzeugern tragen die Verbraucher die Betriebskosten und erhalten die Ernte.

Florian Keimer erntet Karotten Foto: Gottfried Stoppel
Florian Keimer erntet Karotten Foto: Gottfried Stoppel

Spiegelberg - Ein Traum macht manchmal verdammt viel Arbeit. Johanna Enssle und Florian Keimer wissen das nur zu gut. Im ländlich-idyllischen Spiegelberger Teilort Großhöchberg betreiben der 35-jährige Gärtnermeister und die zwei Jahre jüngere ökologische Agrarwissenschaftlerin eine Demeter-Gemüsegärtnerei, die sie von Johanna Enssles Eltern übernommen haben. Die beiden haben sich damit einen gemeinsamen Jugendtraum erfüllt – und einen Knochenjob mit wenig Verdienst und viel Verantwortung zugelegt. Denn, so sagt Florian Keimer, „die Subventionen landen nur in den großen Betrieben, die kleinen haben nichts davon“.

Ein Gärtnergeselle verdiene zwischen 1000 und 1400 Euro Netto, rechnet Florian Keimer vor, der im Sommer morgens um sechs Uhr mit der Feldarbeit loslegt und nicht selten noch nach Sonnenuntergang zu tun hat. Kein Wunder, dass das Duo kurz nach der Übernahme des Betriebs vor gut zwei Jahren größte Schwierigkeiten hatte, Mitarbeiter zu finden. Ohne sie ging es aber nicht, denn Johanna Enssle war schwanger und konnte nicht mehr voll zupacken.

Was folgte, bezeichnet die 33-Jährige im Rückblick als „eine ziemliche Bauchlandung“: Einige Jungpflanzenkulturen mussten die Biogärtner im Mai vor zwei Jahren auf halber Strecke aufgeben, weil sie niemanden fanden, der sich darum kümmern konnte. Es gab viele Turbulenzen, im Oktober des vergangenen Jahres haben Johanna Enssle und Florian Keimer dann doch eine Mitstreiterin auf Dauer gefunden: Christine Hubenthal, eine Agrarwissenschaftlerin und Landwirtin. „Sie hat gesagt, ,ich komme nach Großhöchberg, aber ich will Solidarische Landwirtschaft (Solawi) ausprobieren’“, erzählt Enssle. Sie und Florian Keimer hatten schon von dem Konzept gehört und auch Gefallen daran gefunden „aber keinen Kopf dafür gehabt“. Christine Hubenthal rannte offene Türen ein mit der Idee, dass sich Erzeuger und Verbraucher die Erträge und Risiken solidarisch teilen (siehe „Eigener Wirtschaftskreislauf“) .

Rund drei Hektar Land gehören zur Gärtnerei in Großhöchberg – genug Fläche, um 200 Menschen mit frischem Gemüse zu versorgen, sagt Florian Keimer. Derzeit beteiligen sich etwa 20 Mitglieder, sogenannte Mitgärtner, am Großhöchberger Projekt Gartenleben. In zwei Verteilräumen – einer in Großhöchberg, einer bei Schwäbisch Hall – dürfen sie sich an den bereitgestellten Waren frei bedienen. „Wir bieten immer fünf Gemüsesorten an, aus denen man ein Hauptgericht kochen kann, zudem Rohkost wie Salat, Gurken und Radieschen und Kräuter“, erklärt Christine Hubenthal.

An der Wäscheleine im Verteilraum baumeln zwei Schilder und eine bunte Wäscheklammer für jedes Mitglied. Wer seinen Gemüseanteil abgeholt hat, befestigt seine Klammer am Schild mit der Aufschrift „Ich war schon da“ und zeigt so den Nachfolgenden, für wie viele das noch vorhandene Gemüse reichen muss. „Es geht nicht nur um Solidarität mit uns, sondern auch in der Gruppe“, sagt Johanna Enssle. Bislang klappe die Rücksichtnahme gut.

„Unser Wunsch wäre es, den Betrieb komplett auf Solidarische Landwirtschaft umzustellen“, sagt Florian Keimer. Die ganze Ernte könnte dann an die Mitglieder gehen, und für Florian Keimer und Johanna Enssle würde die Chance steigen, sich selbst ein „sozial gerechtes Gehalt“ auszahlen zu können. Noch arbeiten die beiden Freunde ohne Lohn, ihre jeweiligen Ehepartner finanzieren den Lebensunterhalt, und die Gärtnerei ist „unser teures Hobby“.




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