Hantavirus in Göppingen Mäuse setzen Polizisten schachmatt

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Seit dem Sommer sind insgesamt drei Beamte der Bereitschaftspolizei mit Hantaviren im Krankenhaus gelandet. Offenbar verirren sich immer wieder infizierte Nager in die Kellerräume des Polizeipräsidiums Einsatz.

Das Gelände des Polizeipräsidium Einsatz, früher Bereitschaftspolizeipräsidium, liegt mitten im Grünen. Mäuse fühlen sich auf dem parkähnlichen Areal ausgesprochen wohl. Foto: /Rudel/Hass
Das Gelände des Polizeipräsidium Einsatz, früher Bereitschaftspolizeipräsidium, liegt mitten im Grünen. Mäuse fühlen sich auf dem parkähnlichen Areal ausgesprochen wohl. Foto: /Rudel/Hass

Göppingen - Mäuse tummeln sich auf dem Gelände des Polizeipräsidiums Einsatz in Göppingen schon immer. Kein Wunder, die parkähnliche Anlage mit vielen Bäumen bietet den Nagern beste Bedingungen: viele Verstecke und ein reiches Nahrungsangebot. Doch inzwischen werden die Tiere offenbar zum Problem: Seit dem Sommer sind drei Polizisten mit einer Hantavireninfektion im Krankenhaus gelandet, der jüngste Fall einer Erkrankung ereignete sich Anfang dieses Monats. Das Virus, das unter anderem die Nieren schädigen kann, wird von Rötelmäusen übertragen.

„Es stimmt“, sagt der Pressesprecher des Polizeipräsidiums, Armin Förster, „wir haben Mäuse.“ Medienberichten, wonach es in den Kellern der historischen Gebäude geradezu vor Mäusen wimmele, widerspricht er aber. Die Nager, so Förster, lebten auf dem Gelände. Ab und zu verirre sich mal ein Tier in einen der Keller, wenn jemand eine Tür offen stehen lasse. Das sei alles. „In den 30 Jahren, die ich hier arbeite, habe ich noch keine Maus gesehen.“ Die Gebäude seien zwar alt, aber alle mehrfach saniert worden und im Inneren auf einem aktuellen Stand. Nur für die Keller gelte das leider nicht. Sie würden normalerweise gar nicht genutzt. Doch wegen zahlreicher aktuell laufender Sanierungen sei der Platz auf dem Gelände knapp geworden. Deshalb habe man auf die Kellerräume zurückgegriffen und dort unter anderem Ausrüstung gelagert.

Immer mehr Mäuse tragen das Virus in sich

Dass jetzt drei Polizisten am Hantavirus erkrankt sind, mag auch damit zusammenhängen, dass immer mehr Rötelmäuse das Virus in sich tragen. Außerdem waren die Bedingungen in diesem und im vergangenen Jahr gut für die Tiere. Wegen der warmen Sommer war das Nahrungsangebot groß. Bereits im Frühjahr hatten Mediziner deshalb gewarnt, dass es in diesem Jahr viele Erkrankungen geben werde.

Die Mäuse auf dem Gelände der Bereitschaftspolizei auszurotten, sei wohl aussichtslos, meint Förster. Stattdessen behelfe man sich schon immer damit, die Mitarbeiter zu bitten, Gebäudetüren geschlossen zu halten, damit keine Maus hineinwitschen könne. „Und wenn in einem Raum doch mal eine tote Maus oder Kot gefunden wird, wird dort alles gründlich gereinigt und desinfiziert.“ In dieser Zeit dürften die Räume dann nur mit Mundschutz betreten werden.

Ohne Schutz zum Bundesligaspiel

Die letzte Desinfektionsrunde nach der Erkrankung eines Polizisten Anfang November hatte indes kuriose Folgen: Weil ausgerechnet ein Raum mäuseverseucht war, in dem die Bereitschaftspolizei einen Teil ihrer Schutzausrüstung aufbewahrt, musste auch diese desinfiziert werden – ausgerechnet, als ein Zug der Bereitschaftspolizei zur Sicherung eines Bundesligaspiels geschickt werden sollte.

„Weil die Körperschutzausstattung noch feucht war, hatten wir zwei Optionen: Die Leute zuhause zu lassen – oder sie ohne Schutzausrüstung loszuschicken“, erzählt Förster. Man habe sich schließlich dafür entscheiden, die Polizisten an einer Stelle im Stadion Dienst tun zu lassen, wo sie keinen solchen Schutz brauchten.

Sind Container die Lösung?

Die Erkrankungen haben jetzt auch die Polizeigewerkschaften aufgeschreckt. Die Deutsche Polizeigewerkschaft und die Gewerkschaft der Polizei fordern unisono, die Gebäude auf dem Gelände weiter zu sanieren und die Keller nicht zu vergessen. Denn diese seien zum Teil „stark sanierungsbedürftig“ und böten „in ihrem jetzigen Zustand ein angenehmes Umfeld für Schädlinge aller Art“, wie der Kreisvorsitzende und stellvertretende Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Jürgen Engel, sagt. Es müsse nicht nur oberirdisch saniert, sondern es müssten auch dringend die Kellergeschosse trockengelegt werden. Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Hans-Jürgen Kirstein, stößt ins selbe Horn. Er weist darauf hin, dass die Gebäude zwar zum Teil sehr schön saniert worden seien, um die Keller habe man sich bisher aber nicht gekümmert.

Die Dienststellenleitung hat der Polizeigewerkschaft zufolge bestätigt, dass man im Einzelfall Räume, die im gefährdeten Bereich liegen, sperren wird. Insbesondere dann, wenn sich Einsatzkräfte dort umziehen sollen. Und auch dort, wo Ausstattung gelagert wird. Eine weitere Forderung der Gewerkschaft ist, dass man während der erforderlichen Sperrungen oder Sanierungsphasen Geld in die Hand nimmt und betroffene Bereiche solange zum Beispiel in Containern unterbringt statt wie bisher in den alten Kellern. Ob diese jemals saniert werden, ist dem Polizeisprecher Förster zufolge aber fraglich. Denn die Vermögen und Bau Baden-Württemberg, die für die Unterhaltung der Liegenschaften des Landes zuständig ist, kümmere sich nur um das Thema Hochbau. Doch die Sanierung von Kellern sei eine Aufgabe des Tiefbaus.

Erkrankungen gibt es auf der ganzen Welt

Hantaviren kommen auf der ganzen Welt vor. Sie werden durch den Kot und Urin infizierter Nagetiere, bei uns vor allem Rötelmäuse, übertragen, der als Staub eingeatmet wird. Die Infektion verläuft in Mitteleuropa in vielen Fällen unerkannt, weil sie schlicht für eine schwere Grippe mit Abgeschlagenheit und Gliederschmerzen gehalten wird. Allerdings kann es auch zu Nierenversagen oder Lungenproblemen kommen, spätestens dann müssen die Patienten ins Krankenhaus. In unseren Breiten heilt die Krankheit meist vollständig aus. In Asien, Amerika und auf dem Balkan sind schwere Verläufe mit Hanta-Fieber und Todesfällen hingegen häufiger.

Die Gebäude auf dem Gelände des Polizeipräsidiums Einsatz in Göppingen sind 1936 gebaut worden. Sie wurden im Lauf der Jahrzehnte immer wieder saniert. Zuletzt hat im Jahr 2008 eine große Sanierung mit drei Bauabschnitten begonnen, die insgesamt rund 50 Millionen Euro verschlingen wird.