Handball-EM Timo Kastening – der neue deutsche Wundermann

Von Jürgen Frey 

Timo Kastening war gegen Weißrussland der überragende Mann auf dem Platz. Gegen Kroatien hofft die deutsche Mannschaft wieder auf ein starkes Spiel von ihm.

Sechs Tore gegen Weißrussland: Timo Kastening ist in Bestform Foto: dpa/Robert Michael
Sechs Tore gegen Weißrussland: Timo Kastening ist in Bestform Foto: dpa/Robert Michael

Wien - Solche Geschichten schreibt nur der Sport. Da ruhen auf einem Spieler, dessen Vorname vor kurzem sogar dem Bundestrainer entfallen war („Äh, äh, wie heißt Du?“) plötzlich mit die größten Hoffnungen im Kampf um die Halbfinalteilnahme. Die Rede ist von Timo Kastening, der Entdeckung dieser EM. Verzweifelt hatten seine erfahrenen Mitspieler nach der Lockerheit gesucht und sind dabei immer verkrampfter aufgetreten. Dann schoss dieses hellwache Kerlchen ins Rampenlicht und hat die Leichtigkeit ins deutsche Spiel zurückgebracht.

Sechs freche Tore warf er gegen Weißrussland, bei sechs Versuchen. „Ich genieße einfach nur und sauge alles auf“, sagte der Rechtsaußen vor dem Hauptrunden-Knüller an diesem Samstag (20.30 Uhr/ZDF) in Wien. Ein Lächeln blitzte dabei auf. Wie so oft, wenn der smarte Niedersachse spricht. Unaufgeregt, unverstellt, verschmitzt, dabei immer geerdet – so präsentiert er sich.

Auf den Sport fokussiert

Wer aber ist dieser 24-Jährige? Wer ist Timo Kastening, der erst für Branchengröße Patrick Groetzki in den EM-Kader rückte und nun dem erfahrenen Europameister von 2016, Tobias Reichmann, den Rang abläuft?

Auf der Tribüne in der Wiener Stadthalle saß bei der Kastening-Show gegen Weißrussland (31:23) einer, der ihn so gut kennt wie wenige andere. Benjamin Chatton, der ehemalige Geschäftsführer der TSV Hannover-Burgdorf, stattete Kastening 2013 mit seinem ersten Profivertrag aus: „Schon damals war er extrem klar auf den Sport fokussiert“, erinnert sich der Ex-Manager des HBW Balingen-Weilstetten. Dies wird auch dadurch belegt, dass er schon früh ins Internat des Landessportbundes einzog, um die besten Bedingungen für den Handball zu bekommen. Später absolvierte er eine Ausbildung zum Bankkaufmann.

Damit kein falscher Verdacht aufkommt: In die Kategorie Musterschüler gehört Kastening nicht. „Er hat diesen Mix aus Verantwortungsbewusstsein und Gewitzheit“, weiß Chatton. In der Freizeit ließ das Handball-Ass auch mal Fünfe grade sein. Sogar von Dieter Hecking, dem Trainer der Zweitliga-Fußballer des Hamburger SV, bekam er mal eine gut gemeinte Standpauke. Der wohnt in der Nachbarschaft, ist ein guter Freund der Familie und hatte die Brüder Kastening mal zusammengefaltet, als sich diese im Kindesalter als Zigarettenraucher versuchten.

Mit dem Bruder in der Scheune gespielt

Überhaupt der Bruder: Zu Marius Kastening hat Timo ein enges Verhältnis. Der spielt als Spielmacher beim Drittligisten Hannover-Burgwedel Handball und weiß, woher der Spielwitz seines jüngeren Bruders kommt, etwa der komplizierte Dreher von Außen in die kurze Ecke: „Ich erkenne in seinem Spiel Tricks, die er über Jahre schon in der Jugend gelernt hat.“ Teilweise spielten die Brüder sogar in der Scheune ihrer Eltern Handball, die einen landwirtschaftlichen Betrieb führen.

Der Typ Straßenhandballer hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Mit der deutschen U18 und U20 feierte er jeweils den WM-Titel. In der Bundesliga machte er beim Überraschungsteam Hannover-Burgdorf, wo er seit der C-Jugend am Ball ist, den nächsten Schritt. Dort profitiert er von der spanischen Handball-Philosophie seines Trainers Carlos Ortega und des erfahrenen Linksaußen-Kollegen Cristian Ugalde. Ganz besonders in der Defensive. Typisch dabei ist, dass nicht stur am eigenen Kreis verteidigt wird. Es wird antizipiert, Pässe des Gegners werden vorausgeahnt (die Spielzüge hat er auf einem Tape am Handgelenk notiert) – und so werden Bälle geklaut. Genau das ist es auch, womit Kastening nun auch im Team von Bundestrainer Christian Prokop glänzt.

Kein Konkurrenzkampf wird gescheut

In der neuen Saison wird er seine Klasse in der Bundesliga bei der MT Melsungen zeigen. Trotz der damit verbundenen Gehaltsaufbesserung ist dies für manche eine unverständliche Entscheidung, da beim finanzstarken Club aus Nordhessen auf der gleichen Position der Nationalmannschaftskollege Reichmann spielt. Chatton sieht es anders: „Das zeigt doch nur, dass Timo keinen sportlichen Konkurrenzkampf scheut, außerdem wollte er mal raus aus der Region Hannover.“

Zunächst aber zählt das EM-Spiel gegen Kroatien. Kastenings Qualitäten im Tempospiel werden unabdingbar sein. Um die einfachen Tore aus der ersten und zweiten Welle zu erzielen, braucht es aber nicht nur seine eigenen Balleroberungen, sondern auch eine kompakte Abwehr sowie eine überragende Torhüterleistung. Und im Positionsangriff heißt gegen die aggressive 5:1-Deckung kühlen Kopf zu bewahren. Das ist die Aufgabe der Rückraumspieler. Auch ein Senkrechtstarter wie Kastening kann nicht alles leisten.