Hannovermesse Das Transportband sagt, wann es ausfällt

Conti-Vorstandsmitglied  Hans-Jürgen Duensing (rechts) und Anwendungstechniker Patrick Raffler halten auf der Hannover Messe das Tablet  hoch, auf dem die Ergebnisse der Messungen eines sensorgesteuerten Förderbands angezeigt werden. Foto: Conti
Conti-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Duensing (rechts) und Anwendungstechniker Patrick Raffler halten auf der Hannover Messe das Tablet hoch, auf dem die Ergebnisse der Messungen eines sensorgesteuerten Förderbands angezeigt werden. Foto: Conti

Industrie 4.0-Anwendungen tragen bislang nur wenig zum Umsatz von Contitech bei, dennoch setzt die Continental-Tochter auf die Technologie.

Wirtschaft: Inge Nowak (ino)
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Hannover - Das Produkt wirkt unauffällig. Einige Steinbrocken sind auf einer Art Wippe aufgeschichtet. Aber es ist keine Wippe, sondern der winzig kleine Ausschnitt eines Förderbandes – und der hat es in sich. Es handelt sich nämlich um kein normales Förderband, sondern um ein Zukunftsprodukt – eine Industrie 4.0-Anwendung. Contitech, ein Geschäftsbereich des Zulieferers Continental, präsentiert es auf der Industriemesse in Hannover. Das Förderband ist gespickt mit Sensoren, die den Zustand des Bandes erkennen – und Alarm schlagen wenn sie etwa einen Längsriss feststellen oder sonstige Verschleißerscheinungen erfassen. Ablesen lassen sich die erfassten Werte auf einem Tablet.

Das Förderband, auf dem Erze und Seltene Erden aus Bergwerken heraus oder die Kohle in Kraftwerke hinein transportiert wird, ist ein praktisches Beispiel dafür, wie Contitech mit digital vernetzten Produkten Geld verdienen will. Experten sprechen von Predicitve Maintenance – der vorausschauenden Wartung – und sie gilt als Türöffner für Industrie 4.0-Anwendungen. Dies hat auch eine Studie gezeigt, die der Maschinenbauverband VDMA gemeinsam mit der Unternehmensberatung Roland Berger jetzt in Hannover vorgestellt hat.

Die Vorteile liegen auf der Hand. „Bisher mussten Bandläufer ein Mal im Monat die Förderbänder, die teilweise zehn Kilometer lang sind, ablaufen, um schadhafte Stellen zu sehen“, erläutert Patrick Raffler, Anwendungstechniker bei Contitech, wie Transportbänder derzeit überwacht werden. Künftig übernehmen Sensoren diese Arbeit – permanent und wesentlich präziser als dies das menschliche Auge kann. Damit müssen Produkte nicht mehr ausgetauscht werden, weil die vom Hersteller definierte Lebenszeit abgelaufen ist, sondern sie werden erst dann gewechselt, wenn es wirklich nötig ist.

Für Contitech werden Serviceleistungen immer wichtiger

Aber die Ersparnis sei noch größer, sagt Hans-Jürgen Duensing, Vorstandsmitglied von Conti und Leiter der Contitech. Transportbänder sind für ihn „Halsschlagaderprodukte“, also lebensnotwendig. Fallen sie unplanmäßig aus, könnten ganze Kraftwerke oder Bergwerke stillstehen. Um dem vorzubeugen, investierten die Betreiber häufig in zwei parallel verlaufende Transportbänder. Künftig wird das nicht mehr nötig sein. 100 000 Euro kostet eine Nachrüstung der Bänder. Die Reaktion der Kunden sei „sensationell gut“, sagt Duensing. 1000 Systeme, die Längsrisse erkennen, hat Contitech verkauft – nach China, Australien oder Nordamerika. Nun will sie der Bosch-Konkurrent in Russland anbieten.

Contitech hat in der Vergangenheit Produkte verkauft – künftig wird es vermehrt Service sein. Vielleicht verkauft der Hannoveraner Konzern künftig keine Transportbänder mehr, sondern eine Leistung, die das Transportband bringen muss, die in Tonnen festgelegt wird oder Contitech verkauft eine bestimmte Transportzeit. Die ersten Kunden hätten bereits solche Nutzungsverträge abgeschlossen, bestätigt Duensing. Conti wird damit Betreiber.

Auch Schalter und Knöpfe könnten künftig der Vergangenheit angehören

Noch bringen Industrie 4.0-Anwendungen kaum Umsatz. Bei Contitech seien es gerademal ein bis zwei Prozent der Erlöse, sagt der Chef. Er ist zuversichtlich, dass es in fünf Jahren ein zweistelliger Prozentsatz sein wird. Potenzial gebe es. So werden Sensoren entwickelt, die die Temperatur und den Verschleiß von Antriebsriemen überwachen. Aber von den neuen Technologien soll auch der Verbraucher direkt profitieren. Etwa in seiner Wohnung. Möbel, die die Farbe ändern, kann Duensing sich vorstellen. So könne der moderne Schrank im Laufe des Tages seine Farbe ändern, denkt er laut: morgens weiß, abends lindgrün. Es werde auch intelligente Oberflächenmaterialien geben – etwa am Armaturenbrett im Auto: Droht die Gefahr, dass der Fahrer einnickt – was moderne Autos über Kamera erfassen - könnte das Armaturenbrett sich hell erleuchten. Auch Schalter und Knöpfe gehören künftig vielleicht der Vergangenheit an. Beim Warnblinker, der nur im Notfall gebraucht wird, reicht es aus, wenn das Symbol dann möglichst groß aufleuchtet, so Duensing. Übrigens: Die Contitech-Töchter Hornschuch aus Weißbach und Benecke-Kalliko aus Eislingen (Kreis Göppingen) sind da ganz vorne mit dabei.

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