Gerlingen Weingärtner trotzen der Pandemie

Von Uwe Roth 

Frost und Trockenheit mindern die Erträge der Gerlinger Weingärtner. Die Qualität ist aber topp. Die größte Herausforderung stellt derzeit das Coronavirus dar.

Die Weinlese ist seit Ende September auch in den Gerlinger Lagen abgeschlossenDer Trollinger gerät in die Defensive, Rosé, Weißburgunder und Riesling sind gefragt. Foto: factum/Simon Granville
Die Weinlese ist seit Ende September auch in den Gerlinger Lagen abgeschlossenDer Trollinger gerät in die Defensive, Rosé, Weißburgunder und Riesling sind gefragt. Foto: factum/Simon Granville

Gerlingen - Seit wenigen Tagen ist in Gerlingen die Weinlese abgeschlossen. Wie in den meisten Anbaugebieten ist das Ernteergebnis nach Befragung örtlicher Weinbaubetriebe zufriedenstellend. Frost und Trockenheit haben die Erträge um bis zu 30 Prozent verringert. Auf der anderen Seite schwärmen die Gerlinger Weingärtner von der besonders hohen Qualität der Trauben. Die versprechen einen guten Jahrgang. Sorge bereitet allerdings zunehmend der Trollinger, der von Jahr zu Jahr immer weniger in die Zeit passen will. Er ist für Krankheiten anfällig, leidet unter dem Klimawandel und der schwindenden Zuneigung durch die Weintrinker.

Verbraucher kaufen Wein überwiegend im Supermarkt

Viel mehr als das Wetter machte den Betrieben aber die Corona-Regeln zu schaffen. Sie keltern selbst und sind Selbstvermarkter. Der Verkauf läuft über den Hofladen und vor allem in der eigenen Besenwirtschaft sowie während der Weinfeste. Die Einnahmen aus dem Weinblütenfest werden im Corona-Jahr schmerzlich vermisst. Auch die Geschäfte im Hofladen könnten zum Teil besser laufen. Die Verbraucher holten sich ihre Weine überwiegend im Supermarkt oder beim Discounter, statt direkt beim Erzeuger, beklagen die Weinbauern.

Die Weinlaube im Brückle ist seit 2011 ein Biobetrieb. Dienstags bis samstags ist der Hofladen geöffnet. Mit Preisen zwischen 4,50 und sechs Euro die Flasche kann Inhaber Michael Volz im wachsenden Biomarkt eigentlich gut mithalten. Doch gerade bei jüngeren Leuten habe sich das Angebot „noch nicht so herumgesprochen, obwohl sie doch auf Bio stehen“, bedauert Volz. In den Hofladen komme „die normale Bevölkerung“, wie er feststellt. Die Familie lebt vom Weinanbau und dem Brennen von Schnäpsen. Auf zwei Hektar Rebflächen hat der Betrieb alle gängigen Weinsorten im Programm: Monarch, Regent, Dornfelder, Lemberger, Gewürztraminer und des Schwabens Lieblingsweine, den Riesling und Trollinger.

Am 31. Oktober beginnt im Besen die Wintersaison

Letzter Lesetag war der 30. September. Sein Kommentar zum Weinjahr: Wegen des leichten Frosts im Frühjahr und der Hitzewochen fällt der Ertrag zwischen 20 und 30 Prozent geringer aus. „Weil wir auf Schädlingsbekämpfung und Kunstdünger verzichten, sind wir geringere Erträge gewöhnt.“ Für die Gesundheit der Trauben sei das Jahr optimal gewesen. Die zurückgehenden Temperaturen kurz vor und während der Lesezeit hätten ebenso zu einem guten Ende beigetragen. Für die pilzwiderstandsfähige Weißweinsorte Solaris hätten beste Bedingungen zum Reifen geherrscht. Die Trauben kamen auf ein beachtliches Mostgewicht von 115 Öchsle.

Der Besen ist vier Mal im Jahr geöffnet. Wegen Corona seien die Tische und Bänke im Außenbereich in weitem Abstand aufgestellt gewesen. „Das Abstandhalten hat ganz gut geklappt“, sagt er. Am 31. Oktober öffnet der Besen in den zwei Innenräumen wieder. „Wir lassen uns überraschen, ob es im Winter funktioniert. Doch es gibt keine Wahl. Wir müssen aufmachen, weil wir davon leben.“

Der Trollinger hat am meisten gelitten

Das Gerlinger Weingut Sadlo bewirtschaftet 2,5 Hektar, einen Teil davon in Horrheim. Die Besenwirtschaft ist wiederum in Rutesheim. Da trifft es sich, dass sie über Winter an einer Baustelle ist und deswegen nicht geöffnet werden kann, so Corinna Sadlo. Insgesamt habe das Weinjahr ihrem Betrieb eine zufriedenstellende Bilanz beschert: „Die Qualität ist richtig gut. Der Ertrag aber kleiner“, stellt sie fest. „Der Muskattrollinger ist sehr schön geworden. Aber auch alle anderen sind wirklich gut geworden.“ Im Ergebnis gefällt ihr besonders der Merlot.

Bei Hans-Jörg Schopf vom gleichnamigen Betrieb hat der geringe Regen größere Schäden angerichtet als der Frost. „Die Trockenheit hat deutliche Spuren hinterlassen“, sagt er. Bei den Weißweinsorten kam ein Viertel weniger in die Kelter als sonst. Wie überall hat der Trollinger „mit Abstand am meisten gelitten“. Doch insgesamt sei „die Qualität durchgängig gut. Als Selbstvermarkter ist es für Weinbau Schopf wichtig, bei den Sorten breit aufgestellt zu sein - auch in den Qualitäten trocken und halbtrocken. Weintrinker bevorzugen „hellere Farben“, schildert Schopf den Trend: Gefragt seien Rosé oder Weißweine wie der Weißburgunder und Riesling.

Die Hoffnung ruht auf dem nächsten Jahr

Der Absatz über den Hofbesen und während der Weinfeste sind seine wichtigsten Einnahmequellen. Die sprudelten in diesem Sommer wegen der Umstände spärlich. Während der Ferienzeit veranstaltete er jeweils von Freitag bis Sonntag mit überschaubarem Platzangebot den Sommer-Besen. Den Umsatzverlust habe der Sonderbesen nicht retten können. „Aber es war besser als nichts.“ Schopf will seinen Besen über den Winter geschlossen halten, weil er sich nicht vorstellen kann, wie er die Abstandsregeln umsetzen soll. Nach der Zukunft gefragt, schweigt der Wengerter nachdenklich und sagt dann: „Ich kann nur hoffen, dass es nächstes Jahr ein bissle besser wird.“




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