Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt macht Schluss Treue Seelen – die Vereins-Ikonen im Hintergrund

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Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt verlässt mit 77 Jahren die Bank des FC Bayern München. Der Mannschaftsarzt ist zur Club-Ikone geworden – so wie andere treue Seelen bei anderen Vereinen auch.

Der Doc geht: Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hört beim FC Bayern auf Foto: dpa/Marius Becker 4 Bilder
Der Doc geht: Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt hört beim FC Bayern auf Foto: dpa/Marius Becker

Stuttgart - Winnetou hört auf. Er sitzt nicht mehr auf der Bank. Daran wird man sich beim FC Bayern gewöhnen müssen. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, der durchaus als Double des Apachen-Häuptlings durchgehen könnte, lässt im Alter von 77 Jahren sein Amt als Bayern-Doc und Handaufleger ruhen. „Wenn ich auf meine 40 Jahre beim FC Bayern zurückblicke, bin ich glücklich und sehr zufrieden“, sagt der Arzt, dessen sensible Finger defekte Muskelfasern erspüren konnten und dem sich nicht nur die Bayern-Kicker anvertrauten, sondern auch Sportstars wie Boris Becker. Der ließ Müller-Wohlfahrt einst extra zu den Australian Open einfliegen, weil er ein Zipperlein vermutete. Als der pflichtbewusste Arzt bei dem Tennis-Ass im Hotel angekommen war, meinte Becker, dass es ihm im Prinzip wieder ganz gut gehe. Allein das Wissen um Anreise des Mediziners entfaltete offenbar heilende Kräfte.

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Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt ist eine dieser Fußball-Ikonen im Hintergrund, die nicht im Rampenlicht stehen wie Spieler, Trainer oder Manager. Doch im Hinblick auf ihre Treue und ihren Arbeitsethos sind Leute wie Müller-Wohlfahrt viel wichtiger als jeder andere Hauptdarsteller, der nach ein paar Jahren sowieso wegen Erfolglosigkeit wieder das Weite suchen muss oder freiwillig geht, weil es woanders ein paar Millionen Euro mehr zu verdienen gibt. Müller Wohlfahrt, den Sie in München „Mull“ nannten, aber blieb. Er sprintete mit dem Arztkoffer auf den Platz – und versorgte die verletzten Spieler: früher Paul Breitner, zuletzt Kicker wie Jerome Boateng. Treue Seelen im Hintergrund gibt es überall in der Fußball-Bundesliga, aber so richtig bekannt wurden nicht alle – außer Mull, der legendäre HSV-Masseur Hermann Rieger, die Dortmunder Stadionstimme Norbert Dickel und beim VfB Stuttgart der zuletzt verstorbene Teambetreuer Jochen Seitz.

Hermann Rieger, die Spielerfreund

Auch Hermann Rieger lebt nicht mehr – aber die Erinnerungen an ihn bleiben präsent. Wenn den Hamburgern das Wasser mal wieder bis zum Hals stand, rollten die HSV-Fans ein Plakat aus mit den Worten: „Außer Hermann könnt ihre alle gehen!“ Als Rieger mit seinem Koffer auf den Platz sprintete, gab es Szenenapplaus von den Rängen – wenn Müller-Wohlfahrt der Kult-Arzt des deutschen Fußballs ist, dann war Rieger der noch viel euphorischer gefeierte Kult-Masseur der Liga gewesen. „Bei mir auf der Massagebank haben die Spieler oft ihr Herz ausgeschüttet, sie hatten vertrauen zu mir“, sagte Rieger einmal. Er sei dann danach zum Trainer gegangen und habe ihm einen diskreten Wink gegeben, sich doch mal um den einen oder anderen Akteur etwas mehr zu kümmern. Übrigens: Es gibt in Hamburg sogar einen Hermann-Rieger-Weg.

Jochen Seitz, das Mädchen für alles

So eine gute Seele für alle Belange war beim VfB Stuttgart Jochen Seitz. Auf keinem Mannschaftsfoto fehlte der legendäre Zeugwart und Teambetreuer. Die treue VfB-Seele verstarb erst Anfang Mai im Alter von 78 Jahren. Schon vor seinem Vereinsbeitritt im Jahr 1957 lebte Seitz für nichts anderes als den VfB – er war 63 Jahre Mitglied des Clubs und trat Jahrzehnte lang als personifizierte Zuverlässigkeit in Erscheinung. „Ich kann mir den VfB ohne Jochen Seitz überhaupt nicht vorstellen“, sagte etwa der ehemalige Spieler Andreas Beck im Mai. Seitz selbst, für den es kein Leben neben dem VfB Stuttgart zu geben schien, führte auf seine bedingungslose Liebe zum Club den Umstand zurück, dass er nie verheiratet war. Eine Frau, meinte er mal, „hätte es mit mir nicht ausgehalten“. Er war ja immer mit dem VfB unterwegs und fühlte sich in erster Linie verantwortlich für das Equipment und die Trikots.

Norbert Dickel, die Stimme der Borussia

Im schwarz-gelben Trikot von Borussia Dortmund steckte einst Norbert Dickel. Kultstatus erlangte er durch seine zwei Tore im 1989 gegen Werder Bremen gewonnenen Pokalfinale. Der „Held von Berlin“ ist dem Verein bis heute treu – als Stadionsprecher und wortwitziger Anheizer der gelb-schwarzen Wand im Stadion. Daneben kommentiert er die Dortmunder Spiele im BVB-Netradio („Krzynowek – die zufällige Aneinanderreihung von Buchstaben ergibt diesen polnischen Namen“) und ist in der Abteilung Marketing mit zuständig für Sponsoren und deren Bindung. Oft ist er auch als Repräsentant des BVB unterwegs – und im Ältestenrat des Vereins sitzt Norbert „Nobby“ Dickel natürlich auch. Schwarzgelber und treuer geht’s nimmer. Und weil der Nobby erst 58 ist, wird das auch lange so bleiben.




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