Haltestelle in Stuttgart-Mitte Sorgen um Barrierefreiheit am Schlossplatz

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Stadtbahnfahrer zeigen sich besorgt, die Behindertenbeauftragte der Stadt und ein Verband äußern Skepsis: Der Abbau zweier Rolltreppen an der Haltestelle Schlossplatz in Stuttgart steht in der Kritik.

Ein Aufzug führt an die Gleise an der Stadtbahnhaltestelle Schlossplatz.. Foto: Cedric Rehman
Ein Aufzug führt an die Gleise an der Stadtbahnhaltestelle Schlossplatz.. Foto: Cedric Rehman

S-Mitte - Die Leserin Christine Wegener macht ihrem Unmut am Telefon Luft. Sie habe sich tagelang aufgeregt, nachdem sie erfahren hat, dass im Zuge der Verbesserung des Brandschutzes zwei von der Verteilerebene abwärtsführenden Rolltreppen weichen sollen. So soll der Fluchtweg für jene breiter werden, die zu Fuß aus der Gefahrenzone im Brandfall entkommen wollen. Doch was sei mit Menschen, die nicht so gut zu Fuß seien, fragt sich die 82-Jährige. Sie leide an einer Arthrose in der Wirbelsäule, sagt sie. Erschütterungen beim Treppensteigen verursachten ihr Schmerzen. „Ich musste am Charlottenplatz einmal Stufe für Stufe die Treppe hinunter, weil der Aufzug ausgefallen war. Es war eine Qual“, erzählt sie. Ähnliches drohe ihr nun künftig ohne die abwärtsführende Rolltreppen am Schlossplatz, fürchtet Wegener. „Ich bekomme das unter Schmerzen ja noch hin, aber andere können gar nicht laufen“, sagt sie.

Wegener meint, dass die Aufzüge zu den jeweiligen Bahnsteigen ja genauso ausfallen könnten wie im oben beschriebenen Fall am Charlottenplatz. Die SSB verweist auf die Aufzüge und argumentiert, dass sie Barrierefreiheit auch ohne die abwärtsführenden Rolltreppen garantieren.

Verbandsgeschäftsführern ist skeptisch

Jutta Pagel-Steidel, Geschäftsführerin des Landesverbandes für Menschen mit Körper- und Mehrfachbehinderung (LVKM), setzt sich für Barrierefreiheit in Baden-Württemberg ein. Sie fragt sich, ob an der Haltestelle Schlossplatz ein Aufzug pro Bahnsteig künftig noch genügen wird.

Pagel-Steidel meint, dass sie schon oft an der Stadtbahnhaltestelle ausgesteigen sei. Die Aufzüge auf der Verteilerebene bezeichnet sie als Nadelöhr. Sie seien schon jetzt Anlaufstelle für Rollstuhlfahrer, Senioren mit einem Rollator und Eltern mit einem Kinderwaggen. „Allzu groß sind die Aufzüge ja nicht“, meint Pagel-Steidel.

Helfer müssen Behinderte evakuieren

Fragen ergeben sich für sie auch in der Sache des Brandschutzkonzepts selbst. Konventionelle Aufzüge wie jene an der Stadtbahnhaltestelle Schlossplatz stünden im Fall eines Feuers für die Rettung nicht zur Verfügung, betont sie. Eine Selbstrettung von Menschen mit Behinderung oder Gehschwäche ist folglich an der Haltestelle ausgeschlossen.

In der Regel gingen die heute gültigen Brandschutzkonzepte ohnehin davon aus, dass Menschen mit motorisch oder sensorisch reduzierten Fähigkeiten von den Sicherheitskräften gerettet werden, meint die Geschäftsführerin des LVKM.

Behinderte müssen hinter Schutzglas warten

Die SSB erklärt, dass sie im Fall von Behinderten oder anderen Menschen mit reduzierter Mobilität tatsächlich auf das von Pagel-Steidel beschriebene Konzept der Fremdrettung setzt. Menschen, die die Treppe nicht zu Fuß bewältigen könnten, sollten sich wie alle Fahrgäste hinter die geplante Rauchschutzverglasung begeben. Sie soll verhindern, dass Qualm in den Fluchtweg zieht. Dort sollen die Menschen mit Gehschwächen auf die Helfer warten, während die übrigen Fahrgäste sich selbst über die Stufen in Sicherheit bringen.

Jutta Pagel-Steidel meint, dass dies im Prinzip funktionieren könnte. Doch einige Dinge müssten bedacht werden, um Menschen mit Mobilitätsproblemen im Notfall schnell zu helfen. So müsse es hinter der Rauchschutzverglasung genügend Raum geben, damit auch Menschen mit Rollstuhl oder Rollator Platz finden, erklärt Pagel-Steidel. Im Brandfall könnten die Dinge schnell außer Kontrolle geraten, wenn Flüchtende auf Hindernisse stoßen, warnt sie. „Ist gewährleistet, dass die im Falle einer Panik nicht überrannt werden?“, fragt sie.

Hilfsmittel sind für Rettung nötig

Die Helfer müssten außerdem informiert werden, dass in der vor Rauch geschützten Zone Menschen mit Gehproblemen oder Behinderung darauf warten, in Sicherheit gebracht zu werde, sagt sie. Letztlich sei zu bedenken, dass Hilfsmittel vorhanden sind, um Menschen etwa in Rollstühlen über die Treppe evakuieren zu können. Die Stadt müsse für den Notfall bereit sein und nicht erst bei dessen Eintreten das Nötige organisieren, fordert Pagel-Steidel.

Auch die Behindertenbeauftragte der Stadt, Simone Fischer, verlangt Informationen darüber, wie viel Platz für Evakuierte hinter der Rauchschutzverglasung vorhanden ist. Sie spricht auch von einer „Schwierigkeit“ für Mobilitätseingeschränkte künftig die Gleise zu erreichen, sollte es nicht weitere Aufzüge an der Haltestelle geben. Ohne ihn beim Namen zu nennen, nimmt sie Bezug auf Äußerungen Bernd Schröders vom Tiefbauamt. Er meinte jüngst gegenüber dem Bezirksbeirat Mitte, dass beim Abbau der Rolltreppen Komfort für mehr Sicherheit geopfert werde. „Es geht aber für viele nicht um Komfort, sondern um Nutzbarkeit“, entgegnet nun Fischer.

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