Heidelberger Institut zu Ludwigsburger Klimakonzept Ein „Weiter so“ reicht nicht

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Die Ludwigsburger Stadträte stellen die Weichen für ein neues Klima- und Energiekonzept – sofern das Geld reicht. Statt weniger großer Maßnahmen sind jetzt viele kleine nötig.

Die Sonnenkollektoren am Römerhügel  liefern Energie für 350 Haushalte. Foto: z/SWLB
Die Sonnenkollektoren am Römerhügel liefern Energie für 350 Haushalte. Foto: z/SWLB

Ludwigsburg - Wird in der Stadt Ludwigsburg über nachhaltige Energiekonzepte diskutiert, geht das in der Regel nicht ohne Eigenlob. Schließlich hatte die Stadt das für 2020 gesteckte Klimaziel schon 2016 erreicht. Eine neue Studie des Heidelberger Instituts für Energie- und Umweltforschung (IFEU) macht nun aber deutlich, dass auch Ludwigsburg noch sehr viel mehr tun muss. Werde nur der bereits eingeschlagene Weg fortgesetzt, werde der CO2-Ausstoß bis 2050 nur um 55 Prozent gemindert. Die Bereitschaft der Stadträte, das Konzept fortzuschreiben, ist groß. Dennoch schwanken viele zwischen Tatendrang und Zurückhaltung.

Der Weg wird steiniger

Das IFEU-Institut hat die Ludwigsburger Situation zwei Jahre lang analysiert und per Hochrechnung den Trend für die kommenden 30 Jahre ermittelt. Der IFEU-Mitarbeiter Hans Hertle folgert daraus, dass in Sachen Klima und Energie ein Weitermachen wie bisher nicht ausreicht. Doch damit nicht genug: „Wir haben in den letzten Jahren mit großen Maßnahmen schnell viel erreicht“, sagte Bürgermeisterin Gabriele Nießen, „für weitere Verbesserungen brauchen wir jetzt aber viele kleine Maßnahmen.“

Mit anderen Worten: Dieser Weg wird sehr viel steiniger, als der bereits zurückgelegte. Und er ist mit hohen Kosten – vor allem bei Personal – verbunden. Das aber kommt auch deshalb besonders ungelegen, weil der Gemeinderat mit dem Amtsantritt des neuen Oberbürgermeisters Matthias Knecht im Herbst 2019 auf einen strikten Sparkurs eingeschworen wurde. Jochen Eisele (FDP) brachte das Dilemma der Räte auf den Punkt: „Eine klimaneutrale Stadt ist erstrebenswert, aber eine Überschuldung darf auch nicht sein.“

Werbung für Klimaschutz

Auf der Liste der nötigen strategischen Maßnahmen, die die Stadt nach Ansicht der IFEU-Experten ergreifen muss, steht neben einer „Stärkung umweltfreundlicher Verkehrsmittel“ oder einer „Steigerung der Energieeffizienz bei Industrie und Gewerbe“ auch die „Verankerung des Klimaschutzprozesses in der Zivilgesellschaft“. Übersetzt heißt das, Ludwigsburg muss nicht nur viel Geld für E-Mobilität sowie den Ausbau des Busverkehrs und den Bau von Rad- und Fußwegen aufbringen, die Stadt muss auch viele Personen einstellen, die die Klimaideen in Workshops, Stadtteiltreffen oder im Einzelgespräch an den Mann und die Frau bringen.

Und auch damit wäre nur ein Bruchteil der Forderungen abgedeckt. Denn tatsächlich listen die Gutachter 87 Einzelmaßnahmen auf, die jetzt ergriffen werden müssten, um den CO2-Ausstoß in Ludwigsburg bis 2050 auf 1,2 Tonnen pro Einwohner zu drücken. „Das ist das, was erreicht werden kann“, sagt Hertle, „ganz auf Null geht nicht.“ Aktuell liegt dieser Wert bei 6,4 Tonnen pro Einwohner, 1990 lag er noch bei 9,3 Tonnen.

Wie schwer es sei, die Klimaziele zu erreichen, zeige auch ein Blick auf die neue Fotovoltaikanlage, meinte Margit Liepins (SPD). Am Römerhügel soll im Mai Deutschlands größte Solarthermieanlage in Betrieb genommen werden; die Kollektorenfläche beträgt knapp 15 000 Quadratmeter. Die Zahlen dahinter aber finde sie zugleich ernüchternd: Auf dieser großen Anlage werde die Heizenergie für 350 Haushalte produziert: „Aber wir haben 40 000 Haushalte in Ludwigsburg.“

Gut für die regionale Wirtschaft?

Florian Sorg haben die Vorschläge der Gutachter nur Begeisterung entlockt: „Wir können nur zustimmen, das schafft Klimagerechtigkeit“, sagte der Grünen-Stadtrat. „Alle werden mitgenommen – Schule und Quartier als auch Privatleute und die Industrie.“ Im übrigen tue man mit diesen Klimamaßnahmen auch viel für die regionale Wirtschaftsförderung.

Auch die Christdemokraten heißen das Strategiekonzept gut. Aber bei ihnen überwiegt die Angst vor „einem Automatismus“ (Stefan Braumann). Die Befürchtung: Mit Verabschiedung des Klima- und Energiekonzepts könnten die Stadträte den Einfluss verlieren. Darum wollte die CDU in den Grundsatzbeschluss einen Passus unterbringen, mit dem sichergestellt wird, dass der Rat vor jeder Kostenentscheidung gefragt wird.

Die Freien Wähler teilten zwar diese Bedenken, votierten aber am Ende für einen Kompromiss. Eine Textergänzung soll nun sichern, dass bei jeder Bauleitplanung die Klimakosten eigens ausgewiesen werden. Elga Burkhardt (Lubu) enthielt sich der Stimme. Sie meinte: „Wir müssen schneller sein. Wir dürfen nicht so weiter trödeln wie in den letzten Jahren.“