Gasaustritt in der Nordsee Total und die Suche nach einer Strategie

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Der Energiekonzern Total prüft, wie der Gasaustritt am Leck der Bohrplattform zu stoppen ist. Sorge bereitet die noch immer lodernde Flamme.

Die Unglücksplattform liegt 240 Kilometer vor Schottland. Foto: dapd
Die Unglücksplattform liegt 240 Kilometer vor Schottland. Foto: dapd

Aberdeen - Im Kampf gegen eine mögliche Explosion auf der Gasplattform Elgin in der Nordsee hat der französische Betreiberkonzern Total ein wenig Zeit gewonnen. Die Meteorologen sagen für die kommenden Tage stabile Windbedingungen voraus. Somit ist das Risiko, dass sich die Gaswolke an einer über der Plattform lodernden Gasflamme entzünden kann, nach Experten-Meinung überschaubar. Total hat den Ort des Gaslecks in der Nordsee vor Schottland präzisiert. Das Gas komme aus einer Gesteinsformation 4000 Meter unter dem Meeresboden, trete aber erst oberhalb der Wasseroberfläche aus. Wie ein Leck in dieser Tiefe zu stopfen ist, darüber herrschte aber auch am Donnerstag noch keine Klarheit.

Erwogen wird die Bohrung einer zweiten Förderpipeline, zur Minderung des enormen Drucks aus dem Leck. Eine solche Bohrung könnte allerdings ein halbes Jahr in Anspruch nehmen. Derweil quillt weiter Gas unkontrolliert aus dem Meeresboden. Genaue Angaben zur austretenden Gasmenge könne man leider nicht machen, sagte ein Total-Sprecher. Ein Teil des Gases hat sich inzwischen in einer blubbernden Gaswolke am Fuß der Bohrplattform gesammelt. Ein anderer Teil breitet sich als Konzentrat in einer Art Gasteppich auf dem Meer rund um die Plattform aus. Der Umfang dieses „Teppichs“ wird bereits auf mehr als fünf Quadratkilometer geschätzt.

Kann die Flamme eine Explosion auslösen?

Fragen zur Informationspolitik des Konzerns führten am Donnerstag zu vermehrter Unruhe unter Experten. Total hatte ursprünglich versäumt, auf die noch immer brennende Abfackelflamme über der Plattform hinzuweisen. Man sei, erklärte der Umwelt- und Sicherheitsmanager der Firma, David Hainsworth, zu dieser Flamme ja auch nicht ausdrücklich befragt worden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Flamme bei einem Wechsel der Windrichtung das unter ihr angesammelte Gas entzünden und so eine gewaltige Explosion verursachen könne, stufte David Hainsworth als „niedrig“ ein.

Der Total-Manager musste allerdings einräumen, dass in der Eile der Evakuierung offenbar vergessen worden war, die Flamme zu löschen. Hätte man mehr Zeit gehabt, sagte Hainsworth gegenüber der BBC, hätte man die Flamme wohl löschen lassen. Aus der Ferne lasse sich das nun leider nicht mehr bewerkstelligen.

Rund um die Plattform, von der am vergangenen Sonntag 238 Arbeiter in Hubschraubern in Sicherheit gebracht wurden, ist eine Sperrzone ausgerufen worden. Schiffe und Flugzeuge müssen das Krisengebiet im Bereich von drei beziehungsweise knapp fünf Kilometern meiden. Shell hatte „vorsichtshalber“ mehr als 100 Arbeiter von einer sechs Kilometer entfernten Plattform abgezogen.

Die Regierung in London vertraut dem Energiekonzern

„Nicht zu fassen“ sei, dass Total die Flamme einfach habe brennen lassen, entrüstete sich der für die Plattform-Arbeiter zuständige RMT-Gewerkschaftssprecher Jake Molloy. „Bizarr“ findet auch Simon Boxall vom Nationalen Ozeanografischen Zentrum in Southampton das Versäumnis. Möglicherweise seien Vorschriften missachtet worden. Martin Preston, Experte für Meeresverschmutzung an der Universität Liverpool, verweist darauf, dass sich „natürlich niemand der Plattform nähern kann, solange die Flamme noch brennt“. Sollte sie weiter lodern, müsse der Konzern sich schnell einen alternativen Plan zur Beendigung der Krise zurecht legen.

Es sei „gut möglich, dass die Flamme sich selbst ausbrennt“, glaubt man dagegen bei Total. Wie lange das dauern könne, lasse sich allerdings auch nicht sagen. Der Londoner Energie-Staatssekretär Charles Hendry bekräftigte das Vertrauen der Regierung in den Konzern. Seines Wissens sei der Notstandsplan von Total korrekt umgesetzt worden. Greenpeace wiederum kritisiert die Regierung dafür, überhaupt Bohrungen dieser Art zuzulassen. Umweltschützer erinnern auch daran, dass erst im August bei einem Ölleck unter Shells Gannet-Alpha-Plattform so viel Öl in britische Gewässer geflossen ist wie seit zehn Jahren nicht mehr – mindestens 200 Tonnen. Der WWF befürchtet, dass zusätzlich Öl aus dem Leck im Meeresboden dringen könnte: Total müsse handeln, bevor es zu einer Ölpest mit katastrophalen Folgen für die Umwelt komme.

Leider, sagte der RMT-Funktionär Jake Molloy, trügen die alternde Infrastruktur und die mangelnde Wartung zu Problemen an Plattformen in der Nordsee bei. Die britischen Sicherheitsvorschriften generell hält Molloy für vergleichsweise gut, doch er macht „schlechtes Management“ für regelmäßig auftretende Schwierigkeiten verantwortlich und sagt: „Bei einigen der Gaslecks, die wir in den vergangenen Jahren in Großbritannien gehabt haben, war es reines Glück, dass niemand ums Leben gekommen ist.“




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