Krimikolumne

Heimkino: Sidney Lumets „Hundstage“ Mal eben Geld holen

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Es hätte so einfach sein sollen: ein kurzer Wink mit der Waffe, und die Bankangestellten stecken einem kurz vor Feierabend viel Geld in die Tüte. Aber in Sidney Lumets Klassiker „Hundstage“ von 1975 kommt es zu bösen Komplikationen.

Sonny (Al Pacino, rechts) wollte nur Geld erbeuten. Stattdessen hat er in „Hundstage“ nun eine Gruppe Geiseln im Banktresor und weiß nicht ein noch aus. Foto: Warner Home Video
Sonny (Al Pacino, rechts) wollte nur Geld erbeuten. Stattdessen hat er in „Hundstage“ nun eine Gruppe Geiseln im Banktresor und weiß nicht ein noch aus. Foto: Warner Home Video

Stuttgart - Die Kamera fährt im Auto durch New York, sie sammelt Momentaufnahmen des Großstadtlebens. Dass sich ein Film vorsätzlich erde, mit der vermeintlich banalen Realität verbinde, das kann man heutigen Unterhaltungsproduktionen kaum je noch bescheinigen. Sidney Lumets „Hundstage“ aus dem Jahr 1975 dagegen führt vor, wie das geht, wie man ohne einen Hauch von langweiliger Gewöhnlichkeit zu verstehen gibt: in den nächsten zwei Stunden mag Außergewöhnliches passieren, aber es erwächst aus dem Gewöhnlichen.

Und aus dieser Bewegung des Wagens heraus durch eine Stadt, die Filmthema und nicht Filmkulisse ist, gehen unsere Protagonisten jetzt hinein in ihre Geschichte. Drei Männer betreten kurz vor Schalterschließung in eine kleine Bankfiliale, und sie haben einen klaren Plan. Waffen raus, Geld einsacken, ab durch die Mitte. Pläne halten den Kontakt mit der Realität selten aus.

In der Falle

Einer der Amateurkriminellen verliert sofort die Nerven und setzt sich ab. Die beiden anderen, der hippelige Sonny (Al Pacino) und der dösige Sal (John Cazale), treiben das Personal trotzdem zusammen und schaffen es auch bis in den Tresorraum. Aber dort liegt kaum noch Geld, und vor der Bank hat sich nun schon ein Großaufgebot der Polizei. Die Räuber sitzen in der Patsche, aus ihrer Geldbeschaffung ist etwas geworden, das sie nie geplant hatten: eine Geiselnahme.

Zu Beginn von „Dog Day Afternoon“ ist jede Szene zugleich Tragödie und Komödie. Mit Sonny und Sal ist natürlich ein enormes Gewaltpotenzial in dieser beklemmenden Fallensituation vorhandne, die Beiden sind schwer bewaffnet. Aber sie sind keine Bestien, sie sind nicht der Gewalt wegen hier, die Anzüge, die sie tragen, weisen durchaus auf ihr Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft der anderen. Sie wollen niemandem etwas Böses. Sie wollen nur Geld. Bei der Wegnahme sollte keinem etwas geschehen.

Außer Kontrolle

Der Regisseur Sidney Lumet (1924-2011) hat mehr als ein Maßstäbe setzendes Meisterstück geschaffen, von „Twelve Angry Men – Die zwölf Geschworenen“ von 1957 über „Network“ 1976 bis hin zu „Before the Devil Knows You’re Dead“ 2007. „Hundstage“, dessen Drehbuch Frank Pierson auf der Grundlage von Zeitungsgeschichten und einem Sachbuch über einen realen Fall geschrieben hat, gehört gewiss dazu. Lumet erzählt, wie aus dem Menschlichen das Unmenschlichen entsteht, wie ein Verbrechen außer Kontrolle gerät, wie der Versuch der Eindämmung zur Eskalation beiträgt.

Dies ist einer der besten Krimis aller Zeiten, den die Neuauflage auf Blu-ray zum 40. Jubiläum hoffentlich wieder ein bisschen bekannter macht. Man spürt ja gerne den Fällen nach, in denen Verbrecher vor Gericht behaupten, ein Film hätte sie zu ihren Taten inspiriert. Bei „Hundstage“ sollte man die Gegenfrage stellen: wie viele Leute mag dieser Film wohl schon von einem Banküberfall abgehalten haben?

„Hundstage“ (Dog Day Afternoon). Regie: Sidney Lumet. 40th Anniversary Blu-ray, Warner Home Video. 124 Minuten Film. Extras: Vierteiliges Feature zum Dreh, Porträt von Sidney Lumet, Audiokommentar des Regisseurs.

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