Inge Hofbauer aus Steinenbronn strickt für ihr Leben gern. Andere möchten es lernen. Die „Strickliesl“-Gruppe trifft sich im Schwabengarten, und sie liegt damit voll im Trend.

Leinfelden - Inge Hofbauer und Kerry Jünger sind baff. Theresia Bauer hat nicht eine neue Häkeltasche dabei, sondern gleich zwei. „Ganz toll“, sagt Kerry Jünger aus Sielmingen. Tatsächlich: Die beiden Beutel in Anthrazit und Pink schauen makellos aus. Beim pinkfarbenen fehlt nur noch ein Gurt. Theresia Bauer wirkt zufrieden. Die beiden Taschen hat die 59-Jährige aus Plattenhardt selbst gemacht. Heute allerdings steht etwas an, was ihr nicht so leicht von der Hand geht. Sie will an den dunkelblauen Strümpfen für den Enkel weiterarbeiten. Auffordernd schaut sie zu Inge Hofbauer. Die Ferse muss gestrickt werden. „Ich will’s ja lernen“, sagt Theresia Bauer.

Fersen, die sind Inge Hofbauers Spezialität. Die 55-Jährige aus Steinenbronn strickt für ihr Leben gern. Man könnte auch sagen: Stricken ist ihr Leben. Nadeln und Wolle hat sie stets dabei. „Ich stricke jeden Tag drei, vier, fünf Stunden auf dem Sofa“, sagt sie. Dabei entstehen Putzlumpen, Pullover, Eierwärmer, Kinderschuhe – und selbstverständlich Socken. Die verkauft sie auch auf Hobbymärkten.

Von interessierten Kommentaren überschüttet

Für die Strümpfe erhalte sie stets besonders viel Lob, denn die Ferse richtig hinzubekommen, das falle vielen schwer. Und so keimte in ihr eine Idee: Warum sich nicht zusammentun? „Hat jemand Lust, Socken selber zu stricken? Ich würde es gerne beibringen“, schrieb sie Mitte Juli in eine öffentliche Facebook-Gruppe – und wurde mit Kommentaren von Interessierten überschüttet. „Ich habe lauter Likes und lauter Nachrichten bekommen“, erzählt die Steinenbronnerin.

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Entstanden ist daraus ein Treff. Die Handarbeiten-Fans treffen sich einmal wöchentlich zum gemeinsamen Werkeln – im Biergarten. Während die Gäste ringsherum deftig essen, treffen sich die bislang ausschließlich weiblichen Mitglieder zum Strick- und Häkelstammtisch. Der Wirt habe nichts dagegen, und ein dunkles Hefeweizen passt nach Inge Hofbauers Geschmack längst nicht nur bei einer Männergruppe auf den Tisch. Kerry Jünger pflichtet ihr bei. „Ich mag das Widersprüchliche. Ich stricke und fahre Motorrad“, sagt die 61-Jährige und lächelt breit.

Sie verabreden sich via Whatsapp oder Facebook

Mitstreiter sind willkommen. Strick-Neulinge können ebenso dazustoßen wie alte Woll-Hasen. Die Mitglieder verabreden sich per Whatsapp oder über die private Facebook-Gruppe „Inges Strickliesl“. Sie hat 28 Mitglieder. Es geht darum, sich über Techniken und Materialien auszutauschen, Anregungen zu bekommen, sich gegenseitig Tipps zu geben – und auch einfach nur zu quatschen. Und damit liegt die Gruppe voll im Trend. „Do it yourself“ ist in.

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Während Stricken früher als Oma-Hobby galt, fangen heute immer mehr junge Menschen damit an. Britta Hornickel bestätigt das. Sie betreibt seit 27 Jahren ihre „Woll-Boutique“ in Musberg, und zum Einkaufen sowie zu Workshops kämen zunehmend junge Frauen und Teenager. „Es geht um die Individualität und die Kreativität“, sagt sie, außerdem machten sich die Menschen Gedanken über die Qualität von Kleidung und die Folgen für die Umwelt. „Da passiert viel“, sagt Britta Hornickel. Außerdem spricht sie von einer meditativen Wirkung. „Es heißt: Stricken ist das neue Yoga.“

Stricken hat eine entspannende Wirkung

Die drei Frauen im Biergarten können das nur unterschreiben. Theresia Bauer sagt, sie habe vor einem Jahr angefangen, weil sie so unruhige Hände gehabt und eine Beschäftigung gesucht habe. Auch Kerry Jünger hebt die entspannende Wirkung hervor. „Früher habe ich immer gesagt: Es ist meine Nervenarbeit“, sagt sie und bearbeitet mit einer extra dicken Häkelnadel ein Baumwollgarn. Masche für Masche entsteht so der Boden für eine Handtasche.

Theresia Bauer bekommt derweil von Inge Hofbauer Fersen-Unterricht. „Oh, Theresia, du hast zu weit gestrickt“, sagt sie und übernimmt die halb fertige Socke, um unnötige Reihen zurückzustricken. Die Zeit drängt nicht. Kühle Getränke stehen auf dem Tisch, der Nachmittag ist jung. Und zu erzählen haben sich die drei Frauen auch genug. Inge Hofbauer strahlt. „Wir waren uns gleich sympathisch.“

Info Die „Strickliesl“-Gruppe trifft sich bei schönem Wetter montags ab 16 Uhr im Schwabengarten in Leinfelden. Inge Hofbauer ist telefonisch unter 0 71 57/31 87 erreichbar.