Göppingen Ein Leben im Dienst der Musik

Von Sabine Riker 

Klaus Rothaupt ist seit 25 Jahren evangelischer Bezirkskantor. Zum Jahresende geht er in den Ruhestand. Tasteninstrumente haben ihn schon als Kind magisch angezogen, und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern.

Ein Meister an der Orgel –  doch eigentlich sei er dem Klavier näher, sagt Klaus Rothaupt. Foto: /Horst Rudel
Ein Meister an der Orgel – doch eigentlich sei er dem Klavier näher, sagt Klaus Rothaupt. Foto: /Horst Rudel

Göppingen - Musik ist sein Leben gewesen – und wird es bleiben, auch wenn er am 31. Dezember zum letzten Mal die Tür des Göppinger Bezirkskantorats hinter sich zuzieht. ein Vierteljahrhundert war Klaus Rothaupt evangelischer Bezirkskantor. Er erteilte Orgelunterricht, leitete Chöre, organisierte und gab Konzerte. Manchmal sei es schon viel gewesen, sagt er und lächelt. Nun geht der gebürtige Stuttgarter in den Ruhestand, er freut sich schon auf die größere Freiheit. Seiner Passion, der Musik, hält er die Treue. Auf seinem Schreibtisch liegen schon mehrere Konzertanfragen für das nächste Jahr.

Obwohl er nach hinten an die Wand gerückt ist, dominiert der Flügel das Arbeitszimmer im Bezirkskantorat, das im Schatten der Stadtkirche liegt. Auf dem Instrument liegt ein aufgeschlagenes Notenbuch. Das „Wohltemperierte Klavier“. Mit Bach beginnt Klaus Rothaupt zurzeit seinen Tag. Danach sei er aufgeräumt, sagt er. In den Regalen reiht sich Buch an Buch, und in der Mitte des Raums steht ein Tisch für Besucher. Vom nur wenige Schritte entfernten Schreibtisch hat Klaus Rothaupt nicht nur die belebte Göppinger Hauptstraße im Blick, sondern, wenn man so will, die ganze Welt. Als Musiker pflegt er internationale Kontakte. Im Ruhestand, so hofft er, hat er endlich Zeit, sie zu intensivieren.

Er kennt die Großen der Branche

Wenn Klaus Rothaupt von seinem Berufsleben erzählt, dann ist das wie ein Blick in das „Who is Who“ der klassischen Musik. Er hatte Klavierunterricht bei einer Lehrerin, die selbst Schülerin des legendären Pianisten Dinu Lipatti (1917-1950) war. Er spielte unter namhaften Dirigenten: Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen, Sergiu Celibidache, um nur ein paar Namen zu nennen. „Ich war da halt einer im Orchester“, winkt er bescheiden ab. Auch den Pianisten Vladimir Ashkenazy kennt er persönlich, den Tenor Daniel Behle und ungezählte andere mehr.

Die Freundschaften mit diesen Musikern haben ihm auch stets die Kehrseite des Ruhms vor Augen gehalten. Fragil sei der Erfolg. Deshalb beschloss er vor 25 Jahren, sich als evangelischer Bezirkskantor zu bewerben und nicht als freischaffender Musiker zu arbeiten. „Wenn man eine Familie hat . . .“ Er hält mitten im Satz inne und fügt an: „Im Rückblick denke ich, es hätte auch als freischaffender Künstler hingehauen.“

Diese Frage muss ihn nun nicht mehr beschäftigen. Er ist in seiner Tätigkeit als Bezirkskantor aufgegangen. „Unterrichtet habe ich am liebsten“, erzählt er. Es sei eine Herausforderung, jungen Menschen die Orgel nahezubringen. Und: „Man lernt ja auch von den Schülern.“ Die Voraussetzung dafür sei, sich selbst intensiv mit der Musik auseinanderzusetzen. Durch seine Tätigkeit habe er auch viel Orgelliteratur studiert, die er sonst wohl nie kennengelernt hätte.

Erfahrungen auf internationalem Parkett

Tasteninstrumente haben den heute 65-Jährigen schon immer magisch angezogen, zunächst das Klavier der Mutter. Später entdeckte er, dass die Orgel mit ihren vielen Pfeifen auch Tasten hat. Mit zwölf Jahren bestritt er auf der Königin der Instrumente seinen ersten Gottesdienst. Später studierte er Schul- und Kirchenmusik an der Staatlichen Hochschule für Musik in Stuttgart und ging für zwei Jahre nach Paris, wo er Student von Marie-Claire Alain (Orgel) und Kenneth Gilbert (Cembalo) war. Es folgten fünf Jahre als Pianist des Württembergischen Klaviertrios und ein paar Jahre bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen, bevor er 1994 nach Göppingen kam. Parallel war er bis 2000 Dozent an der Hochschule für Kirchenmusik in Tübingen und Esslingen. Er war im Rundfunk zu hören, nahm Schallplatten und CDs mit Orgelwerken von Bach, Dupré, Liszt, Messiaen und Mozart auf und sammelte als Dozent bei Bachakademien in Caracas, Krakau und Oregon wie auch als Interpret in Europa, USA und Südamerika Erfahrungen auf internationalem Parkett.

Eine überwältigende Erfahrung war für ihn die Welturaufführung des Oratoriums „El Pessebre“ von Pau Casals in der Abtei von Montserrat im Hinterland der katalanischen Hauptstadt Barcelona vor sechs Jahren. Rein zufällig war er über eine Spam-Mail gestolpert, die ihn so neugierig machte, dass er sie allen Warnungen zum Trotz öffnete. Es war eine Einladung nach Montserrat. Dass er zu dieser Ehre kam, war kein Zufall, hatte er doch dieses Oratorium für großes Orchester, Chor und Solisten für die Orgel bearbeitet, nachdem die Organisten von Notre-Dame in Paris und des Leipziger Gewandhauses dies abgelehnt hatten. Drei Wochen der Sommerferien opferte er dafür. In Montserrat wurde er dafür gefeiert – diese drei, vier Tage, so sagt er, werde er nie vergessen.

Es gibt noch vieles zu spielen

Die Bilanz, die Rothaupt zieht, beeindruckt. Er schätzt, dass er mehr als 2000 Konzerte gegeben und 200 bis 300 Schüler unterrichtet hat, und er hat den Göppinger Orgelsommer aus der Taufe gehoben. Wenn er einmal viel Zeit habe, werde er die Zahlen genauer erheben, sagt er. Er hat seit 1972 seine Kalender gesammelt.

Obwohl er sein Leben lang Orgel und Klavier spielte, gibt es noch viele Werke, die er einstudieren möchte. Sein Augenmerk liegt dabei auf dem Klavier. „Ich habe immer mit dem Gedanken gespielt, Pianist zu werden. Eigentlich bin ich dem Klavier näher“, erzählt er. So will er noch jene Beethoven-Sonaten einstudieren, die er bisher noch nicht gespielt hat. Und natürlich will er auch mehr Zeit seinen drei Enkelkindern in Karlsruhe widmen. Geplant ist außerdem, in drei Jahren nach Schwäbisch Hall überzusiedeln. Zur Schwiegermutter: Irene Eppler, Witwe des jüngst verstorbenen Erhard Eppler.

Weihnachtsoratorium und Silvester-Soiree

Der Kirchenmusikdirektor Klaus Rothaupt wird bei einem Gottesdienst am Sonntag, 28. Dezember, um 10 Uhr in der Stadtkirche verabschiedet. Zuvor ist er noch zweimal in der Stadtkirche zu erleben und zu hören. An diesem Sonntag wird unter seiner Leitung das „Weihnachtsoratorium“ von Johann Sebastian Bach aufgeführt. Die Veranstaltung beginnt um 17 Uhr. Am Dienstag, 31. Dezember, spielt er bei einer Silvester-Soiree mit dem Trompetenensemble Stuttgart. Beginn ist um 18.30 Uhr.

Cindy Rinck übernimmt am 1. Januar das evangelische Bezirkskantorat. Offiziell eingesetzt wird die 31-Jährige am 8. März um 18 Uhr in der Stadtkirche. Rinck wurde unter vier Bewerbern ausgewählt. Sie studierte Kirchenmusik an der Hochschule für Musik in Würzburg. Studien in Kirchenmusik und Orgel bei Johannes Geffert und Margareta Hürholz an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln folgten. Sie arbeitete ein Jahr als musikalische Assistentin bei dem Kirchenmusikdirektor Kay Johannsen in der Stuttgarter Stiftskirche und war zuletzt Kreiskantorin in der Evangelischen Kirchengemeinde Bad Kreuznach