Herrenberger Hartholz: Keiner kennt die Holzvertäfelung

Dieses Holzpaneel  hatte ein Bürger vor dem Ausverkauf des Herrenberger Stadtmuseums gerettet. Die Historiker rätseln, was es sein könnte. Foto: Simon Granville
Dieses Holzpaneel hatte ein Bürger vor dem Ausverkauf des Herrenberger Stadtmuseums gerettet. Die Historiker rätseln, was es sein könnte. Foto: Simon Granville

Teil einer Orgel, ein Pfarrstuhl oder ein Sakristeischrank? Die Herrenberger rätseln über ein Holzpaneel, das sie im Depot des Stadtmuseums gefunden haben.

Esslingen: Ulrich Stolte (uls)
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Herrenberg - Zumindest ein Teil des Rätsels ist gelöst: Der ältere, gut gekleidete Herr, der verhindert hat, dass Anfang November ein rätselhaftes Holzpaneel auf den Flohmarkt des Herrenberger Stadtmuseums geriet, war Dieter Eisenhardt, bis zum Jahr 2000 Dekan in Herrenberg. Er war der Vorvorgänger von Eberhard Feucht, der jetzt über die Geschicke der Herrenberger Geistlichkeit wacht. Eisenhardt bewegte damals die Mitarbeiter des Herrenberg Stadtmuseums im Fruchtkasten dazu, das Teil wieder ins Depot zurückzubringen, wo es hergekommen war, denn er hatte erkannt, dass es aus einer Herrenberger Kirche stammte und zu wertvoll war für den Flohmarkt.

Noch immer ist nicht klar, was es darstellt. Nur eines: Es ist ziemlich alt. Der ehemalige Dekan Dieter Eisenhardt vermutet, dass es sich um Überreste eines Pfarrstuhles handele, der aber nicht in der Spitalkirche, wie zuerst vermutet, sondern sogar in der Stiftskirche gestanden haben mag. Dazu passt eine Quelle, die besagt, dass das Chorgestühl der Stiftskirche um 1870 weiß getüncht worden sei, dem damaligen Zeitgeschmack entsprechend, so wie großer Teil des Paneels eben auch.

Vielleicht ein Sakristeischrank

Aber nicht nur die Herrenberger Geistlichkeit, auch die Herrenberger Gelehrsamkeit hat Theorien zu dem Brett entwickelt. Der Stadtarchivar im Ruhestand und angesehene Wissenschaftler Roman Janssen beschreibt das Holzpaneel als Teil eines Sakristeischranks aus der Spitalkirche, der kleineren Kirche in der Herrenberger Altstadt. Die Sakristei ist ein Raum in der Kirche, in dem sich der Pfarrer auf die Predigt vorbereitet und die Messgewänder anlegt. In Katholischen Kirchen ziehen sich hier auch Ministranten um.

Für einen normalen Kleiderschrank ist das Paneel jedoch ziemlich groß. Doch habe es Sakristeischränke gegeben, erklärt Roman Jansson, die man als eine Art Umkleidekabine nutzte. Der Pfarrer schlüpfte dort hinein, um das Messgewand anzuziehen. Janssen glaubt auch, das Teil sei vor 1800 gezimmert worden. Immerhin ist ein Teil eines großen Schnörkels zu sehen, der mehr in Richtung Barock weist, als ins Zeitalter des Klassizismus.

Ein dritter Wissenschaftler hat die Theorie gebildet, das Teil könnte die Vertäfelung einer Orgel gewesen sein. Dazu passen auch kleine Holzlamellen, die dazu gedient haben könnten, den Schall der Orgelpfeifen ins Kirchenschiff dringen zu lassen. Auch da hätte es eher in die Stiftskirche gepasst als in die Spitalkirche.

Einen zweifelsfreien Beweis für die drei Theorien gibt es allerdings nur dann, wenn man das Paneel auf alten Abbildungen der Kirchenräume sehen könnte. Dann könnte man auch in den Rechnungsbüchern, die im Stadtarchiv erhalten sind, nach Informationen suchen.

Bilder aus der Zeit vor 1938

Deswegen hat die Stadt Herrenberg jetzt eine Bürgeraktion gestartet: sie sucht Bilder aus der Zeit vor 1938, die das Innere der Spitalkirche zeigen, auf denen das Holzelement vielleicht zu sehen ist. Solche Bilder wurden vielleicht bei Taufen, Konfirmationen oder Hochzeiten aufgenommen, oder vielleicht kann sich jemand noch an das Paneel erinnern und den Forschern weiterhelfen. „Wer Familienalben aus dieser Zeit hat, den bitten wir, mit uns auf die Suche nach dem Holzelement zu gehen und so ein kleines Stück Herrenberger Geschichte zu füllen“, mit diesen Worten ruft die Stadtverwaltung die Bürger zur Mithilfe auf.




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