Handball-Bundesliga startet Spot an für acht interessante Köpfe

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Das Scheinwerferlicht in den Hallen der Handball-Bundesliga geht an diesem Donnerstag wieder an. Es stehen Fragezeichen hinter Etats und Zuschauern, aber die Liga bietet auch hochinteressante alte und neue Köpfe.

Der jüngste Trainer der Handball-Bundesliga-Historie: Jaron Siewert (26) von den Füchsen Berlin. Foto: dpa/Wolfgang Kumm 9 Bilder
Der jüngste Trainer der Handball-Bundesliga-Historie: Jaron Siewert (26) von den Füchsen Berlin. Foto: dpa/Wolfgang Kumm

Stuttgart - Die 55. Saison der Handball-Bundesliga wird die ungewöhnlichste Spielzeit der Geschichte mit mit bisher unbekannten Herausforderungen. 20 Mannschaften kämpfen bis Juni 2021 in 380 Spielen um Tore und Punkte. Die Spannung ist groß, die Vorfreude riesig, was auch an interessanten Personen liegt. Acht haben wir uns herausgepickt.

Sander Sagosen Im Fußball wird möglicherweise noch darüber diskutiert, wer der beste und wertvollste Spieler auf diesem Planten ist. Bei der Frage nach dem besten Handballer gibt es keine zwei Meinungen: Sander Sagosen ist die heißeste Nummer im Welthandball. Er steht mit 25 Jahren voll im Saft. Und es ist nicht nur seine Wurfgewalt, die ihn zu einem Ausnahmespieler macht. Es ist die Kombination seiner Torgefahr mit Explosivität, Spielverständnis, Übersicht und Abwehrstärke. Sander Sagosen – das ist ein handballerisches Komplettpaket. Und dieser norwegische Superstar bereichert nun die Handball-Bundesliga. Die große Frage, wie es dem THW Kiel gelungen ist, das 1,95 Meter große Rückraumass vom Scheichclub Paris Saint-Germain in die Knochenmühle Bundesliga zu lotsen, beantwortet der Rechtshänder selbst: „Ich möchte der beste sein. Und das ist auch die Mentalität des THW. Sie wollen immer alles gewinnen.“ Der Mann, ausgestattet mit einem Dreijahresvertrag, ist ein Glücksfall – vor allem für Kiel, aber auch alle anderen zwischen Flensburg und Balingen dürfen sich auf diese Attraktion freuen.

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Jaron Siewert Ob es ihn stört, dass er gerne einmal der Handball-Nagelsmann genannt wird? „Nein“, sagt der Trainer der Füchse Berlin zu dem Vergleich mit dem Leipziger Fußball-Trainer, „denn so wurde ich schon genannt, als ich mit 23 Jahren den Zweitligisten TuSEM Essen übernommen habe.“ Den Traditionsclub führte er vergangene Saison in die Bundesliga, um nun mit 26 Jahren in seine Heimatstadt Berlin zurückzukehren. Siewert ist damit der jüngste Trainer der Bundesliga-Historie. Sein Rechtsaußen Hans Lindberg hat 13 Jahre mehr auf dem Buckel, als er. Das spielt für ihn keine Rolle. Er will mit Fachkompetenz, Persönlichkeit und seiner Vision von Handball überzeugen. Wer ihn geprägt hat? Vor allem sein Ziehvater Bob Hanning, der die Karriere praktisch am Reißbrett plante. Schon bei den Minis kam Jungfuchs Siewert in die Hände des Handball-Ausbilders, unter ihm entwickelte er sich zu einem der besten Spielmacher im Nachwuchsbereich in Deutschland. Für ganz nach oben reichte es nicht, statt für Mittelmaß auf dem Spielfeld entschied sich Siewert gemeinsam mit seinem Förderer für Spitzenklasse am Spielfeldrand.

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Jerome Müller Wenn man den Karriereverlauf von Jerome Müller verfolgt, kommt man an David Schmidt nicht vorbei. Als 21-jähriger Zweitligaspieler von der HG Saarlouis ersetzte Müller 2018 Schmidt, als dieser den Bundesligisten Eulen Ludwigshafen in Richtung TVB Stuttgart verlassen hatte. Zwei Jahre später ersetzt Müller erneut Schmidt, weil es den vom TVB zum Bergischen HC zog. Schmidt (27) hat es inzwischen in die A-Nationalmannschaft geschafft, wenn Müller auch diesbezüglich nachzieht, hat er alles richtig gemacht. „Davids Beispiel zeigt, was hier alles möglich ist“, sagt Müller. Immerhin: Mit dem Junioren-Nationalteam hat der gebürtige Saarländer 2016 schon mal EM-Silber geholt. Das zeigt, wie viel Talent in dem 1,86 m großen Linkshänder steckt. Die für einen Rückraumspieler fehlende Größe kompensiert er mit Spielwitz, Quirligkeit und starkem Eins-gegen-Eins-Verhalten. Aus unserem Plus-Angebot: Kommentar zu Frisch Auf Göppingen – ein Coup mit Gschmäckle

James Scott Der Mann erinnert an Daniel Narcisse. Den ehemaligen französischen Weltklassespieler nannten sie wegen seiner Sprungkraft „Air France“. James Scott könnte zu einem Farbtupfer in der Liga werden – und für seinen neuen Verein HBW Balingen-Weilstetten zu einem Garanten für einen komfortablen Klassenverbleib: „Wir hoffen schon, dass er uns durch seine individuelle Klasse mal ein Spiel gewinnen kann“, sagt HBW-Geschäftsführer Wolfgang Strobel. Wie etwas beim 27:25 im BGV-Cup gegen Frisch Auf Göppingen, als der 24-Jährige acht Tore markierte. Der entscheidende Tipp bei dem Transfer kam von Roy Sanchez, dem ehemaligen Assistenten von HBW-Trainer Jens Bürkle bei der TSV Hannover-Burgdorf. Dem war der Rückraumspieler beim spanischen Erstligisten BM Logroño La Rioja aufgefallen, wohin ihn der HBC Nantes ausgeliehen hatte. Zusammen mit dem bei den Rhein-Neckar-Löwen spielenden Franzosen Romain Lagarde gewann Scott 2017 bei der Junioren-WM in Algerien die Bronzemedaille. „James ist relativ ruhig, immer freundlich“, sagt Strobel „uns sehr fleißig. Nicht nur auf dem Spielfeld, auch beim deutsch lernen.“

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Janus Smarason Die Spielsteuerung gehört nicht zu den herausragenden Stärken von Frisch Auf Göppingen. Häufig war das Spiel im Positionsangriff für die gegnerischen Abwehrreihen zu leicht ausrechenbar. Auf dieses Manko hat der Traditionsclub reagiert: Janus Smarason, der torgefährliche Spielmacher der isländischen Nationalmannschaft, soll vorne neuen Schwung reinbringen. Der Neuzugang vom dänischen Champions-League-Teilnehmer Aalborg Handbold hat seine Klasse auch in der Vorbereitung schon aufblitzen lassen, bis den 25-Jährigen eine Entzündung in der Schulter bremste. Jetzt hoffen im Lager der Grün-Weißen alle, dass er zum Start gegen Balingen am 6. Oktober rechtzeitig fit wird.

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Jennifer Kettemann Nirgendwo sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern so groß wie in der Männerbastion Mannschaftssport. Jennifer Kettemann ist gemeinsam mit Lisa Heßler von den Eulen Ludwigshafen eine der leuchtenden Ausnahmen. Im Mai 2016 war sie vom Software-Riesen SAP als Geschäftsführerin zu den Rhein-Neckar Löwen gewechselt. Die Mutter zweier Söhne (6 und 9) schafft seitdem den Spagat zwischen Familie und Beruf. Mit der Trennung von Trainer Kristjan Adresson im Februar 2020 zeigte sie, dass sie auch unpopuläre Entscheidungen treffen kann. Mit Nachfolger Martin Schwalb scheint sie einen Volltreffer gelandet zu haben – der Stimmungsumschwung ist unübersehbar. Welche Heldin sie wäre, wenn sie sich eine aussuchen könnte, antwortete sie einmal: „Wahrscheinlich wäre ich Pippi Langstrumpf. Sie ist stark, mutig, sie krempelt gerne die Ärmel hoch.“ Was zur Nachahmung in der Männerbastion Mannschaftssport durchaus zu empfehlen ist.

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Benjamin Matschke Mit den Eulen Ludwigshafen den Klassenverbleib in der Bundesliga zu schaffen, ist genau so hoch zu bewerten, wie mit dem THW Kiel die Meisterschale zu holen. Benjamin Matschke ist dies mit den Eulen dreimal gelungen – aus teils völlig ausweglos erscheinenden Situationen. Am Saisonende verabschiedet sich der 38-Jährige zur HSG Wetzlar. Und bis auf die Konkurrenten im Keller gibt es keinen, der dem Trainer nicht wünscht, als Erstligist zu gehen.

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Silvio Heinevetter Er wohnt nicht mehr in Berlin und spielt nicht mehr für die Füchse. Silvio Heinevetterlebt jetzt in Kassel-Wilhelmshöhe und spielt für die MT Melsungen im Schwalm-Eder-Kreis. Ein Weltstar mit Glamourfaktor (auch wegen der Liaison mit Schauspielerin Simone Thomalla), ein Mr. Hollywood des Handballs steht jetzt in der nordhessischen Provinz im Handballtor. Kohle gibt es beim vom Pharma- und Medizintechnikkonzern Braun großzügig unterstützten Verein genug zu verdienen. Weiterer Vorteil für Heinevetter: Mit der Hälfte des Teams hat er schon in der Nationalmannschaft zusammengespielt.

Wir zeigen die acht Protagonisten in Aktion. Klicken Sie sich durch unsere Bildergalerie!

Der erste Bundesliga-Spieltag

TSV Hannover-Burgdorf – GWD Minden SC Magdeburg – Bergischer HCSC DHfK Leipzig – Eulen Ludwigshafen TBV Lemgo Lippe – HSC 2000 Coburg (alle 1. Oktober, 19 Uhr)HSG Nordhorn-Lingen – Füchse Berlin (3. Oktober, 20.30 Uhr) THW Kiel – HC Erlangen (4. Oktober, 13.30 Uhr)HSG Wetzlar – SG Flensburg-Handewitt, HBW Balingen-Weilst. – MT Melsungen Rhein-Neckar Löwen – TVB Stuttgart (alle 4. Oktober, 16 Uhr)TuSEM Essen – Frisch Auf Göppingen (26. Oktober, 19 Uhr).

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