Gastronomie in Stuttgart Brauereien gestalten die Gaststätten-Landschaft

Haben größten Einfluss auf die Stuttgarter Gastronomie: Christian und Wolfgang Dinkelacker sowie Bernhard Schwarz, der Geschäftsführer der Brauerei (v.l.n.r.). Foto: Achim Zweygarth
Haben größten Einfluss auf die Stuttgarter Gastronomie: Christian und Wolfgang Dinkelacker sowie Bernhard Schwarz, der Geschäftsführer der Brauerei (v.l.n.r.). Foto: Achim Zweygarth

Das bevorstehende Ende des traditionsreichen Lokals Locanda No. 1 zeigt, welchen Einfluss die Brauereien auf die hiesige Gastronomie haben. Durch Verpachtungen gestalten die Bierriesen die Gaststättenlandschaft.

Wochenendbeilage : Ingmar Volkmann (ivo)
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Stuttgart - Das Jahr 2013 steht stellvertretend für ein erstaunliches Sterben von Traditionsgaststätten in Stuttgart. Nachdem kurz hintereinander das Ende der Kellerschenke, des Schlemmergrills im Hauptbahnhof und der Kiezkneipe Libero verkündet werden musste, steht zum Ende des Monats der nächste Abschied auf der Tagesordnung: Das traditionsreiche Locanda No. 1 am Rotebühlplatz muss zum 30. Juni schließen. Die genannten Lokale sind zwar so unterschiedlich wie nur möglich, sie stehen – oder besser standen – in ihrer Vielfalt aber für Betriebe, die allesamt eine Geschichte erzählt haben und die Heimat waren für bestimmte Milieus und Charakterköpfe.

Das Locanda No. 1 war 31 Jahre lang Wohnzimmer für italophile Freigeister. Die beiden Wirte Leonardo Vitale und Francesco Simula haben es in ihrer Wirtschaft verstanden, Politik und Pizza unter einen Hut zu bringen. Dass damit jetzt Schluss ist, liegt an der Brauerei Dinkelacker. Die Brauerei hatte die Immobilie an das Locanda verpachtet, war zuletzt mit dem Bierabsatz des Restaurants aber nicht mehr zufrieden und kündigte den Wirten pünktlich zum Weihnachtsfest 2012.

Dinkelacker betreibt 160 Pachtobjekte

Die Abservierung des Locanda zeigt auf anschauliche Art und Weise, welchen Einfluss die hiesigen Brauereien auf die Stuttgarter Gastronomie haben. Dabei ist das Maß der Macht von Brauereien längst nicht die Menge des Bieres, das sie verkaufen. Durch Verpachtungen, Belieferungen mit Monopolabsichten und das Immobiliengeschäft bestimmen sie die hiesige Gastro-Szene entscheidend.

Beispiel Dinkelacker. Die Brauerei beliefert nicht nur Gaststätten mit ihrer Ware, sondern betreibt insgesamt rund 160 Pachtobjekte, davon laut Bernhard Schwarz, Geschäftsführer der Privatbrauerei, 120 bis 130 in der Region Stuttgart. Von diesen Pachtobjekten gehören rund 40 der Dinkelacker AG, einer Firma, die sich längst zu einem der wichtigsten Immobilienplayer der Stadt gemausert hat. Vorstandsvorsitzender der Dinkelacker AG ist Wolfgang Dinkelacker, der wiederum der Geschäftsführung der Dinkelacker Brauerei GmbH vorsteht.

Verpachtungen spielen bei Hofbräu keine Rolle mehr

Über die Verpachtungen nimmt die Brauerei also direkten Einfluss auf die Zusammensetzung der hiesigen Gastronomie – siehe Locanda No. 1. Dinkelacker-Schwabenbräu-Chef Bernhard Schwarz verteidigt dieses Vorgehen. Er sieht seine Brauerei sogar in der Pflicht, auf den Gastronomie-Markt Einfluss zu nehmen. „In der Stuttgarter Innenstadt gibt es mittlerweile so viel Handel, so viele Filialisten, dass die besten Flächen für die Gastronomie nicht mehr erschwinglich sind.“ Durch die Verpachtungen sichere Dinkelacker eine gastronomische Vielfalt in der Stadt. „Derzeit ist viel Bewegung im Markt. Stuttgart hat sich in den vergangenen zehn bis 15 Jahren toll entwickelt. Wer hätte denn gedacht, dass eine Einrichtung wie das Cavos nach Stuttgart kommt oder dass es so etwas wie das Wilhelmspalais in Stuttgart gibt? Die neuen Konzepte tun der Gastronomie sehr gut“, sagt Schwarz weiter.

Einen etwas anderen Ansatz als Dinkelacker verfolgt die zweite große Stuttgarter Brauerei, Stuttgarter Hofbräu. Zwar gehört Hofbräu im Gegensatz zu Dinkelacker zu einem großen Konzern, nämlich zur Radeberger Gruppe, der Bier-Sparte von Dr. Oetker. Das Unternehmen inszeniert sich aber geschickt als heimatverwurzelt, „schließlich sind wir die einzige Stuttgarter Brauerei, die mit Stuttgarter Wasser braut“, sagt Martin Alber von der Hofbräu-Geschäftsleitung. Was Hofbräu anders als Dinkelacker macht: „Das Verpachten ist bei uns ein rückläufiges Geschäftsmodell. Statt Immobilien anzupachten und sie dann teurer weiterzuverpachten, konzentrieren wir uns lieber darauf, gutes Bier zu liefern“, sagt Alber. Es hat einen einfachen Grund, warum Stuttgarter Hofbräu weniger mit Immobilien am Hut hat: Der Hofbräu-Grandseigneur Peter May, der die Geschicke der Brauerei Jahrzehnte lang lenkte, hatte bereits vor Jahren erkannt, dass man mit Immobilien und Firmenbeteiligungen noch mehr verdienen kann als mit Gerstensaft. May gründete die Stinag Stuttgart Invest AG, deren Einfluss auf das Stuttgarter Wirtschaftsgeschehen kaum geringer sein dürfte als der der Dinkelacker AG.

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