InterviewHansi Müller zum VfB-Aufstieg 1977 „Wir haben wie im Rausch gespielt“

Von  

Vor 40 Jahren ist der VfB zum ersten Mal in die Bundesliga zurückgekehrt. Hansi Müller erinnert an die Euphorie, die das Team anschließend auch im Oberhaus beflügelte.

Viel Grund zum Jubel: Karlheinz  und Bernd Förster, Georg Volkert, Hansi Müller, Dieter Hoeneß (v.l.) Foto: Pressefoto Baumann 4 Bilder
Viel Grund zum Jubel: Karlheinz und Bernd Förster, Georg Volkert, Hansi Müller, Dieter Hoeneß (v.l.) Foto: Pressefoto Baumann

Stuttgart - 100.000 Menschen haben am Sonntag den Aufstieg des VfB Stuttgart gefeiert. VfB-Urgestein Hansi Müller erinnert sich an die Euphorie, die das Team beim Aufstieg 1977 erlebte.

Herr Müller, wie hoch ging es her, nachdem Sie 1977 mit dem VfB durch ein 0:0 in Trier in die Bundes­liga aufgestiegen sind?
Auf der Rückfahrt im Bus musste der Fahrer jede Raststätte ansteuern, weil die Getränkevorräte wieder ausgegangen waren. Dort war immer Halligalli, weil ja auch viele Fans unterwegs waren. Als wir irgendwann an der Mercedesstraße angekommen sind, ist der eine oder andere Spieler in Schlangenlinien in die Stadt gefahren, wo das Feiern weiterging.
Wie groß war damals die Begeisterung rund um den VfB?
Man hat in der Stadt einen riesigen Hunger auf die Bundesliga gespürt, den unser Trainer Jürgen Sundermann vorgelebt hat. Man darf nicht vergessen: Im ersten Zweitligajahr sind wir nur Elfter geworden, da sind fast die Lichter ausgegangen. Wir haben zu Hause gegen Reutlingen verloren und teilweise vor 2000 Zuschauern gespielt. Das war wie auf einer Beerdigung. Und dann ist diese riesige Euphorie entstanden.
Im ersten Bundesliga-Jahr nach dem Aufstieg hatte der VfB einen Zuschauerschnitt von 54 000 – ein Rekord, der fast 20 Jahre nicht übertroffen wurde.
Wir Spieler hatten clevererweise mit MV (VfB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, Anm. d. Red.) vor der Saison eine Zuschauerbeteiligung vereinbart. Er ging von einem Schnitt von 27 000 aus – pro tausend Zuschauer mehr bekam jeder Spieler am Ende 3000 Mark, was in der Summe damals sehr viel Geld war. Ulrich Schäfer, der Geschäftsführer, ist kreidebleich geworden.
Daran alleine lag es aber nicht, dass der VfB so erfolgreich war.
Natürlich nicht. Wenn man auf den Platz geht, denkt man nicht ans Geld – man will kicken und gewinnen. Wir sind einerseits von den Zuschauern getragen worden, andererseits gab es in unserer Mannschaft mit vielen jungen Spielern aus der Region eine gewisse Unbekümmertheit. Gleich im ersten Saisonspiel kam der FC Bayern nach Stuttgart, mit Leuten wie Gerd Müller, Katsche Schwarzenbeck oder Uli Hoeneß, denen ich drei Jahre vorher noch am Fernseher zu­gejubelt hatte, als sie Weltmeister wurden. Jetzt stand ich plötzlich neben ihnen.
Das denkwürdige 3:3 vor 72 000 Zuschauern.
Wir bekamen zwei Elfmeter, beide Male schickten Ottmar Hitzfeld und Hermann Ohlicher, unsere etablierten Spieler, mich nach vorne. Ich war 20, bin hingelaufen und habe dem Sepp (Bayern-Torwart Maier, Red.) die Dinger einfach reingehämmert. Erst später ist mir klar geworden, was das für eine Verantwortung war. Aber das meine ich: wir waren unbekümmert und haben nicht groß nachgedacht.
Sie haben die Liga regelrecht aufgemischt.
In einigen Spielen haben wir richtig auf den Deckel bekommen, weil wir immer munter nach vorne gespielt haben. Die positiven Erlebnisse aber überwogen. Lautern haben wir auf dem Betzenberg mit 4:0 überrollt, gegen Schalke lagen wir zur Pause 0:1 zurück und haben 6:1 gewonnen, Dortmund haben wir 4:1 nach Hause geschickt. Fans und Spieler haben sich gegenseitig hochgeschaukelt. Wir haben wie im Rausch gespielt.
Ein häufiges Phänomen bei Aufsteigern, dass dieses Jahr auch in Leipzig zu beobachten war.
Als Aufsteiger ist das einzige Ziel der Klassenverbleib. Wenn man dann frühzeitig merkt, dass der Abstieg kein Thema ist, kann man unbeschwert und ohne Druck drauflosspielen und hat nichts mehr zu verlieren. Dafür aber viel zu gewinnen. Das war damals auch bei uns so. Die Gegner wussten gar nicht so recht, wie ihnen geschieht.
Am Ende der Saison wurde der VfB Vierter . . .
. . . und im Jahr darauf Vizemeister. Danach folgten die Plätze vier und drei. Nach heutigen Maßstäben heißt das: viermal in Folge Champions League. Das sind die Regionen, in die der VfB hingehört.
Kann der VfB jetzt noch einmal so schnell wieder nach oben kommen?
Im Fußball ist alles wiederholbar. Ich rede nicht davon, dass der VfB nächstes Jahr die Bayern herspielt und Meister wird. Sondern davon, dass die Mannschaft eine gute Saison spielt und sich in der oberen Tabellenhälfte festsetzt. Ob das am Ende Platz fünf, sieben oder neun ist, wird man dann sehen. Ich bin überzeugt davon, dass der VfB eine sehr gute Rolle spielen kann.
Aber sind nicht die Unterschiede zwischen oben und unten seither viel größer geworden?
Das Beispiel SC Freiburg hat doch in dieser Saison gezeigt, dass es noch immer möglich ist, auch mit begrenzten Mitteln oben mitzuspielen. Oder Hoffenheim. Die wären letzte Saison fast abgestiegen. Deshalb glaube ich, dass der VfB gute Möglichkeiten hat, wieder zu alter Stärke zurückzufinden.
An fehlender Begeisterung der Fans dürfte es nicht scheitern.
Es ist fantastisch, welche Euphorie rund um den VfB ausgebrochen ist. In den letzten Heimspielen hatte ich jedes Mal Gänsehaut.