Sie schafft Texte außer Rand und Band: Die österreichische Dichterin Elfriede Jelinek polarisiert das Publikum wie kaum jemand anders. Den Rechten gilt sie als „Nestbeschmutzerin“ und „Volksverhetzerin“, ihren Anhängern als Mahnerin für Humanität und Aufklärung. Was ist von der Nobelpreisträgerin wirklich zu halten?

Kultur: Tim Schleider (schl)

Wien - Ob Bob Dylan am 10. Dezember in Stockholm seinen Literaturnobelpreis persönlich entgegennehmen wird, ist derzeit ungewiss. Immerhin, er wäre nicht der Erste, der freiwillig dieser Ehrung fernbleibt. Auch Elfriede Jelinek reiste 2004 nicht nach Stockholm. Die Beweggründe dafür dürften sich aber vermutlich unterscheiden. Jelinek lebt seit nunmehr rund zwanzig Jahren weitgehend zurückgezogen aus der Öffentlichkeit. Sie ist regelmäßig Zielscheibe derart heftiger Angriffe in Politik und Gesellschaft, dass sie sich der direkten Konfrontation mit ihren Gegnern lieber entzieht, laut eigener Auskunft auch aus psychischer Labilität. Literatisch aber ist sie ungebrochen produktiv.

 

Es ist frappierend, wie stark der Widerwille ist, den die Schriftstellerin, Dichterin und Dramatikerin nun schon seit Jahrzehnten mit ihrem Werk bei vielen hervorruft, ohne dass ihre allseits bekannte Haltung oder ihre literarischen Mittel so etwas wie einen Gewöhnungseffekt beim Publikum erzeugen würden. Zur marxistischen Feministin entwickelte sich die 1946 in tiefster Steiermark-Provinz geborene Frau während ihrer Studienjahre in Wien. Seit ihrem allerersten Roman „bukolit“ (1968), vor allem aber seit der viel beachteten „Klavierspielerin“ (1983; von Michael Haneke 2001 kongenial verfilmt) gilt sie als eine gnadenlos emotionslose Gerichtsmedizinerin der aus ihrer Sicht ebenso frauenfeindlich wie postfaschistisch stinkenden Leiche namens Universalkapitalismus. In offener, deutlicher, durch nichts geschönter Beschreibung der Körper und ihrer von (Selbst-)Zerstörungswut geprägten Sexualität offenbart sie die Herrschaft der Macht auf die Psyche. Und dass ihre Beschreibungen so offen und deutlich gerieten, dass manche nur noch Pornografie darin sehen konnten, machte 1989 ihren Essayroman „Lust“ sogar zum Bestseller-Erfolg.

Aus der Kritikerin wir die „Nestbeschmutzerin“, die „Volksfeindin“

Als in den neunziger Jahren ein halbseiden-durchtriebener Lebemann namens Jörg Haider dem Rechtspopulismus in Österreich seinen Sonnenstudio-Chic verlieh, sah sich Jelinek endgültig in der Rolle der „Volksfeindin“, der „Nestbeschmutzerin“, also der Intellektuellen-Hexe. Und je mehr sie daraufhin die Werte der Aufklärung und der Humanität endgültig versinken sah im Erstarken von neuem Nationalismus, Rassismus, neuer Minderheitenhatz, je entgrenzt-ungebärdiger wurden ihre Worte, so ausufernder ihre Dramen, so verzweifelt-maßloser ihre Anwürfe gegen die sonstigen Dumpfbratzen dieser Welt.

Nein, man muss ganz sicher nicht mühelos verstehen und noch weniger ungerührt schlucken, was Jelinek in ihren Dramen und Essays an Wort- und Assoziationskaskaden schier regellos entfacht (in jüngerer Zeit vor allem ihr großer Einspruch zur Flüchtlingsdebatte, „Die Schutzbefohlenen“). Aber man wird ihre Einzigartigkeit als Beobachterin, als rasend trauernde Mahnerin, als Dichterin unserer Zeit nie in Abrede stellen können. Elfriede Jelinek wird an diesem Donnerstag siebzig Jahre alt. Sie und ihr Werk haben nichts weniger als Respekt verdient. Es wird auch in Zukunft viele geben, die sich darin gefallen, ihr diesen zu versagen. Es lohnt sich, zu widersprechen.