Helge Schneider in der Liederhalle Unsterbliche Dada-Maschine

Von Thomas Morawitzky 

Eine Aktentasche, die aussieht wie Mick Jagger: diese und andere Schrägheiten hat Helge Schneider bei seinem Auftritt in Stuttgart präsentiert.

Der beste Musikclown aller Zeiten: Helge Schneider bei seinem Auftritt in der Liederhalle vor einem Jahr. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Der beste Musikclown aller Zeiten: Helge Schneider bei seinem Auftritt in der Liederhalle vor einem Jahr. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Helge Schneider tut und singt, so scheint es, wieder einmal alles, was ihm gerade in den Sinn kommt; er spielt Klavier, er grinst und kalauert, springt gedanklich von hier nach irgendwo, schlendert umher, tanzt wie ein wilder Mann, und alles ist komisch. Helge wird 65 Jahre alt im August, er ist berühmt seit gut 30 Jahren, er ist die unsterbliche Dada-Maschine, er trägt einen dunkelblauen Anzug, zu groß und lang nicht mehr modern; seine Krawatte ist verwegen um den Hals geknotet, eines seiner Hosenbeine steckt in der Socke, und er hat sich nicht rasiert. Am Dienstagabend, während anderswo der Fasching noch einmal kräftig zuckt, bringt Helge Schneider das Gegengift in den Beethovensaal der Liederhalle; der Saal ist nahezu ausverkauft, das Publikum lacht Tränen beim bloßen Anblick von Helge Schneider, dem besten Musikclown, den Deutschland je hatte.

Jene drei Herren, die hinter Helge Schneider auf der Bühne sitzen oder stehen, ihrem Chef zumeist nur selbst sehr amüsiert bei der Arbeit zusehen, heißen Henrik Freischlader (Gitarre), Ira Coleman (Kontrabass) und Thomas Alkier (Schlagzeug). Helge ist ein strenger Bandleader, das gesteht er: mehr als dreimal darf keiner seiner Musiker falsche Noten spielen – was immer das bedeutet. Spätestens nämlich, wenn Helge selbst sich jene Gitarre umschnallt, die Buddy Holly niemals spielte, und mit schreiend schrägen Akkorden den guten Oldie „A Taste of Honey“ massakriert, ahnt man, dass er in anderen ästhetischen Kategorien denkt. Nein, das wusste man ja eh schon.

Eigenwilliges Stilgefühl

Carlos Boes, Schneiders bewährter Holzbläser, springt bei den Höhepunkten dieser ruppigen Dekonstruktion aus den Kulissen, wirft sich im gestreiften Jackett in Kampfpose und pustet mit langem Atem in die Schalmei. Auch Sergej Gleithmann taucht auf, ekstatischer Ausdruckstänzer mit Dostojewski-Bart und besonders roter Nase. „The Helges“, so heißt Helges Band nun neuerdings – „The Rolling Schaschlik Brothers“ oder „Drei rollende Fürze auf der Gardinenstange“ – die waren wohl zu lang? Helge Schneider lässt sich Tee bringen von Bodo Oesterling in schmucker Uniform; er eignet sich Jazz-Standards begabt und mit eigenwilligem Stilgefühl an, er trommelt aufs Marimbaphon und zückt die Panflöte. Er überbringt grelle Grüße von seinem sehr guten Freund Heinrich Heine und ist stolz auf die kleine Showtreppe zur Linken der Bühne, über die er schon mit Marika Rökk spazierte.

Auch eine Aktentasche hat Helge Schneider mit nach Stuttgart gebracht, in jene Stadt, die er so sehr liebt, vielleicht weil er sie nicht kennt. Er beginnt den zweiten Teil seiner Show mit dieser Tasche und der akustischen Gitarre, singt ein Lied von der Milchsuppe, die die Frau in Unterwäsche am Morgen für ihren Mann, den Arbeiter, kocht, er schaut seine Aktentasche innig an und sagt: „Sie ist mein bester Freund, sie begleitet mich mein Leben lang. Und sie sieht aus wie Mick Jagger!“




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