Gastrobranche in Stuttgart Fast jeder vierte Mitarbeiter hat den Job gewechselt

Juniorchef Jan Mink im Einsatz. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Juniorchef Jan Mink im Einsatz. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Endlich dürfen Restaurants wieder öffnen. Aber es gibt ein Problem: Viele Mitarbeiter haben sich in der Pandemie andere Jobs gesucht.

Lokales: Daniela Eberhardt (ma)
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Stuttgart - Wir haben ein Riesenproblem“, sagt Markus Hofherr. Als Direktor des V 8 Hotels in der Motorworld in Böblingen musste er wegen Corona vier Mitarbeiter ziehen lassen, zwei sind in den IT-Bereich gewechselt, eine Hausdame arbeitet im Altenheim, eine weitere in der Personalabteilung eines Unternehmens der Metallindustrie. Und als ehrenamtlicher Vorsitzender der Stuttgarter Kreisstelle des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) beklagt er, dass die Unsicherheit und die finanziellen Einbußen wegen der Kurzarbeit zur Abwanderung gerade der engagierten Fachkräfte geführt hätten. Laut dem Verband ist fast jeder Vierte der insgesamt 13 500 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze in den 2500 Stuttgarter Betrieben der Pandemie zum Opfer gefallen. Das entspricht rund 3200 Stellen, Minijobs nicht eingerechnet.

„Am besten wäre es, wenn alle jetzt wieder zurückkämen zum Dienst am Gast“, meint Jörg Mink vom Restaurant Schloss Solitude, der fünf Mitarbeiter ziehen lassen musste. Da er daran aber ebenso wenig glaubt wie die Kollegen, gilt jetzt die Devise: perspektivisch denken. Die Branche setzt verstärkt auf den Nachwuchs, deshalb startet der Dehoga Stuttgart kommenden Mittwoch, 14. Juli seine Ausbildungsinitiative. Von 10.30 bis 16 Uhr parkt der zum „Gastromobil“ umgebaute Omnibus in der Königstraße auf Höhe des Schlossplatzes. Außerdem wollen sich namhafte Hoteliers und Gastronomen der Stadt den potenziellen Nachwuchskräften vorstellen.

100 offene Stellen in sechs Lehrberufen

Werbung tut not, denn das Argument, die Branche biete „krisensichere Arbeitsplätze“ nach dem Motto „gegessen und getrunken wird immer“, gilt seit Corona so nicht mehr. Einen Azubi-Mangel gab es in der Gastronomie schon vor der Pandemie. Jetzt allerdings sind auf der virtuellen Ausbildungsplatzbörse www.wir-gastfreunde.de des Dehoga mehr als 100 offene Stellen in sechs Lehrberufen allein in Stuttgart zu finden.

„Die Not ist groß“, sagt Jochen Alber, der Stuttgarter Geschäftsführer des Dehoga am Mittwoch bei der Vorstellung der Ausbildungsinitiative im Restaurant Schloss Solitude. So groß, dass etliche Gaststätten nach 14 Monaten Pause mit eingeschränkten Öffnungszeiten oder zusätzlichen Schließtagen wieder gestartet seien, weil ihnen das Personal fehle. Man habe von 2010 bis 2020 die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze knapp verdoppeln können, so Alber. Allerdings schätzt er die Zahl der Aushilfskräfte in Minijobs auf mindestens genau so hoch. Macht also deutlich mehr als die genannten 3200 Mitarbeiter, die fehlen.

Gewerkschaft kritisiert Unternehmen

Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) Region Stuttgart geht in einer Pressemitteilung sogar davon aus, dass in der Stadt rund 3800 Köche, Servicekräfte und Hotelangestellte dem Gastgewerbe den Rücken gekehrt hätten. „Die Unternehmen haben es über Jahre versäumt, die Arbeit attraktiver zu machen. Das rächt sich jetzt“, kritisiert der Geschäftsführer Hartmut Zacher. Genannt werden unter anderem unbezahlte Überstunden und ein rauer Umgangston.

Elisabeth Berger, die mit ihrem Mann das Kronen-Hotel in der Innenstadt führt, zeichnete am Montag ein anderes Bild. Sie habe eine „spannende Zeit“ hinter sich, in der sie ihre Azubis von einer anderen Seite kennen gelernt habe. Ihr Hotel war zwar nur sechs Wochen geschlossen, hatte aber lange einen Auslastung von gerade mal zehn Prozent, aktuell sind es laut Berger 22. Ihre Erfahrung: „Unsere Azubis haben gemerkt, wie wir gelitten haben. Sie haben sich fachlich wie menschlich so viel Mühe gegeben.“ Berger spricht von einem Beruf, der „extrem glücklich“ mache. „Man bekommt selten so viele Komplimente von Kunden wie bei uns.“




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