Krimikolumne

Heimkino nach einem wahren Fall: „Devil’s Knot“ Als die Kinder verschwanden

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Aus einem berühmt-berüchtigten wahren Kriminalfall hat der Regisseur Atom Egoyan einen behutsamen Film über das Versagen einer Kleinstadtpolizei gemacht.

Die als West Memphis Three bekannt gewordenen Jugendlichen sind mit Kristopher Higgins, James Hamrick und Jason Baldwin sehr passend besetzt. Foto: Universum Film
Die als West Memphis Three bekannt gewordenen Jugendlichen sind mit Kristopher Higgins, James Hamrick und Jason Baldwin sehr passend besetzt. Foto: Universum Film

Stuttgart - Er solle pünktlich wieder zuhause sein, sonst setze es wochenlangen Stubenarrest, ermahnt die von Reese Witherspoon gespielte Mutter Pam ihren achtjährigen Sohn Stevie, der mit Freunden noch ein wenig Fahrrad fahren will. Die Kamera zeigt Stevie, wie er davonradelt, wie er aus dem Blick biegt, ein alltägliches Ereignis, und doch jener Moment, den man später aufrufen und dann nie mehr vergessen wird: als letzte Sekunde der Normalität, bevor das Leben zerbrach, auch als Moment, in dem ein Ruf, eine Geste, ein Zufall alles hätte ganz anders kommen lassen können.

Stevie wird nicht pünktlich nach Hause kommen. In Atom Egoyans „Devil’s Knot“ sehen wir Pam und ihren von Alessandro Nivola gespielten Mann Terry nachts mit Taschenlampen durch den Wald am Rand des Südstaatenkaffs West Memphis in Arkansas laufen und rufen: Stevie solle nur einfach herauskommen aus dem Dunkel, er sei nicht in Schwierigkeiten, niemand sei ihm böse.

Nützen wird das nichts. Erst ein polizeilicher Suchtrupp wird aus einem dreckigen Bach die nackten Leichen von Terry und seinen beiden Freunden bergen. Die Hände und Füße der Kinder sind mit den Schnürsenkeln ihrer Schuhe aneinander gefesselt. Es gibt also kein Rätseln mehr, ob Fremdverschulden vorliegt. Es gibt nur noch die Fragen: Wer? Warum?

Die Polizei strickt einen Ritualmord

Mit seinem nicht tranigen, aber sehr bedachten, langsamen Film erzählt der Kanadier Egoyan einen realen amerikanischen Kriminalfall aus dem Jahr 1993 nach, beziehungsweise, dessen erste Phasen: die Ermittlung, die Verhaftung dreier Verdächtiger, den Prozess und die Urteilsfindung.

Es ist ein berühmt-berüchtigter Fall, die sich über zwei Jahrzehnte der Berufungsbemühungen hin erstreckende Affäre der „West Memphis Three“. Für nicht wenige ist er ein Symbol des Versagens der US-Justiz vor allem in der Provinz, für die Perversion einer Todesstrafe, die aufgrund vermurkster Verfahren zustande kommen kann.

Die Kleinstadtpolizei verhaftet drei Jugendliche, 16,17 und 18 Jahre alt, allesamt Außenseiter. Einer ist geistig minderbemittelt und leicht beeinflussbar, wird aber zum Kronzeugen aufgebaut. Einer ist schüchtern und introvertiert und verkauft sich schlecht. Einer befindet sich in der Trotz- und Rebellenphase und schwadroniert gern über sein Interesse an Hexenkunst. Die Anklage strickt daraus die Geschichte eines dreifachen satanistischen Ritualmordes und bringt so zwei der Kids lebenslang ins Gefängnis, den dritten in die Todeszelle.

Lieblingsfall der Hobbyermittler

Atom Egoyan hat als Regisseur mit klugen postmodernen Reflektionen wie „Family Viewing“ (1987) über die zunehmende Bedeutung der Bilder und Entfremdungen in unserem Leben begonnen. Solche Sensibilitäten hat er dann in „Exotica“ (1994) und „The Sweet Hereafter“(1997) höchst subversiv auf Thrillerstoffe angewendet. Bei „Devil’s Knot“ verkneift er sich alles Verspielte, weil er weiß, wie viele eifernde Hobbyermittler sich mittlerweile mit dem Fall beschäftigt haben.

Jede Menge Leute wissen um jede Kleinigkeit, die hier nur am Rande der Bilder auftaucht, haben konkrete Kenntnisse oder hegen jedenfalls starke Theorien über alles, was Egoyan nicht zeigt. In gewisser Weise bewegt sich dieser Spielfilm, der keinen deutschen Kinostart bekommen hat, über vermintes Gelände.

Mehrere stark parteiische Dokumentarproduktionen haben das Interesse an den West Memphis Three immer wieder neu angefacht. Zuletzt haben Peter Jackson als Produzent und Amy J. Berg als Regisseurin den sehr viel besseren Dokumentarfilm „West of Memphis“ vorgelegt. Der rollt nicht nur den Mordfall auf und zeigt den Kampf um eine Wiederaufnahme des Verfahrens, er kann das vorläufige Ende der Affäre schildern. Als die Belege für die Fehlerhaftigkeit des ursprünglichen Verfahrens erdrückend wurden, bot der Staat Arkansas an, der Berufungskampf noch jahrelang hinzuziehen oder die Inhaftierten sofort freizulassen – gegen ein Schuldgeständnis.

Keine endgültige Klärung

Die Zermürbten nahmen das absurde Angebot an, was Egoyan aber nur im Abspann mit Schrifteinblendungen erzählt. Ihm geht es ganz um die ursprüngliche Ermittlung, deren Haken, Sprüngen, Schlampigkeiten und Vagheiten er die Dramaturgie ganz unterordnet.

Colin Firth spielt einen Aktivisten, der von außen zum Verteidigungsteam stößt und der Unschuldsvermutung erst wieder Kraft und Leben gibt. Aber nie lässt Egoyan die Besserwisserei und smarte Beweisfindungssicherheit zu, die solche Figuren in Spielfilmen oft auszeichnet. In „Devil’s Knot“ geht es ihm darum, dass wir bis heute nicht wissen, was damals wirklich geschah: Egoyan ist da vorsichtiger und verstörender als all die Dokumentarfilme und True-Crime-Bücher über den Fall.

„Devil’s Knot“. Regie: Atom Egoyan. Universum Film DVD/Blu-ray. 114 Minuten.

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