Gemeinschaftsschule Weil der Stadt Schüler zur gegenseitigen Hilfe ausgebildet

Von Florian Mader 

Nach den Äußerungen des Philologenverbandes tobt der Streit: Funktioniert das Konzept der Gemeinschaftsschule?

Zufriedene Lehrer: Julia Korn, Lars Horn und Vivien Müller. Foto: factum/Simon Granville
Zufriedene Lehrer: Julia Korn, Lars Horn und Vivien Müller. Foto: factum/Simon Granville

Weil der Stadt - Da will ich auf keinen Fall hin, hat sich Julia Korn gedacht. Mit ihrem Referendariat ist sie da gerade fertig, eine Stelle am Gymnasium bekommt sie aber nicht. An einer Gemeinschaftsschule in Feuerbach wird die Stelle einer Krankheitsvertretung frei. „Ich wollte diese Schulart einmal ganz unverbindlich ausprobieren“, erinnert sie sich.

Jetzt arbeitet Julia Korn, die ausgebildete Gymnasiallehrerin, schon im zweiten Jahr an der Heinrich-Steinhöwel-Gemeinschaftsschule in Weil der Stadt. Und ihr Resümee lautet: Sie ist glücklich. 2012 hatte die damalige grün-rote Landesregierung diese ganz neue Schulart eingeführt, seitdem tobt der Kulturkampf. Der Philologenverband, ein Verband von Gymnasiallehrern, hat vergangene Woche mit einer Kampagne gegen die Gemeinschaftsschule begonnen. Der Landesvorsitzende Ralf Scholl spricht von einer „großen Unzufriedenheit von Gymnasiallehrern an Gemeinschaftsschulen“.

Stimmt das? In Weil der Stadt ist davon nichts zu spüren. Sieben Lehrer dort sind fürs Gymnasium ausgebildet. Neben Julia Korn unter anderem auch Vivien Müller und Lars Horn. Und sie alle schütteln den Kopf, wenn sie von den Vorwürfen der Philologen hören. „Den ausgebildeten Gemeinschaftsschullehrer gibt es ja nicht“, sagt Vivien Müller. „Wir sind alle Anfänger.“ Viele unterschiedliche Fähigkeiten und Begabungen treffen da in der Lehrerschaft aufeinander, sie arbeiten zusammen und feilen gemeinsam an dem Projekt Gemeinschaftsschule.

Viele Mythen über die Schulart

„Es gibt total viel Unwissenheit, viele Märchen und Mythen über die Gemeinschaftsschule“, hat auch Julia Korn festgestellt – und das sowohl bei den Bürgern, als auch bei den Berufskollegen der anderen Schularten. Dabei lohnt sich ein Blick in die Schule hinein – genauso, wie es Korn mit ihrer ersten Stelle als Krankheitsvertreterin selbst gemacht hat. In Tübingen hat die junge Frau Spanisch, Geschichte und Politik studiert. Während des Studiums hat sie in ein berufliches Schulzentrum reingeschnuppert. Mit vielen Schülern hatte sie dort zu tun, jeweils nur wenige Stunden in der Woche. „Man konnte kaum eine Beziehung zu den Schülern aufbauen“, sagt sie.

Anders war es in Feuerbach, an ihrer ersten Gemeinschaftsschule. „Ich war richtig erstaunt, wie gut es funktioniert, wenn die Kinder auf den unterschiedlichen Niveaus zusammen lernen“, erinnert sie sich. Auf drei Niveaustufen wird an Gemeinschaftsschulen unterrichtet, die zum Hauptschulabschluss, zum Realschulabschluss oder zum Abitur führen können. Dabei gibt es Unterricht in traditioneller Form, eigenständiges Lernen und Lernen in Gruppen.

„Bei den älteren Stufen sehe ich ganz deutlich, wie stark sie sich gegenseitig helfen“, berichtet auch Korns Kollege Lars Horn. Im Laufe der Jahre üben das die Lehrer mit den Klassen ein, beantworten zum Beispiel nicht gleich alle Fragen, sondern fordern zu gegenseitiger Hilfe auf. Vivien Müller hat es erst am Vormittag erlebt. „Einer meiner Schüler war mit dem Wochenplan schon am Mittwoch fertig“, erzählt sie. Anstatt sich neue Aufgaben geben zu lassen, habe er gesagt: Jetzt helfe ich erst anderen in Mathe.

Vivien Müller hat in Tübingen Deutsch, Geschichte und Erziehungswissenschaften auf Gymnasiallehramt studiert. Während des Studiums war sie Hilfskraft am Institut für Erziehungswissenschaften und war nah dran, als dort die Einführung der Gemeinschaftsschule wissenschaftlich begleitet wurde. „Von dem pädagogischen Konzept war ich immer begeistert“, sagt sie. „Ich finde es wichtig, dass man jedes Kind so annimmt, wie es ist, es in seinen Stärken fördert.“

Schüler verlieren auch die Angst vor Tests

Die Lehrer begleiten ihre Schüler viel mehr Stunden, als sie es etwa am Gymnasium tun, zehn bis 14 Stunden. Bis Klasse 8 gibt es keine Noten, sondern Lernentwicklungsberichte. Für Müller hat das nur Vorteile. Wer in Deutsch eine Vier bekomme, sei erst einmal demotiviert. „In einem Text kann ich sagen: ‚Den Inhalt kannst du gut, an der Rechtschreibung müssen wir noch arbeiten’“, sagt sie. So würden Schüler auch die Angst vor Tests verlieren.

Das ist für Lehrer auch mehr Arbeit. „Natürlich müssen die Kollegen hinter dem Konzept stehen“, sagt Lars Horn. „Wir betreuen die schlechten Schüler viel intensiver.“ Horn ist seit drei Jahren in Weil der Stadt an der Steinhöwel-Gemeinschaftsschule. Davor hat er in Heidelberg Englisch und Geschichte studiert und das Referendariat an einem Gymnasium absolviert. „Über die Gemeinschaftsschule gab es damals so viele Mythen, ich wusste nichts darüber“, erinnert er sich.

In Weil der Stadt hatte er es kennengelernt – und steht jetzt voll dahinter. „Wahrscheinlich fühlt sich kein Lehrer ausreichend ausgebildet“, sagt Lars Horn. Ständig dazulernen ist da gefragt – auch, weil er jetzt Fächer unterrichtet, die er nicht studiert hat, zum Beispiel Politik, Erdkunde und Ethik. „Diese Abwechslung ist richtig interessiert“, findet der Pädagoge. Und seine Kolleginnen Julia Korn und Vivien Müller nicken.




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