InterviewGlaube in Stuttgart-Sillenbuch „Mit Kindern kommt Gott ins Haus“

Von Rebecca Beiter 

Sie lebt in einer Gemeinde, die lange Zeit wuchs: die Kirchengemeinderätin Daniela Naumann. Sie spricht über ihre starke Gemeinde und ihren Glauben.

Daniela Naumann freut sich über die jungen Familien in Sankt Michael. Foto: Beiter
Daniela Naumann freut sich über die jungen Familien in Sankt Michael. Foto: Beiter

Sillenbuch -

Einen Rekord verzeichnete die katholische Gemeinde Sankt Michael in Sillenbuch 2014: 3181 Gemeindemitglieder, so viele wie seit 2007 nicht mehr. Daniela Naumann ist Kirchengemeinderätin in Sillenbuch, sie spricht über die starke Gemeinde und ihren Glauben. Doch auch in Sankt Michael macht sich der allgemeine Trend bemerkbar: 2015 sank die Zahl der Gemeindemitglieder auf 3156.
An Weihnachten füllen sich im Allgemeinen die Kirchenbänke, unter dem Jahr bleiben sie leer. Schließt sich die katholische Gemeinde Sankt Michael diesem Trend an?
Natürlich ist Weihnachten ein Tag, an dem es viele Menschen in die Kirche zieht. Aber wir haben tatsächlich unter dem Jahr erstaunlich gut besuchte Gottesdienste.
Die Gemeinde Sankt Michael ist eine Rarität, denn die Mitgliederzahlen stiegen bis 2014 leicht an auf 3181. Woran liegt das?
Es ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Insgesamt haben wir eine lebendige Gemeinde. Wir bemerken im Stadtteil einen großen Zuzug an jungen Menschen und jungen Familien. Darüber hinaus ist der Stadtteil Sillenbuch sicherlich noch stärker von konservativen Werten geprägt als andere Bezirke.
Warum sind die jungen Familien für die Gemeinde wichtig?
Es gibt den schönen Satz, den ich als Mutter auch aus persönlicher Erfahrung heraus bestätigen kann: Mit Kindern kommt Gott ins Haus. Kinder stellen Grundfragen, bei denen banale Antworten nicht mehr zufriedenstellen.
Mit Grundfragen meinen Sie …
Na ja, Kinder fragen schon explizit nach Gott und nach dem Sinn. Familien, die sich vielleicht vom Glauben entfremdet haben, suchen dadurch meiner Erfahrung nach Antworten auf diese Fragen.
Und ihre Suche führt die jungen Familien tatsächlich in die Gemeinde?
Sicher nicht alle, aber viele. Die jungen Familien sind – da merkt man auch die zwei Jahre ohne leitenden Pfarrer – im Sonntagsgottesdienst nicht so präsent, aber der monatliche Kindergottesdienst ist wahnsinnig gut besucht. Zum Teil kommen 30, 40, 50 Kinder. Außerdem haben wir einen brillanten Kirchenmusiker. Das zieht die Menschen an. Am gemeindeübergreifenden Projektchor für die Investitur des neuen Pfarrers nahmen rund 80 Menschen teil. Durch solche Gemeinschaftsprojekte leben Gemeinden, Musik verbindet.
Was macht die Gemeinde abseits der Gottesdienste und Chöre attraktiv?
Orte, an denen Menschen sich begegnen, wie der Frauengesprächskreis oder der Seniorennachmittag. Auch Einrichtungen wie die Gemeindebücherei gehören dazu. Das ist ein niederschwelliges Angebot, das junge Sillenbucher und Familien anzieht und dadurch einfache Berührungspunkte mit unserer Gemeinde bietet. Und wir haben das große Glück, viele Menschen zu haben, die sich zum Beispiel beim Gemeindefest, dem Kinder- und Straßenfest, engagieren. Die Ehrenamtlichen tragen hier wie an anderen Stellen diese Gemeinde.
Gemeinde bedeutet für Sie demnach mehr, als sich zum Gottesdienst zu treffen.
Selbstverständlich. Erst ein vielfältiges und präsentes Gemeindeleben im Stadtbezirk macht eine Gemeinde aus. Gemeinde entsteht überall dort, wo Menschen einander zuhören, füreinander da sind und so Gottes Liebe zu uns spürbar ist. Trotzdem bleibt die Eucharistie, also der klassische Gottesdienst, der Kern der Gemeinde.
Was können andere Stuttgarter Gemeinden von der Sillenbucher lernen?
Einen Rat zu geben, finde ich nicht richtig, weil jede Gemeinde unterschiedlich ist, von der Leitungsstruktur her sowie von den Menschen vor Ort.
Manche Gläubige entfremden sich auch in Sillenbuch von der Kirche.
Mein Begriff von Kirche ist nicht an Bedingungen geknüpft. Wer zum Beispiel nur an Weihnachten die Sehnsucht spürt, in die Kirche zu gehen, den sollten wir nicht verurteilen. Wer gläubig ist, kann auch mal mit der Amtskirche hadern, das geht auch mir als Kirchengemeinderätin so.
Inwiefern? Was kritisieren Sie an der Kirche?
Die formalen Strukturen zum Beispiel. Wir bilden mit Gemeinden aus Heumaden, Degerloch und Hohenheim eine Seelsorgeeinheit, die zum Jahreswechsel zu einer Gesamtkirchengemeinde wird. Unser Motto 2016 in Sillenbuch war: „Dem Menschen nahe sein“, doch wir beschäftigen uns oft ausgiebig mit formalen Strukturen, dabei gerät der Dienst am Menschen schnell aus dem Blick – dafür bin ich als Kirchengemeinderätin nicht angetreten. Das ist Kritik an Katholischer Kirche im Kleinen.
Und im Großen?
Im Großen: Bei Wiederverheirateten und Geschiedenen tut sich die Kirche ja auch noch schwer. Doch der Papst zeigte, dass Barmherzigkeit im Fokus stehen muss, vielleicht kommt die Änderung in Gang.
Eine persönliche Frage zum Schluss: Welche Rolle spielt die Gemeinde Sankt Michael in Ihrem Alltag?
Eine große. Ich gehe sonntags und an einigen Werktagen in den Gottesdienst, habe Sitzungen mit den Gremien und feiere natürlich gern, wenn es etwas zu feiern gibt. Wir haben die schöne Tradition, dass wir nach dem Gottesdienst zusammenstehen und reden. Ich kam als Studentin aus dem Hessischen nach Sillenbuch und bin damals von den Menschen mit offenen Armen empfangen worden. Über viele Jahre haben sich Freundschaften gebildet, die Gemeinde gab mir ein Stück Heimat. Als ich 2015 für den Kirchengemeinderat kandidierte, wollte ich ihr etwas zurückgeben.
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