Geislingen: So schön wie Rothenburg ob der Tauber Neuauflage für alte Zimmermannskunst

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Der Alte Zoll zählt zu den historischen Prachtbauten in Geislingen. Jetzt wird das Fachwerkhaus von Grund auf restauriert – mit Mitteln der Zimmermannskunst.

Wenn Ziegel und Unterdach das Gebäude schützen, kann das Fachwerkhaus noch  viele Jahrhunderte überdauern, sagt Martin Stahl. Foto: /Horst Rudel
Wenn Ziegel und Unterdach das Gebäude schützen, kann das Fachwerkhaus noch viele Jahrhunderte überdauern, sagt Martin Stahl. Foto: /Horst Rudel

Geislingen - Mit dem Geislinger Kornschreiberhaus ging alles los: Noch als Student kaufte Martin Stahl das älteste Gebäude in der Stadt und rettete es damit vor dem bereits genehmigten Abriss. Das ist schon so viele Jahre her, dass der Zimmermeister spontan nicht sagen kann, wie viele historische Gebäude er insgesamt seither in seiner Heimatstadt saniert hat. Derzeit haben Stahl und seine Leute alle Hände voll zu tun, um einem weiteren Vorzeigeprojekt der mittelalterlichen Holzbaukunst, dem Alten Zoll in der Fußgängerzone in der Oberen Stadt, zu neuem Glanz zu verhelfen. Denn hier sollen einmal das Bürgerbüro und Teile der Stadtverwaltung einziehen.

Vor 500 Jahren von der Ulmer Herrschaft gebaut

Mindestens vier Zimmerleute arbeiten gleichzeitig auf dieser besonderen Baustelle, auf der jede Hand gebraucht wird, um die mehrere Meter langen Balken und Sparren in den Dachstuhl des gut 500 Jahre zählenden Fachwerkbaus zu bringen, der zu Zeiten der Ulmischen Herrschaft in Geislingen entstand.

„Vieles wird wie früher gemacht, das sind traditionelle, alte Handwerkstechniken“, erklärt der Zimmermeister, der auch eine Zusatzqualifikation als Restaurator besitzt. Stahl deutet auf eine Holzbalkendecke, wo altes auf neues Holz trifft. Schadhafte Balken, die verfault waren oder vom Pilz zerfressen, habe man ausgetauscht, wobei er Wert darauf lege, möglichst viel von der historischen Bausubstanz zu erhalten. Für die Ausbesserungsarbeiten würden klassische Längsverbindungen per Stoß oder Überblattung zum Einsatz kommen, wie sie von alters her verwendet würden. Neben Fichte werde im Alten Zoll hauptsächlich Eiche verbaut, eine für seine Härte und Langlebigkeit geschätzte Holzart, mit der heute allerdings nur noch selten gearbeitet werde. Das liege nicht nur am deutlich höheren Preis, sondern auch daran, dass der Umgang mit dem Hartholz besonderes handwerkliches Geschick und Kraft verlange.

Wichtige Station auf dem Weg in die Alpenregion

Beim Gang durch das Erdgeschoss macht Stahl auf die alte repräsentative Eingangstür aufmerksam, die von einem profilierten Rundbogen aus Holz eingefasst ist: „So etwas macht heute niemand mehr, das ist viel zu aufwendig und noch dazu aus einem Stück Holz gefertigt.“ Solche Details seien genauso Beleg für den Reichtum der Erbauer wie die vielen Etagen des Zolls.

Lediglich ein Stockwerk sei vom Zöllner und seiner Familie als Wohnung genutzt worden, die übrigen sechs Geschosse hätten als Lager für Waren und Getreide gedient. Stahl erinnert daran, dass Geislingen ein wichtiger Umschlagplatz auf dem Handelsweg in den Alpenraum war. Neben dem üblichen Zoll wurden in Geislingen Abgaben für die Nutzung der Steige und die dafür zusätzlich nötigen Zugpferde verlangt. Auch diese Naturalabgaben wurden in dem Zollgebäude untergebracht.

Das Gebäude ist ein herausragender denkmalgeschützter Fachwerkbau

Der Alte Zoll – Baujahr 1495 – zählt zu den herausragenden Fachwerkbauten des Landes aus dieser Epoche. Das bestätigt auch das Landesdenkmalamt in Esslingen. Die Fachbehörde sieht den Alten Zoll in der gleichen Liga wie das Alte Rathaus in Esslingen und das Markgröninger Rathaus im Kreis Ludwigsburg.

Auf gut eineinhalb Jahre veranschlagt der Zimmermeister die reinen Reparaturarbeiten, die sein Gewerk beträfen. Viel Zeit und Mühe habe es gekostet, den Alten Zoll wieder einigermaßen ins Lot und auf die eigenen Beine zu stellen, denn das Gebäude war wegen der verfaulten Balken auf der Südwestseite bedrohlich abgesackt. Über Wochen hinweg habe man die Fachwerkkonstruktion Zentimeter für Zentimeter behutsam angehoben.

Jahrhunderte lang ist Feuchtigkeit eingedrungen

Bevor zum guten Schluss noch eine neue Biberschwanzabdeckung das Dach dicht machen soll, wird zum Schutz der wertvollen Bausubstanz ein Unterdach auf Höhe der Dachsparren eingezogen. Stahl ist froh, dass sich die Kommune als Bauherrin entschließen konnte, diese Zusatzkosten aufzubringen: „Das Wichtigste ist ein dichtes Dach, denn ein Haus muss von oben trocken sein.“ Die Ziegel allein könnten das Eindringen von Feuchtigkeit nicht verhindern, das hätten die Schäden deutlich gezeigt, die über Jahrhunderte entstanden seien. „So ein schönes Gebäude muss doch für die Nachwelt erhalten bleiben“, fordert der Restaurator. Er zeigt sich überzeugt davon, dass der alte Bau auf diese Weise noch viele weitere Jahrhunderte überdauern könne. Und wenn noch die übrigen mittelalterlichen Gebäude entlang der Fußgängerzone vom Putz befreit würden, der in der Barockzeit in Mode kam, könne es Geislingen, in dem es nie einen Stadtbrand gegeben habe, sogar mit Rothenburg ob der Tauber aufnehmen, vermutet Stahl. Wie solide die Zimmerleute bereits im Mittelalter gebaut haben, zeigt Stahl zum Schluss noch in einer der oberen Dachetagen. Hier halten historische Zapfenverbindungen, unterstützt von Holznägeln, das Gebälk zusammen.

Der Handwerker nimmt einen neuen, gut 30 Zentimeter langen Nagel, den seine Leute eigens mit der Stoßaxt nachbearbeitet haben, in die Hand und demonstriert damit das Prinzip: Der kantige Nagel sei etwas stärker dimensioniert als das Bohrloch, damit er nach dem Einschlagen bombenfest sitze.