Handball – THW Kiel Wie Filip Jicha die alte Siegermentalität wiederbelebte

Von Jürgen Frey 

Es gibt mehr Tempo, mehr Pfiff, mehr Überraschungen – daran ändert auch die jüngste Niederlage in Berlin wenig. Der Trainer-Novize Filip Jicha hat dem THW Kiel neues Leben eingehaucht. Eine Annäherung an einen Ausnahmesportler vor dem Spiel in Stuttgart.

Filip Jicha: Seine Kommandos kommen bei den Spielern des THW Kiel offenbar gut an. Foto: Baumann
Filip Jicha: Seine Kommandos kommen bei den Spielern des THW Kiel offenbar gut an. Foto: Baumann

Kiel - Das Ganze klang wie eine Drohung. Filip Jicha saß nach dem bitteren 28:29 (17:12) des THW Kiel am Donnerstagabend bei den Füchsen Berlin auf dem Podium und analysierte kurz und knapp das Spiel: „Wir haben den Kopf verloren, Lehrgeld gezahlt, das schmerzt. Aber wir werden wieder aufstehen. Schon an diesem Sonntag.“ Da kreuzt er mit dem THW um 13.30 Uhr beim TVB Stuttgart in der Porsche-Arena auf (am Freitag gab es noch wenige Restkarten) und will mit aller Macht zurück in die Erfolgsspur.

Selbstbewusst, aber nie arrogant

Filip Jicha war nach dem Dämpfer bei den Füchsen nicht nach ausschweifenden Erzählungen zu Mute. Dabei waren Unterhaltungen mit dem Trainer des Handball-Rekordmeisters schon zu seinen Spielerzeiten lehrreich, oft witzig und manchmal auch philosophisch. Was der größte Unterschied seines Heimatlandes zu Deutschland ist? „In Tschechien besitzt jedes Dorf, das nicht einmal Straßenlaternen hat, eine Eishalle“, hat Jicha einmal gesagt. Immer trat der Welthandballer von 2010 selbstbewusst auf, nie arrogant. Immer demonstrierte er absoluten Siegeswillen, nie verlor er den Respekt vor dem Gegner. Immer traf er den richtigen Ton, nie verlor er die Nähe zu den Fans. Einmal schleppte er sogar drei Bierkästen auf einmal zur dritten Halbzeit in Richtung des Fan-Clubs „Zebrasprotten“.

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Als Anführer und Kapitän hatte er zwischen 2007 und 2015 mit dem THW Kiel alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Der Familienmensch (verheiratet mit Hana, Kinder Vincent und Valeria) wurde verehrt wie die großen Schweden Magnus Wislander, Staffan Olsson und Stefan Lövgren. Daran änderte auch sein Wechsel 2015 zum FC Barcelona (für eine Ablösesumme von rund 750  000 Euro) wenig. Denn jeder wusste: Jicha brauchte wegen einer unerquicklichen Immobilien-Affäre aus seiner Zeit beim TBV Lemgo (2005 bis 2007) dringend Geld, um diverse Kredite zu bedienen. Doch die große Frage war: Wie schlägt sich dieser frühere Ausnahmespieler als Trainer? Wie stellt sich der 37-Jährige bei seiner Premiere an? Auf diese Antworten brannten die Handballinteressierten in ganz Europa im vergangenen Sommer.

Tanz auf drei Hochzeiten

Die Zwischenbilanz kann sich sehen lassen. Das Team weist in der Bundesliga immer noch die wenigsten Minuspunkte auf. Als Spitzenreiter der Champions-League-Vorrundengruppe B geht es ins neue Jahr, das Ticket für das Final-Four im DHB-Pokal (4./5. April) ist nach dem 35:34 beim TVB Stuttgart am 3. Dezember gelöst. „Ich bin richtig zufrieden, ich liebe meine Mannschaft“, sagte der Perfektionist Jicha vor kurzem nach dem Erfolg in der Königsklasse gegen Montpellier HB.

Vier titellose Jahre

Die alte Siegermentalität, geboren in den Jahren der Erfolgstrainer Noka Serdarusic (1993 bis 2008) und Alfred Gislason (2008 bis 2019), scheint er wiederbelebt zu haben. Was aus Sicht der lange Zeit unumstrittenen Nummer eins im deutschen Handball (zehn von elf möglichen Titeln zwischen 2005 und 2015) auch bitter nötig war. Denn wie sehr der Status als Branchenprimus bröckelte, zeigt ein Blick auf die vergangenen vier Jahre: Da machten zwei andere Vereine den deutschen Meistertitel unter sich aus. 2016 und 2017 standen die Rhein-Neckar Löwen am Saisonende an der Tabellenspitze, 2018 und 2019 war es der Kieler Erzrivale SG Flensburg-Handewitt.

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Das kratzte an der Ehre der Kieler. Doch sie verfielen nicht in blinden Aktionismus. Jicha setzte auf dezente Veränderungen im Kader. Für Nationaltorwart Andreas Wolff (zu Kielce KC/Polen) kam Nationaltorwart Dario Quenstedt vom SC Magdeburg. Für die Abwehr lotste er seinen 37 Jahre alten tschechischen Landsmann Pavel Horak (2007 bis 2013 bei Frisch Auf Göppingen) an die Ostsee. Erst in der kommenden Saison wird durch den norwegischen Weltstar Sander Sagosen (Paris Saint-Germain) ein europaweit beachteter Transfer vollzogen. Warum es dennoch jetzt schon so rund läuft? Es sind eher die kleinen Stellschrauben, an denen Jicha erfolgreich gedreht hat.

Mehr Esprit im Angriffsspiel

Er rotiert mehr, als sein Vorgänger, gibt Schlüsselspielern Pausen. So durfte Rückraumass Nikola Bilyk seine Schambeinentzündung in Ruhe auskurieren, Alfred Gislason hätte alles getan, um ihn so schnell, als möglich wieder auf der Platte zu sehen. Das Spiel des THW wirkt unter Jicha nicht mehr so statisch. Es gibt mehr Tempo, mehr Pfiff, mehr Überraschungen. Der Positionsangriff hat an Esprit gewonnen, Kreisläufer und Außen werden stärker einbezogen. Es wird sich nicht mehr nur auf die individuelle Klasse der Rückraumspieler verlassen.

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Zu gute kommt Jicha, dass er im vergangenen Jahr als Assistent bei Gislason in die Lehre gehen konnte. Der Isländer klammerte nicht, er bewies vielmehr Größe, da er seinem Nachfolger viel Verantwortung übertrug – so war der Tscheche schon 2018/19 für die Abwehrabläufe des THW verantwortlich.

Mythos THW

„Wir wollen ein Mythos sein – und einer bleiben. Es geht jetzt schon darum, wie der THW in zehn Jahren aussehen soll. Dann werden viele andere Leute da sein. Aber der THW wird bleiben“, hat Jicha gesagt. Vor zehn Jahren. Jetzt ist er der entscheidende Mann, der auf einem guten Weg ist, eine neue Ära zu prägen.

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