Krimikolumne

Gioacchino Criaco: „Schwarze Seelen“ Auf dem Seziertisch

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Wie funktioniert das organisierte Verbrechen, nach welchen Mechanismen wird der Nachwuchs rekrutiert? Gioacchino Criaco kennt sich schon aus familiären Gründen mit solchen Phänomenen aus, für seinen druckfrischen Thriller „Schwarze Seelen“ hat er sie seziert.

Gioacchino Criaco scheint ein freundlicher Mensch zu sein – auf seine Figuren mit den schwarzen Seelen trifft das ganz bestimmt nicht zu. Foto: Ubaldo Franco
Gioacchino Criaco scheint ein freundlicher Mensch zu sein – auf seine Figuren mit den schwarzen Seelen trifft das ganz bestimmt nicht zu. Foto: Ubaldo Franco

Stuttgart - Es geht ein eigentümlicher Reiz aus von Kalabrien, diesem Landstrich mit seiner antiken Vergangenheit, seinen nach mitteleuropäischen Maßstäben längst überkommenen Bräuchen, seiner Verklammerung mit der Moderne, die auf dem Phänomen des organisierten Verbrechens basiert. Genau das ist auch der eigentümliche Reiz, der Gioacchino Criacos düsteren Roman „Schwarze Seelen“ ausmacht.

Criaco weiß, wovon er schreibt. Wie sein Protagonist stammt auch er aus einer Hirtenfamilie, nur zu gut kennt er die archaischen Bräuche seiner Heimat. Sein Vater fiel einer Blutfehde zum Opfer, sein Bruder hat es in die Top 30 der meistgesuchten Kriminellen Italiens gebracht. Ein zweifelhafter Erfolg, dem der Autor mit den Mitteln eines Künstlers begegnet, der etwas zu sagen hat.

Die Geisel, das „Schwein“

Schon der Beginn des Buches strahlt erzählerische Kraft aus. Was ein wildromantischer Out-door-Trip, vielleicht eine Jagd, sein könnte, ist in Wirklichkeit der Transport eines entführten norditalienischen Industriellen in sein Versteck. Die Kidnapper nennen ihre Geisel „das Schwein“ – als handele es sich um ein Stück Vieh, aus dem man so emotionslos wie pragmatisch Profit schlagen kann.

Doch parallel zu diesem Handwerk lernen der Erzähler und seine beiden Freunde auch was Richtiges: tagsüber besuchen sie das Gymnasium, später wollen sie an die Uni. Schon als Schüler allerdings sind sie mit dem Zubrot als Geiselgangster nicht mehr zufrieden, sie verüben auf eigene Rechnung Raubüberfälle und sind dann als Erstsemester in Mailand so wohlhabend, dass sie den Studien überwiegend sehr desinteressiert gegenüberstehen können. Stattdessen haben sie jetzt den internationalen Drogenhandel im Visier und damit das ganz große Geld.

Die Mechanismen des organisierten Verbrechens

Minutiös seziert Criaco die Mechanismen des organisierten Verbrechens, nicht nur in kriminologischer, sondern auch in soziologischer Hinsicht. „Schwarze Seelen“ ist nicht unbedingt ein leicht zu lesendes Buch, schon der Menge der handelnden Personen wegen. Aber es verdeutlicht, weshalb manche Strukturen sind, wie sie sind. Und weshalb – Reisen der Bande verdeutlichen das – Kalabrien von uns in Deutschland längst nicht so weit weg ist, wie wir das beim wohlig angegruselten Lesen manch anderes Mafiaromans vielleicht gerne hätten.

Gioacchino Criaco: „Schwarze Seelen“, aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl, 229 Seiten, Folio Verlag