Gastbeitrag von Tobias Wulf Potenziale liegen in Topografie

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Foto: Achim Zweygarth

Gesamtvisionen sind altmodisch. Aber ein Gestaltungsbeirat würde Stuttgart guttun, meint StZ-Gastautor Tobias Wulf.

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Stuttgart - Zahlreiche Großprojekte werden das Stuttgarter Stadtbild in den kommenden Jahren verändern. Stiftung Geißstraße und Stuttgarter Zeitung haben sechs Architekten eingeladen, über ihre Visionen zur Zukunft der Stadt zu sprechen. Die Beiträge der Teilnehmer veröffentlichen wir in loser Folge.

Visionen – nach fast vierzig Jahren Abstinenz sind sie wieder en vogue. Willy Brandt hatte sie noch, für Helmut Schmidt waren sie bereits eine Krankheit, mit der man zum Arzt müsse. Vordenker wurden oft als weltfremde Spinner belächelt, Börsenkurse und Wahlbarometer waren wichtiger. Vorrangig war der Aufbau des Wohlstands auf der Basis einer wachstumsorientierten Wirtschaftspolitik. Der Paradigmenwechsel von der Ökonomie zur Ökologie kam ganz allmählich, beschleunigt durch das stärkste Element, das Menschen zum Handeln antreibt, die Angst. Es ist fünf vor zwölf – seit dreißig Jahren.

Nachdenken ist notwendig, Querdenken wieder erlaubt, ja, sogar gewünscht und gefordert. Doch was steckt hinter den wieder so oft verwendeten Begriffen Vision, Utopie, Fiktion? Mit welchen Inhalten sind sie gefüllt? Wie viel Konkretisierung halten sie aus? Als planende Architekten sind wir gewohnt, vorauszudenken und künftige Realitäten in unserer Vorstellung entstehen zu lassen.

Wir müssen vorpreschen und stehen damit in der Kritik derer, die das nicht gewohnt sind. Heftige Gegenreaktionen sind die natürliche Quittung für den Mut der Planer. Schon vor Jahren habe ich ein Credo unserer planerischen Haltung formuliert, nachzulesen auf unserer Website. Es endet mit dem Satz: Träume, Illusionen und Utopien sind der Antrieb unserer Arbeit – ebenso wie der unbedingte Wille zur Realisierung! Und neben meinem Arbeitstisch im Büro hängt das auch noch mal handschriftlich, so als könne man es nicht oft genug wiederholen.

In Stuttgart prägt sich nichts ein


Damit ist der Bogen weit gespannt – und die "Wahrheit" liegt wohl wie immer zwischen den beiden Polen. Aber ohne die Pole gäbe es keine Spannung, keine Kreativität – Visionen kämen über das diffuse Stadium der Hoffnung nicht hinaus. Jedes Mal wenn ich von einer Reise zurückkomme, frage ich mich unwillkürlich, warum ausgerechnet hierhin, warum Stuttgart? Mag sein, dass man sich das bei anderen Städten auch fragen würde, aber was zeichnet Stuttgart eigentlich aus – als Großstadt, als Metropole?

Es gibt fast keine schönen Plätze, keine monumentalen Achsen, keine Alleen und Boulevards, keine richtige Altstadt, keine Hochhäuser, keine Waterfront, keine Squatter-Siedlungen, kein Elend – und keinen Glamour.

Es prägt sich nichts ein. Alles, was eine Stadt zur Metropole macht, kommt hier nicht vor. Großzügigkeit, ja Grandezza findet man hier nicht. Dennoch haben offenbar einige amerikanische und japanische Reiseveranstalter Stuttgart in ihrem Europa-Schnellprogramm. Vielleicht weil es auf halber Strecke zwischen Oslo und Rom liegt, das Flugzeug mal wieder aufgetankt werden muss und es immer freie Hotelbetten gibt. Stuttgart ist keine wirkliche Touristenattraktion, und die Eisbahn auf dem noch sommerlichen Schlossplatz mit ihren muffigen Fressbuden vertreibt auch noch den letzten Tagestouristen auf der Suche nach Kultur.

Stuttgart verträgt Kontraste


Kultur? Der Kulturbegriff ist mittlerweile so ausgedehnt worden, dass er dabei ist, sein positives Image zu verlieren: Spaßkultur, Eventkultur – solche Kultur soll die Innenstädte auf Trab bringen. Der öffentliche Raum gilt als urban, wenn er rappelvoll ist und mit mindestens 120 Dezibel beschallt wird. Was in Berlin oder München vielleicht geht, lässt sich auf Stuttgart nicht übertragen. Aufgrund der Kessellage ist hier der Luftraum über der Stadt ein öffentlicherer Raum als anderswo. Er wirkt – optisch und akustisch – wie eine Arena, nur dass hier eben Menschen leben.

Echte Urbanität braucht die Menschen, die in der Stadt wohnen, die den öffentlichen Raum nachhaltig nutzen, weniger die, die aus dem Umland kommen, hier mal kurz Party machen und eine Müllwüste hinterlassen. In meinem Stuttgart gäbe es auch öffentliche Räume, die man still genießen kann und die dennoch mitten in der Stadt liegen und wo spielende Kinder die akustische Skala bestimmen.

Mein Stuttgart verträgt auch Kontraste: Kirchturmglocken, die im Schatten von Hochhäusern läuten, Minarette am Schlossgarten, Schwimmbäder im zwanzigsten Stock und unterirdische Shoppingcenter. Dort unten könnten sie den Maßstab der Stadt nicht zerstören wie bei den Königsbau-Passagen bereits geschehen und bei der Galeria Ventuno bereits beschlossen.




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