Der Heimatverein Kernen zeigt einen emotionalen Film: Zeitzeugen sprechen über das Leben und Arbeiten in der Hangweide. Die ehemalige Einrichtung für Menschen mit Behinderung weicht einem neuen Wohngebiet – auf das auch die IBA’27 schaut.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Kernen - Festhalten was war, bevor alles wegkommt – das ist das Anliegen des Heimatvereins Kernen. Die Entstehung und Geschichte der Hangweide in Kernen sollte in Wort und Bild eingefangen werden, bevor die seit Jahren verwaiste Siedlung zwischen Stetten und Rommelshausen, wo über Jahrzehnte Menschen mit Behinderung betreut wurden, einer Neubebauung weicht. Und wie kann man das besser machen, als mit einem Film, der Zeitzeugen zu Wort kommen lässt? Der Heimatverein hat die örtliche Firma dig it! media damit beauftragt, an diesem Freitag ist Premiere.

Es ging um Emotionen

„Uns ging es um die Emotionen, die da dranhängen, nicht um die historische Aufarbeitung“, sagt Ulrich Lang, der Vorsitzende des Heimatvereins. Wichtige Fragestellungen waren etwa, wie die Bewohner das Ende der Hangweide sahen, welche Bedeutung die Siedlung für Mitarbeiter hatte und was sich Weggefährten vom geplanten neuen Wohngebiet erwarten. „Wir wollten nachempfinden können, was es für ein Gefühl war, dort teils nach Jahrzehnten raus zu müssen“, sagt Lang. Vor mehr als 60 Jahren war sie als bundesweite Modelleinrichtung gebaut worden: die Hangweide, das Behindertendorf am Ortsrand von Rommelshausen mit seinen acht einst vorbildlichen Wohnhäusern und mit vielerlei für damalige Standards innovativen Angeboten. Die professionalisierte pädagogische Förderung schwerbehinderter Menschen hatte dort ihren Ursprung, genauso wie die in Waiblingen beheimatete und weithin bekannte Kreative Werkstatt.

Seit Anfang 2018 ist die Siedlung verwaist

Seit Anfang 2018 ist die Siedlung weitgehend verwaist. Abgeschlossene Behinderteneinrichtungen mit einer eigenen Welt haben in Zeiten von Inklusion ausgedient. Nur zwei modernere Häuser – der Anna-Kaiser-Komplex – sind noch bewohnt, ein kleiner Werkstattpavillon ist noch in Betrieb. Diese Gebäude bleiben bestehen und werden, so die Pläne seitens der Diakonie Stetten und der Gemeinde Kernen, Teil eines inklusiven modernen Wohngebiets mit bezahlbarem Wohnraum. Es soll eine neue und nicht abgeschottete Hangweide für alle geben.

Bereits 2018 hatte der Heimatverein viele Interviews für den Film „Zeitzeugen Hangweide“ auf dem stillgelegten Gelände geführt. Mit früheren Bewohnern, ehemaligen und aktuellen Mitarbeitern der Diakonie Stetten, Handwerkern und dem früheren Bürgermeister von Stetten, Werner Jäkle, wurde über Bedeutung und Leben auf der Hangweide geredet. „Eigentlich war im vergangenen Herbst die Vorführung geplant, aber Corona hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht und alles verzögert“, sagt Ulrich Lang. Im Jahr 2020 konnten noch weitere Interviews mit Bürgermeister Benedikt Paulowitsch und dem Pfarrer Rainer Hinzen von der Diakonie Stetten zum Thema Hangweide aufgezeichnet werden.

Das Material musste zusammengeschnitten werden

„Das war dann so viel Material. Aber Thomas Bitzer-Prill von dig it! media hat den Film zusammengeschnitten und ganze Arbeit geleistet“, sagt der Vorsitzende des Heimatvereins und ist glücklich, dass die Kernaussagen die Gefühle der Betroffenen gekonnt transportierten. Das Setting ist immer das Gleiche: Die Zeitzeugen – Bewohner, Mitarbeiter, eine Gärtnerin, ein Psychologe und Werner Jäkle – sitzen auf immer demselben schwarzen Ledersessel, der auf dem Gelände der Hangweide aufgestellt ist. Dort schildern sie ihre Gefühle, und die sind eindrücklich. Von Heimat ist die Rede, von der besonderen, eingeschworenen Gemeinschaft, von einem großen Teil des Lebens, in dem dort gearbeitet und gewohnt wurde.

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Eine Frauenstimme aus dem Off steuert Hintergrundwissen dazu bei. So beherbergte die Siedlung von 1958 an, als das Modellprojekt startete, bis zu 320 Menschen mit Behinderung. Die Bewohner hatten eine eigene Kirche, Werkstätten und zahlreiche Freizeiteinrichtungen. In dem rund 40 Minuten dauernden Film wird davon gesprochen, dass Ende 2017 der letzte Vorhang fiel, der letzte Gottesdienst war am ersten Advent. „Da haben viele geheult“, sagt jemand. „Wenn der Kirchensaal abgerissen wird, dann heul ich Rotz und Wasser“, ein anderer.

Die Neubebauung ist ein IBA-Projekt

Und er wird abgerissen, denn die Pläne zur Neubebauung sind längst in trockenen Tüchern. Mehr noch: Die Neubebauung des Gebiets Hangweide in Kernen ist in der Region das am weitesten gediehene Projekt für die Internationale Bauausstellung 2027 Stadt Region Stuttgart (IBA). Ein visionäres, zukunftsorientiertes Zuhause für 800 bis 1000 Menschen soll dort bis 2027 entstehen. Mit der Kreisbaugruppe und der LBBW Immobilien Kommunalentwicklung hat die Kommune das Areal nach längeren Verhandlungen für 16 Millionen Euro von der Diakonie Stetten erworben und für die Realisierung des ambitionierten Städtebauprojekts weitere Partner mit ins Boot geholt. Entstehen soll ein inklusives Lebensquartier, das unter anderem auch Behinderte mit in die moderne Lebenswelt einschließt. „Das wäre toll, wenn sich so der Kreis dann wieder schließen würde“, sagt Ulrich Lang. Die Besucher der Filmvorführung im Foyer des Bürgerhauses können in einer Ausstellung der Gemeinde Kernen auch Pläne des Siegerentwurfs von UTA-Architekten aus dem städtebaulichen Wettbewerb ansehen.

Die Filmpremiere ist diesen Freitag, 1. Oktober, 16 Uhr, in Saal 1 im Bürgerhaus in Rommelshausen. Um 19 Uhr ist eine zweite Vorführung. Der Besuch ist kostenfrei, eine Anmeldung aber nötig und über den Online-Veranstaltungskalender der Gemeinde möglich. Es gilt die 3-G-Regel und Maskenpflicht bis zum Platz.

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