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Grönland Zum Schmelzen schön

Von Martin Wein aus Ilulissat 

An Grönlands Riviera belohnt ein holpriger Ausflug mit der größten Eisfläche der Nordhalbkugel, die seit Jahren im Rekordtempo schmilzt. Eine Reise auf den Spuren des Klimawandels in der Arktis.

Im Sommer durchziehen mächtige Schmelzwasserströme das Inlandeis bei Kangerlussuaq.  Foto: Martin Wein
Im Sommer durchziehen mächtige Schmelzwasserströme das Inlandeis bei Kangerlussuaq. Foto: Martin Wein

Ilulissat - Der Klimawandel raubt den Reisenden den Schlaf. Als dumpfer Donner grollt er alle paar Minuten über die Bucht und bis in die Betten der rot getünchten Holzhäuschen. Dann ist wieder ein Eisbrocken aus der drei Kilometer breiten Front des Eqi-Gletschers 160 Meter tief ins Meer gestürzt. So groß sind die Stücke bisweilen, dass noch hier in zwei Kilometer Entfernung bis zu fünf Meter hohe Flutwellen drohen. Eqi ist einer der großen Ausflussgletscher vom grönländischen Inlandeis. Wie dieser bis zu 3,5 Kilometer dicke Eispanzer auf die Erderwärmung reagiert, ist eine der großen Fragen in der Klimafolgenforschung. „Der Klimawandel ist hier allgegenwärtig“, sagt der Däne Adam Waarst, der in diesem Jahr das Touristen-Camp leitet.

Von Sommeranfang bis Mitte September sind die 15 Hütten mit Restaurant nahezu ausgebucht. Schon binnen weniger Jahre, seit Bundeskanzlerin Angela Merkel im August 2007 hier für den Klimaschutz warb, hat der Eisstrom sein Gesicht stark verändert. „In diesem Jahr sind die Abbrüche besonders anhaltend. Vermutlich ist der Gletscher an der Strandlinie angekommen. Seine Zunge treibt also bald nicht mehr auf dem Meer“, berichtet Waarst. Die Eisschollen in der Bucht dürften damit demnächst Vergangenheit sein. In zehn, vielleicht 15 Jahren, so schätzt Adam Waarst, wird das Camp seinen spektakulären Gletscherblick verlieren. Rund 70 Kilometer an der zerklüfteten Küste entlang sind es nach Süden bis zum nächsten bewohnten Ort Rodebay bzw. zum Fischereihafen Ilulissat. Ein Küstenschiff der Reederei Disko-Line fährt die Strecke jeden Tag.

Eisberge werden noch Jahrhunderte ein Problem sein

Auf halbem Weg fiept es entnervend aus dem Maschinenraum. Dann plötzlich totale Stille. Hilflos schaukelt das Schiff zwischen spitz gezackten Eisbergen auf den Wellen. Sie stammen vom berühmten Kangia-Gletscher bei Ilulissat. Der ist inzwischen bei der Unesco sogar als Welterbe eingetragen. Seit der Jahrtausendwende hat dieser Riesengletscher seinen Vortrieb auf 40 Meter im Jahr mehr als verdoppelt. Statt 30 Milliarden Tonnen schiebt er nun 46 Milliarden Tonnen Eis in den Nordatlantik. Eis, das dem Küstenschiff bedrohlich nahe kommt, bevor es dem Steuermann zumindest gelingt, den Hilfsdiesel zu aktivieren. Mehrere Stunden dauert es, bis ein Schiff entsandt ist, den Havaristen an den Haken zu nehmen. „Eisberge werden auch bei zunehmender Schmelze noch Jahrhunderte ein Problem für die kommerzielle Schifffahrt sein. Öltanker ohne Eisklasse sind stark gefährdet“, sagt der Wissenschaftler Klaus Nygaard. Er befasst sich in der Inselhauptstadt Nuuk als Direktor des Instituts für grönländische Ressourcen mit den Folgen des Klimawandels für die größte Insel der Welt. Blühende Landschaften erwartet er - kurz gesagt - nicht. Ehemals vergletschertes Land sei für die Landwirtschaft ungeeignet, glaubt der Biologe.

Und auf die Freigabe von Bodenschätzen durch das Eis müsse man gar nicht setzen, erklärt Nygaard in seinem hochmodernen Institutsgebäude, das wie alle Häuser hier auf den blanken Fels gesetzt wurde. „Mineralienvorkommen sind längst bekannt. Aber die Weltmarktpreise sind für einen lukrativen Abbau viel zu niedrig.“ Profiteure des Klimawandels seien bislang nur Makrelen, deren Schwärme es neuerdings vor Grönlands Küsten zieht - und Stechmücken. Wie sieht es nun aber aus auf dem Inlandseis, dessen vollständige Schmelze den Meeresspiegel weltweit um rund sieben Meter steigen ließe? Mit einer robusten Propellermaschine geht es weiter zum Luftdrehkreuz der Insel nach Kangerlusuaq. Dänen und Amerikaner richteten dort am Ende eines geschützten Fjords mit statistisch 300 Sonnentagen im Jahr einen großen Flughafen für militärische Zwecke und den Trans-Atlantik-Verkehr ein. 350 der heute 550 Einwohner im Dorf arbeiten noch heute für die Flughafen-Betriebsgesellschaft. Einer der wenigen anderen ist Kim Petersen.

Der VW-Konzern ließ die Piste vor 15 Jahren anlegen

Seit zwei Jahrzehnten geht der gebürtige Bornholmer regelmäßig auf das Eis. Viele Expeditionen hat er begleitet. In den 90er Jahren hat er es sogar in 42 Tagen auf Skiern überquert. Heute geht alles einfacher. In einem alten Feuerwehrauto mit dem Aufbau eines US-amerikanischen Schulbusses rumpeln die Besucher über eine holprige Wellblechpiste die 36 Kilometer landeinwärts bis zum Eisschild. „Punkt 660“ heißt die Stelle nach einem Vermessungspunkt 660 Meter über dem Meer. Der VW-Konzern ließ die Piste vor 15 Jahren anlegen. Kurzzeitig testeten die Autobauer ihre Fahrzeuge auf dem Eis. Heute liegt es hinter einer feuchten Moräne aus brauner Schlacke da wie unberührt. Mit Steigeisen und Stöcken geht es mitten hinein. Petersen, immerhin schon 56 Jahre alt, marschiert zügig voraus, immer weiter hinein in ein Labyrinth aus Eishügeln, mäandernden Gletscherläufen und eisblauen Seen.

30 Meter habe der Eispanzer an Dicke verloren, seit Petersen das erste Mal kam. Im Winter herrschen hier strenge Minusgrade. Doch im Sommer sucht sich bei 15 bis 17 Grad Lufttemperatur an der Eisoberfläche immer mehr Schmelzwasser einen Weg ins Meer. Nach mehreren Stunden Wanderung ist ein glasklarer See erreicht. Vor einer vorgewölbten Eiswand mit einem schwarzen Loch darin hat er sich ausgebreitet. „Teufelsmund“ nennt Petersen den See voller Ehrfurcht. Ein Ort fragiler Schönheit in totaler Stille. Nur das Platschen ist zu hören, wenn Schmelzwasser in dicken Tropfen zu Boden fällt.

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