Krimikolumne

Giancarlo de Cataldo/Carlo Bonini: „Die Nacht von Rom“ Das organisierte Chaos

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Kaum hat Papst Franziskus in Rom das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“ aufgerufen, stehen sie schon wieder in den Startlöchern, die Unbarmherzigen, die Geldgierigen, die organisiert Kriminellen, um so viel wie möglich abzusahnen. Erneut ist Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini mit „Die Nacht von Rom“ ein bitteres Lehrstück über die Zustände am Tiber gelungen.

Warten auf die römische Müllabfuhr: im Roman wird plastisch beschrieben, wie wilde Streiks zur Durchsetzung krimineller Ziele angezettelt werden. Foto: dpa
Warten auf die römische Müllabfuhr: im Roman wird plastisch beschrieben, wie wilde Streiks zur Durchsetzung krimineller Ziele angezettelt werden. Foto: dpa

Stuttgart - Als „Lehrstück in Asozialkunde“ haben wir vor eineinhalb Jahren den Thriller „Suburra“ von Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini bezeichnet. Und genauso geht es im neuesten Buch des italienischen Autorenduos weiter: auch „Die Nacht von Rom“ hat eine Stadt zum Gegenstand, in der der Stärkere, der Gemeinere, der Fiesere ewig die Oberhand gewinnt. Mögen die wenigen integren Figuren in diesem Trauerspiel sich noch so sehr dagegen stemmen, möge der eine oder andere üble Patron auf der Strecke bleiben.

Da hilft es auch nicht, dass Papst Franziskus das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“ ausgerufen hat. Eher im Gegenteil: denn mit diesem Jubeljahr gehen Geschäfte einher, öffentliche Aufträge, Großbauten, an denen die unehrenwerte Gesellschaft natürlich fett mitverdienen will.

Wie schon in Suburra schildern de Cataldo, im Brotberuf Richter am Berufungsgericht in Rom, und der Journalist Bonini, welche Rädchen wie ineinandergreifen, an wie vielen Stellen die Korruption jegliche bürgerliche Mechanik verhindert, wie bei Bedarf mit nackter Gewalt Entscheidungsprozesse beeinflusst werden und wie schwer es selbst für Gutwillige ist, halbwegs sauber zu bleiben. Einen alten Bekannten treffen die Leser auch wieder: den Mafiaboss Samurai, der zwar eine längere Gefängnisstrafe absitzen muss, aber fleißig daran arbeitet, seinen Einfluss zu wahren und womöglich bald wieder auf freien Fuß zu kommen.

Zu den eindrücklichsten Stellen gehört neben den genretypischen Mafiaschilderungen der wilde Müllarbeiterstreik, der die Stadt vollends ins Chaos zu stürzen droht – und der ebenso plötzlich endet, wie er begonnen hat. Man wird ähnliche Berichte aus Rom kaum mehr lesen können, ohne an diese Machtdemonstration der organisierten Kriminellen denken zu müssen.

Carlo Bonini/Giancarlo De Cataldo: Die Nacht von Rom. Thriller. Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl. Folio Verlag, 303 Seiten, 24 Euro.