Gisbert zu Knyphausen in Stuttgart Dieses norddeutsche „Wir“

Gisbert zu Knyphausen und die Kid Kopphausen Band in Stuttgart: In der folgenden Bilderstrecke zeigen wir Eindrücke vom Konzert. Foto: Jan Georg Plavec 11 Bilder
Gisbert zu Knyphausen und die Kid Kopphausen Band in Stuttgart: In der folgenden Bilderstrecke zeigen wir Eindrücke vom Konzert. Foto: Jan Georg Plavec

Gisbert zu Knyphausen und die Kid Kopphausen Band haben am Mittwoch in den Wagenhallen gespielt. Da wurde endlich klar, wie norddeutscher Songwriter-Pop zu verstehen ist.

Digital Unit: Jan Georg Plavec (jgp)
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Stuttgart - Zunächst einmal muss man Leuten danken: dem Kulturzentrum Merlin, dass es Gisbert zu Knyphausen nicht nur in Stuttgart eingeführt hat, sondern auch samt Kid Kopphausen Band in den Wagenhallen veranstaltet. Den Musikern, dass sie das musikalische Erbe von Nils Koppruch über dessen Tod hinaus weiterleben lassen. Zuletzt auch dem Publikum, denn es entpuppt sich in den weitgehend Ansagen-freien Pausen zwischen den Songs als überaus aufmerksame, kaum schwätzende Zuhörerschaft.

Und das in den komplett ausverkauften Wagenhallen! Die Location ist sogar so ausverkauft, dass die Bar in den Vorraum verlegt wurde, um noch ein paar mehr Menschen in den Genuss dieses Konzerts kommen zu lassen.

Ein Konzert mit Brüchen

Die beiden Songwriter Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch hatten als Kid Kopphausen ja gemeinsame Sache gemacht, ein Album aufgenommen, Konzerte gespielt. Dann starb Koppruch, das Projekt schien beendet. Jetzt ist Gisbert zu Knyphausen mit den verbleibenden Musikern, also der Kid Kopphausen Band, unterwegs. Spielt Songs vom gemeinsamen Album, aber auch eigene Stücke und solche von Nils Koppruch. Alles hat diesen warmen, sauberen, leicht folkigen Klang, den norddeutscher Pop offenbar zu haben hat.

Und doch werden Brüche offensichtlich. Knyphausen-Songs sind ruhiger, spartanischer. Klar, oft steht der aus dem Rheingau stammende Freiherr alleine auf der Bühne, singt diese typisch schmachtenden Lebensgefühl-Songs, die man auf Wohnzimmerkonzerten oder bei TV Noir in schöner Regelmäßigkeit zu hören bekommt.

Was für ein Kontrast dagegen die Kid-Kopphausen-Songs: im Singer-Songwriter-Soloformat würden sie vielleicht nicht so gut funktionieren, dafür sind sie vom Arrangement und vom Sound her von vornherein auf Pop ausgelegt – treibender, vielschichtiger, mit mehr Experimenten an der Gitarre und mehr Wumms in der Rhythmusgruppe. Dem einen im Publikum gefällt dies besser, dem anderen jenes – je nachdem, ob man mehr auf rockigen Drive steht oder auf nach innen blickende, melancholische Texte steht.

Wein aus Stielgläsern

Wir sind hier ja beim größten Konzert des Pop-Freaks-Festivals. Eröffnet wurde das Festival von Der Nino aus Wien, und wer auch bei diesem Konzert war, erkennt eine ganz eigene Eigenart dieses norddeutschen Songwriter-Pop. Das „Wir“, das Knyphausen etwa in „So seltsam durch die Nacht“ bemüht, ist ein „Wir“, wie es die Zeitschrift „Neon“ gerne benutzt: ein Generationen-Wir, eine Abstraktion. Der Nino aus Wien hingegen meint mit „Wir“ immer sich und noch jemand anderes, und zwar in einer konkreten Situation.

Im norddeutschen „Wir“ finden sich in den Wagenhallen offenbar viele wieder. Knyphausen bekommt sogar Szenenapplaus für die Zeilen aus seinem Song „Seltsames Licht“: „So wie es war, wird es es nie wieder sein. / So wie es ist, wird es nicht bleiben. / Wie es dann wird, kann vielleicht / Nur der bucklige Winter entscheiden.“ Auf wie vor der Bühne wird dazu Wein aus Stielgläsern getrunken, und ja: diese Art von Musik ist der legitime Nachfolger dessen, was sich früher mal Schlager nannte und damals, also vor vielen Jahren, die Befindlichkeit der Menschen im Land getroffen hat.

Da gibt’s noch mehr

Die Lage der Popnation beschreiben zwei weitere Songs ganz hervorragend: einmal die Vertonung eines Cobain-Tagebucheintrags, und zum zweiten ein Song für eine Kinderlied-CD. „Immer muss ich alles sollen / Jetzt lasst mich doch auch endlich mal etwas wollen“ rappt (!) Knyphausen, er kriegt dafür Applaus und sollte es doch besser bleiben lassen. Aber mit solchen Projekten finanziert man sich heutzutage als Popmusiker eben auch.

Zum Glück ist das nur eine kurze Episode in dem gut zweistündigen Konzert. Zur zweiten Zugabe stellt sich Gisbert zu Knyphausen noch einmal allein auf die Bühne, nur mit Gitarre, so wie ganz am Anfang im Merlin. Ebendort lassen sich am Freitag und am Samstag beim Pop-Freaks-Festival noch Neuentdeckungen machen, die vielleicht irgendwann auch die Wagenhallen ausverkaufen werden.

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