„Hair“ im Alten Schauspielhaus Heroin, Kokain und lange Haare

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Das Musical „Hair“ im Alten Schauspielhaus weckt nostalgische Erinnerungen an den Aufbruch der Hippies – und das Publikum springt von den Stühlen.

„Let the Sunshine in“: In „Hair“ wird das Kollektiv gefeiert – trotzdem gibt es mit Claude (Fin Holzwart, Mitte) eine Hauptfigur. Foto: M. Sigmund
„Let the Sunshine in“: In „Hair“ wird das Kollektiv gefeiert – trotzdem gibt es mit Claude (Fin Holzwart, Mitte) eine Hauptfigur. Foto: M. Sigmund

Stuttgart - Am Ende lässt sich nicht mehr genau sagen, wer wen anfeuert, die Sänger das Publikum – oder ist es doch andersherum? Immer lauter hallt die Friedenshymne „Let the Sunshine in“ durch das Alte Schauspielhaus. Die Zuschauer stehen auf, sie klatschen, jubeln, singen – und zuletzt tanzen einige sogar zaghaft in den Stuhlreihen. Herren in Anzügen und jenseits der Fünfzig, Sechzig, Siebzig, elegant gekleidete Damen – mit einem Mal scheinen sie alle wieder jung, wild und rebellisch zu sein wie damals Ende der sechziger Jahre, als man die Gesellschaft noch mit langen Haaren erschüttern konnte und der Welt mit Musik Paroli bieten wollte: „Lasst die Sonne, lasst den Sonnenschein in euch hinein!“ So leidenschaftlich wie bei der Premiere von „Hair“ hat man das Publikum im Alten Schauspielhaus in Stuttgart selten erlebt.

Dabei braucht es eine ganze Weile, bis bei dem diesjährigen Weihnachtsmusical der Funke überspringt. Denn mit „Hair“ hat sich das Alte Schauspielhaus kein Musical im klassischen Sinne vorgenommen. „Hair“ – mit Texten von Gerome Ragni und James Rado und der Musik von Galt MacDermot – ist letztlich sogar ein Anti-Musical. Es wollte nicht nur erzählen, wie die Hippies gegen die Konventionen ihrer Zeit protestieren, sondern auch in der dramaturgischen Gestaltung an den Theatertraditionen rütteln. Anstelle von Hauptfiguren sollte das Kollektiv im Vordergrund stehen, diese kunterbunte Schar junger Sängerinnen und Sänger, deren Markenzeichen die langen Haare sind: „Hair“ feiert das Lebensgefühl der Hippies.

„Hair“ lebt von der Musik – und feiert das Kollektiv

Ganz kommt auch diese Geschichte freilich auch nicht ohne zentrale Figuren aus – und natürlich sind es junge Männer: der charismatische Freigeist Berger (Dennis Weißert), der im Alten Schauspielhaus auch mal die Zuschauer in der ersten Reihe anpumpt – „Haste mal bisschen Kleingeld?“ Und dann ist da noch der verträumte Claude (Fin Holzwart), der sich zu den Hippies hingezogen fühlt, aber in den Vietnamkrieg ziehen soll. „Die Armee wird einen Mann aus dir machen“, hofft der Vater. Und auch die Mutter ist froh, wenn der Junge endlich etwas Vernünftiges macht. „Wie lange sollen wir noch für dich aufkommen?“, sagt sie besorgt.

Letztlich lebt „Hair“ aber von der Musik und den Songs, die vom Aufbruch der jungen Generation erzählen, die sich „Haschisch, Kokain, Cannabis, Opium, LSD“ verschrieben hat, „Sodomie, Fellatio, Cunnilingus“. Sie fordert Freiheit, Gleichheit, Frieden mit den weltberühmt gewordenen Hits wie „Aquarius“ oder „Hare Krishna“.

Das Alte Schauspielhaus hat immerhin 600 Bewerbungen gesichtet und ein 14-köpfiges Ensemble gecastet, das tänzerisch und gesanglich überzeugt, auch wenn es mitunter Schwierigkeiten mit dem Sound gibt und die Mikrofone die Stimmen manchmal kalt klingen lassen. Viel zu tun gab es in jedem Fall für Mariona Mariano, der für die zahlreichen Gruppenszenen Choreografien entwickeln musste, die zwar nicht immer allzu raffiniert sind, aber sehenswert. Großartig ist die Szene, als die Tänzer als Soldaten aus einem Hubschrauber abzuspringen scheinen und vorgeben, durch die Luft zu segeln.

Projektionen erinnern Andy Warhols Suppendosen

Der Regisseur Klaus Seiffert setzt auf Projektionen, weshalb die Bühne (Barbara Krott) sehr pragmatisch gestaltet ist mit Rückwand und flexiblen Seitengassen, die mal zur Blumenwiese, mal zum Gräberfelder werden. Bunte Farbspiele werden eingeblendet, Andy Warhols Campbell-Suppendosen oder ikonische Fotografien aus dem Vietnamkrieg. Ein kunterbuntes Sammelsurium, das die alten Zeiten heraufbeschwört, als in Amerika der Rassismus noch alltäglich war und den Menschen bei ihrer Lebengestaltung wenig Spielräume zugestanden wurden, weshalb die jungen Leute nun trotzig verkünden: „Ich mache nichts für Geld, nur was mir gefällt.“ Heute würden Eltern ihre Kinder darin vermutlich sogar noch bestärken.

Der Regisseur Klaus Seiffert schlägt immer wieder Bögen in die Gegenwart. Bei einer Demonstration steht auf den Plakaten nicht nur „Love not war“, sondern auch „Oben bleiben“ und „Flüchtlinge willkommen“. Der Aussteiger Berger sitzt am Laptop, gleichzeitig scheppert aus einem uralten Kassettenrekorder „We shall overcome“. So richtig erklärt sich nicht, was Seiffert damit bezweckt, zumal das Musical so dezidiert das spezifische Lebensgefühl der historischen Hippies einzufangen versucht und den Zeitgeist im Amerika der siebziger Jahre spiegelt.

Vielleicht soll es ein Angebot sein an jene Zuschauerinnen und Zuschauer, denen Flower-Power nicht mehr viel sagt. Denn dass am Ende von „Hair“ im Zuschauerraum geklatscht und sogar ein wenig getanzt wird, liegt weniger an der Produktion selbst als an den nostalgischen Erinnerungen, die sie bei einem Publikum weckt, das vielleicht sogar mal selbst lange Haare trug – oder zumindest noch Milos Formans Verfilmung von „Hair“ im Hinterkopf hat.




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