Krimikolumne

Gudrun Lerchbaum: „Lügenland“ Unglückliches Österreich

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Von wegen beschauliche Alpenrepublik: das Österreich in Gudrun Lerchbaums Polit-Thriller „Lügenland“ ist ein faschistoider Überwachungsstaat. Damit wirft die Autorin einen besorgten Blick in eine nahe Zukunft.

Gudrun Lerchbaum greift Entwicklungen und Strömungen der Vergangenheit auf und strickt sie in eine bedrohliche Zukunft weiter. Foto: Stephan Frisch
Gudrun Lerchbaum greift Entwicklungen und Strömungen der Vergangenheit auf und strickt sie in eine bedrohliche Zukunft weiter. Foto: Stephan Frisch

Stuttgart - In Österreich, so könnte man meinen, ist das Abgründige immer noch ein bisschen abgründiger als anderswo. Wohl ist das Land überreich an schreibenden, spielenden, singenden Künstlern, die bissig und unverdrossen das Licht der Aufklärung hochhalten. Doch auf der anderen Seite gibt es eine Melange aus Politikerkaste und Spießbürgertum, die es mit Recht und Freiheit nicht so genau nimmt. Ein Haider kam nicht von ungefähr und auch ein Hofer kann auf schweigende bis brüllende Mehrheiten hoffen. Das ist das Klima, in dem Gudrun Lerchbaum ihr in naher Zukunft spielendes „Lügenland“ ansiedelt.

Österreich ist zu einem faschistoiden Überwachungsstaat mutiert, in dem der namenlose Kanzler „die Aufrechten“ hinter sich versammelt hat, während Oppositionelle, Ausländer, „Minderleister“ und sonstige „Zecken“ mit körperlicher Gewalt und großem digitalem Einsatz der Kampf angesagt ist. Motto: und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein.

Totschlag im Drogenrausch

Die junge Milizionärin Mattea will lieber einen heilen Schädel behalten und hat sich deshalb – Tochter eines in Ungnade gefallenen Vaters – bei den Ordnungskräften verdingt. Am Tag vor ihrer Hochzeit scheidet sie aus dem aktiven Dienst aus und erschießt im Drogenrausch versehentlich eine Freundin. Mattea wird von einer anderen Freundin verraten, von ihrer Hochzeit weg flieht sie hinaus in ein Land, in man ohne Datenarmband (eine Mischung aus Ausweis, Smartphone, Geldbeutel und elektronischer Fessel) ein Niemand ist.

Ein zwielichtiger Politapparatschik nimmt sie bei sich auf, nicht aus Menschenliebe, sondern weil er sie in aller Ruhe vergewaltigen und dann den Behörden übergeben will. Doch bei Mattea gerät er an die Falsche, sie bringt auch ihn um und wird wegen einer Verwechslung fortan als die landesweit bekannte Terroristin Ina gesucht.

Gruselige Angelegenheit

Aus diesem Material entwickelt Gudrun Lerchbaum eine spannende Verfolgungsjagd, die allenfalls für die etwas bemüht eingeflochtene Liebesgeschichte leichte Abzüge in der B-Note bekommt. Was aber den Roman unbedingt lesenswert macht, ist dieser Kontrast aus scheinbar beschaulichem Alltag der „Aufrechten“ – dieses Österreich ist äußerlich keineswegs ein grau-düsterer Endzeitstaat wie in „1984“ – und den technischen Möglichkeiten, die nicht aus der Luft gegriffen sind. Dies in Verbindung mit einer gewaltbereiten Gesellschaft, die alles Fremde hinauswerfen oder versklaven möchte, macht „Lügenland“ zu einer ziemlich gruseligen Angelegenheit.

Gudrun Lerchbaum: „Lügenland“. Polit-Thriller, 432 Seiten, Pendragon Verlag, 17 Euro.