Gewässerökologie in der Region Stuttgart Den Fischen im Neckar geht es schlecht

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Nur ein Drittel der Arten ist nicht gefährdet. Die Wasserqualität des Neckars ist zwar besser geworden, doch für die Fische ist genauso wichtig, dass es gute Laichflächen gibt. Daran fehlt es fast überall entlang des Flusses. Jetzt wird auch der Flussabschnitt von der Quelle bis Wendlingen untersucht.

Die Zugwiesen in Ludwigsburg sind entlang des 360 Kilometer langen Neckars eine Ausnahme. Mit  derartigen Rückzugsgebieten könnte sich Foto: Kuhnle
Die Zugwiesen in Ludwigsburg sind entlang des 360 Kilometer langen Neckars eine Ausnahme. Mit derartigen Rückzugsgebieten könnte sich Foto: Kuhnle

Stuttgart - „Handlungsbedarf allenthalben“: Mit diesen beiden Worten brachte es Lothar Heissel vom Regierungspräsidium (RP) Tübingen am Montag auf den Punkt. Denn entgegen landläufiger Meinung steht es um die Fischfauna im Neckar alles andere als gut.

Da die Schaumkronen aus den 1980er Jahren verschwunden sind und die Wassergüte durch viele neue Kläranlagen gestiegen ist, glauben viele, dass es doch auch den Fischen besser gehen müsste. Doch viele Arten brauchen auch einen Wasserlauf, in dem sie sich flussauf- wie flussabwärts frei bewegen können. Am oberen Neckar zwischen Wendlingen und der Quelle haben zwar zehn von elf Wasserkraftanlagen eine Fischtreppe für den Aufstieg, doch flussabwärts sind nur vier Anlagen umgebaut; wenn Fische den Abstieg über die Turbinen versuchen, überleben sie das meist nicht.

Noch wichtiger für die Fische sind abwechslungsreiche Ufer, damit der Laich und die Jungfische Schutzzonen haben. Ein Rückzugsgebiet wie die Zugwiesen in Ludwigsburg bildet aber entlang des 360 Kilometer langen Neckars die Ausnahme. Die Regel sind kanalähnliche Zustände. Zudem seien auch die vielen Kormorane eine Bedrohung für die Fische, sagte Manuel Konrad von der Fischereibehörde im RP Tübingen.

Schon 2008 ist wissenschaftlich untersucht worden, wie es den Fischen im unteren Neckar geht; 2012 wurde der Bericht über den mittleren Neckar vorgestellt. Am Montag hat nun die Auftaktveranstaltung für den oberen Neckar mit Bürgermeistern, Anglern und Gewässerplanern in Tübingen stattgefunden. Im Frühjahr 2019 sollen auch für diesen Abschnitt Ergebnisse vorliegen.

Der Angelertrag ist innerhalb von 15 Jahren um rund 85 Prozent geschrumpft

Da es sich dabei um den nicht schiffbaren Teil des Neckars handelt, könnte die Bilanz vielleicht nicht ganz so ernüchternd ausfallen wie für den mittleren Neckar zwischen Deizisau und Gundelsheim. Früher haben dort 38 Arten gelebt, von Aal über Hasel bis hin zu Ukelei. 2012 konnten noch 27 Arten nachgewiesen werden, das entspricht 71 Prozent. Doch nur bei 14 Arten gehen die Forscher davon aus, dass ihr Bestand über eine natürliche Vermehrung stabil bleiben wird. Gerade einmal ein Drittel der Fischarten ist also in seinem Bestand nicht gefährdet. Das sind konkret: Barbe, Barsch, Brachsen, Döbel, Stichling, Gründling, Hasel, Kaulbarsch, Nase, Rapfen, Rotauge, Schmerle, Ukelei und Wels. Letzterer nehme sogar überhand, so Manuel Konrad. Die weiteren 13 nachgewiesenen Arten fanden sich nur vereinzelt oder lokal begrenzt.

Auch die Mengen sind dramatisch gesunken. Auf einem 20 Kilometer langen Flussabschnitt nördlich von Heilbronn haben Angler 1993 noch mehr als 16 Tonnen Fische erbeutet; 2010 waren es etwas mehr als zwei Tonnen. Im gleichen Jahr haben die örtlichen Fischer eine Tonne an Fischen zugesetzt, vor allem Aale, Hechte und Schleien. Ihr Ertrag ist also laut der Studie zur Hälfte auf den eigenen Besatz zurückzuführen.

Am gesamten Neckarlauf versucht man, diese negative Entwicklung der Fischfauna aufzuhalten oder gar umzudrehen. Das kann über den Abschuss oder die Vertreibung der Kormorane geschehen, was aber umstritten ist. Anglervereine setzen Fische zu. Ein probates, aber sehr schwieriges Mittel ist es, den Neckar an manchen Abschnitten wieder natürlicher zu gestalten. Lothar Heissel stellte einen Masterplan für den oberen Neckar vor, in dem 34 Uferpartien identifiziert worden sind, die renaturiert werden könnten. Der Knackpunkt ist der Flächenerwerb – oft muss mit Dutzenden von Eigentümern kleiner Wiesen oder Felder am Fluss verhandelt werden. „Der Kauf läuft ziemlich zäh“, räumte Heissel ein. In Stuttgart und der Region gibt es ähnliche Ideen für den Rückbau des Neckarkanals, die aber auch nur langsam verwirklicht werden können.

Am oberen Neckar wird das beauftragte Hydra-Institut in Konstanz die Fische an zwölf Stellen per Elektro- und Netzbefischung zählen. Zwei Stellen liegen in der Region – zwischen Neckartenzlingen und Neckartailfingen sowie bei Wendlingen.

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