Durch die nächsten Coronafälle bei den deutschen Handballern stellt sich vor dem Duell mit Spanien immer mehr die Sinnhaftigkeit, weiter anzutreten. Am späten Abend entschied sich der DHB vorerst gegen einen Rückzug, beantragte aber eine Verlegung.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Stuttgart - Die Welle der Schocknachrichten im Lager der deutschen Handballer reißt nicht ab, die Zahl der Coronainfektionen wächst unaufhörlich. Einen Tag vor dem ersten Hauptrundenspiel an diesem Donnerstag (18 Uhr/ARD) bei der EM gegen Titelverteidiger Spanien wurden auch die Rückraumspieler Christoph Steinert, Djibril M’Bengue und Sebastian Heymann sowie ein Physiotherapeut positiv getestet. Damit steigt die Zahl der positiven Fälle bei den Spielern im deutschen Team auf zwölf.

Nach der neuerlichen Hiobsbotschaft schloss der Deutsche Handballbund (DHB) zunächst einen Rückzug von der Endrunde in Ungarn und der Slowakei nicht mehr aus. Am späten Abend sagte DHB-Vorstandschef Mark Schober in einer virtuellen Medienrunde dann aber: „Wir haben intensiv mit den Spielern, Delegationsmitgliedern, den HBL- und EHF-Vertretern diskutiert. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir es verantworten können, im Turnier zu verbleiben. Wir haben nach medizinischen, sportlichen, rechtlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten entschieden.“

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Nach den neuen Coronafällen von Mittwoch werden die Rückraumspieler Lukas Stutzke und David Schmidt sowie Rechtsaußen Tobias Reichmann zum Team stoßen. Ob sie gegen Spanien spielen können, ist noch offen. Zudem hat der DHB beim europäischen Handballverband eine Verlegung des Duells mit dem Europameister auf Samstag oder Montag beantragt. Die Frage der Sinnhaftigkeit, bei diesen Titelkämpfen weiterzuspielen, stellt sich aus deutscher Sicht nach wie vor. Vom ursprünglichen Kader bleiben Bundestrainer Alfred Gislason nur noch sechs Spieler übrig: Philipp Weber, Patrick Wiencek, Julian Köster, Lukas Zerbe, Simon Ernst und Kapitän Johannes Golla. Durch die Nachrücker stehen ihm gegen Spanien aber 13 Spieler zur Verfügung.

Die immer prekärere Lage hat auch die Bundesliga in Alarmstimmung versetzt. „Wir müssen die Situation jetzt noch mal grundsätzlich überdenken. Dabei geht genau vor schnell. Wir können nicht unendlich nachnominieren“, sagte Bob Hanning, der Geschäftsführer von Bundesligist Füchse Berlin gegenüber unserer Redaktion. Für ihn stand am Nachmittag aber fest: „Gegen Spanien wird das Team auf jeden Fall antreten.“

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Die „absurde Situation“, wie sie Gislason schon vor den nächsten Omikron-Nachrichten anschaulich beschrieb, wird immer irrwitziger. „Man muss momentan festhalten, dass die Infektionskette nicht abreißt. Da ist unser EM-Team leider ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das ist das, was wir am meisten gefürchtet hatten – aber durchaus auch das, womit man rechnen musste“, sagte Uwe Schwenker, der Präsident der Handball-Bundesliga (HBL). Doch auch er stellte klar: „Es macht natürlich keinen Sinn, jeden Tag drei bis fünf Spieler aus der Bundesliga nachzuladen, wenn neue Fälle auftreten.“

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Dies tat der DHB jetzt aber erneut. Und das ist auch durchaus nötig sein, damit der Substanzverlust bei den verbliebenen Spielern nicht zu groß wird. Denn sicher stehen gegen Spanien zum Beispiel in Lukas Zerbe und Fabian Wiede nur zwei Linkshänder zur Verfügung. Der nachgerückte Wiede sollte dosiert eingesetzt werden, jetzt muss er eigentlich durchspielen, auch wenn Hanning meinte: „Man wird eine Lösung finden, dass auch ein Rechtshänder auf seiner Position spielen kann.“

Spieler haben milde Verläufe

Wie es aus Bratislava heißt, weisen die positiv getesteten Spieler entweder einen milden Verlauf auf oder sie haben gar keine Symptome. Für Jürgen Schweikardt, den Geschäftsführer des TVB Stuttgart, ist dies das Allesentscheidende: „Wichtig ist, dass die Gesundheit der Spieler nicht gefährdet ist. Dennoch kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem man die Sinnhaftigkeit hinterfragen muss, dass weitergespielt wird.“ So sieht es auch Christian Schöne, der Sportliche Leiter von Frisch Auf Göppingen: „Für uns Vereine steht im Vordergrund, dass kein gesundheitliches Risiko eingegangen wird. Und wir wissen, dass der DHB in diesem Zusammenhang alles Erdenkliche für die Spieler tut. Der Verband lässt auch einen eigenen Internisten einfliegen.“ Der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz gibt dagegen zu bedenken: „Ich sehe die Hygienekonzepte im Mannschaftssport als gescheitert an. Mit der Omikron-Variante ist Mannschaftssport kaum noch sicher durchführbar.“

Frische Spieler sogar Vorteil?

Mit einem fairen Wettbewerb hat diese EM ohnehin schon lange nichts mehr zu tun. Mit dem dezimierten Kader ist das DHB-Team in der Hauptrunde nach menschlichem Ermessen chancenlos. Und die Frage, ob es Sinn einer EM ist, im Laufe eines Turniers mit einer fast komplett neuen Mannschaft anzutreten, stellt sich auch. „Bei dem Mammutprogramm ist es am Ende für Deutschland gegenüber anderen Nationen vielleicht sogar ein Vorteil, ständig frische Spieler bringen zu können“, gibt Schöne mit einem Schmunzeln zu bedenken.

Anderen ist das Lachen längst vergangen.