Krimikolumne

Heimkino: „Dick Tracy“ löst jeden Fall Unter einem gelben Hut

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Einen alten Comic so naiv umzusetzen, wie die Zeitungstrips von dunnemals sich gaben: das hat Warren Beatty 1990 prima hinbekommen. Beim Wiedersehen verzaubert die analoge Kunstwelt mehr als bei der Erstaufführung.

Glenne Headly, Charlie Korsmo und Warren Beatty fahren  durch das quietschbunte Gegenstück zum Film noir. Foto:  
Glenne Headly, Charlie Korsmo und Warren Beatty fahren durch das quietschbunte Gegenstück zum Film noir. Foto:  

Stuttgart - Was haben wir damals eigentlich erwartet? Deutschlands Kritiker haben Warren Beattys „Dick Tracy“ eher lauwarm aufgenommen, als er im September 1990 ins Kino kam. Dabei war doch vorab schon klar, was das sein wollte: die naiv-bunteste Comicverfilmung, die es je gegeben hatte und je geben würde, ein Film, dessen Bilder so nahe wie möglich an den Look der alten Zeitungsstrips von Chester Gould heranrücken sollten. Was ja auch wunderbar geklappt hat.

Gewiss, als Krimi mit einem gewissen Maß an Erzählspannung und Charaktertiefe kann man „Dick Tracy“ in der Pfeife rauchen. Wie viele Krimis auf Papier, viele TV-Schinken und Kinofilme übrigens auch. Er ist eine Zirkusshow, keine Erzählung, Al Pacino und viele andere tischen groteskes Overacting auf, und Madonna holt vor jedem ihrer vielen One- und Two-Liner tief Luft: „Achtung, ich sage jetzt ein Sprüchlein fürs Zitatenlexikon auf.“

Fort mit dem Marvelfilm-Realismus

Aber dieser Film, in dem die Figuren meist einfarbige Kleidung tragen, damit das Auge sie gut sortieren kann, in dem kleine persönliche Merkmale bis zum Platzen aufgeblasen sind, in dem Alltagsgegenstände als ihre eigene, radikal vereinfachte Abstraktion daherkommen (auf einer Konservendose steht, wie im Comic, eben ganz groß „Chili“ und sonst nichts, damit wir Bescheid wissen), in dem viele Kulissen erkennbar gemalt sind – dieser Film ist ein Kunstraum, gegen den jede Galerie wie eine banale Besenkammer wirkt.

Einstellung um Einstellung baut der Film mit einem letzten Großaufgebot analoger Trick- und Maskenkunst auf, was es so nicht gibt, und stellt seine Weltferne fröhlich aus, statt nach dem Hochglanz-Hollywood-Realismus zu streben, den uns etwa die Marvel- und DC-Verfilmungen der Digitalbildära auf dem Fließband unter die Augen bringen. Die Elemente der Film-noir- oder jedenfalls Ganglandthriller-Düsternis werden von dem hellen Licht und den bunten Farben aus Tracys Umfeld verscheucht und besiegt.

„Das hier gab es immer nur in Träumen“, sagt Beattys Ästhetik, und wahrscheinlich sind viele Bilder sogar frischer, fröhlicher als manche Comicleserfantasie. Aber im Grunde ist dies das Angebot des Films: wir gegen durch den Kopf des Taxifahrers, des Schuhputzjungen, des Ladenschwengels, des Hilfsbuchhalters, des Lunchcounter-Kellners, die damals „Dick Tracy“ gelesen haben. Und sich wünschten, eine Stimme möge aus ihrer Armbanduhr erklingen, eine Krise in der Stadt vermelden, und sie dürften dann antworten „I’m on my way“ und einfach hinauskaufen aus ihrem alten Leben. In einem gelben Mantel und unter einem gelben Hut.

Dick Tracy. Regie: Warren Beatty. Mit Warren Beatty, Al Pacino, Madonna, Dustin Hoffman, Glenne Headly. Kathy Bates, James Caan, Paul Sorvino, Dick van Dyke, Mandy Patinkin, William Forsythe. Touchstone DVD und Blu-ray (letztere ist in diesem Fall wirklich unbedingt vorzuziehen).

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