Hölderlin in Nürtingen Ein letztes Aufbäumen in der Heimatstadt

Von  

Im Jubiläumsjahr öffnet im Nürtinger Stadtmuseum eine Ausstellung, die Friedrich Hölderlins Leben und Schaffen in seinen 30ern beleuchtet – kurz bevor er krank wurde.

Die letzten Jahre Hölderlins in Nürtingen sind bisher ein blinder Fleck in der Geschichtsschreibung gewesen. Foto: Ines Rudel 5 Bilder
Die letzten Jahre Hölderlins in Nürtingen sind bisher ein blinder Fleck in der Geschichtsschreibung gewesen. Foto: Ines Rudel

Nürtingen - Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ – dieser Vers von Friedrich Hölderlin mag als Leitmotiv in schwierigen Corona-Zeiten dienen. Gleichzeitig schlagen die Mut machenden Zeilen den Bogen zur neuen Sonderausstellung „Friedrich Hölderlin. Die letzte Nürtinger Zeit“, die von Samstag, 16. Mai, bis zum 11. Oktober im Stadtmuseum Nürtingen zu sehen sein wird.

Mut machende Zeilen in schwierigen Zeiten

Der Vers ist Teil der Hymne „Patmos“, die der Dichter 1803 vollendet hat. Die Nürtinger Ausstellung wirft Schlaglichter auf die Jahre 1801 bis 1804. Diese zweieinhalb Jahre währende Phase, in der Hölderlin noch einmal bei seiner Mutter in der Kirchstraße 17 gewohnt hat, ist laut der Museumsleiterin Angela Wagner-Gnan bisher eher unterbelichtet gewesen. Zu Unrecht, wie sie feststellt, bäumte sich doch gerade in diesen Jahren die Schaffenskraft des genialen Künstlers noch einmal auf.

Im Spätherbst 1802 begann Hölderlin das heute „Homburger Folioheft“ genannte Manuskript mit der Reinschrift von „Heimkunft“, „Brot und Wein“, „Stuttgart“, „Der Einzige“ und eben „Patmos“. Offenbar, so Angela Wagner-Gnan, wollte er ein poetisches Gesamtwerk komponieren. Erst 13 Jahre nach Hölderlins Tod am 7. Juni 1843 in Tübingen wurde es von Nürtingen aus zu Forschungszwecken nach Homburg geschickt. Die Rückgabe wurde vergessen. Angela Wagner-Gnan: „Eigentlich müsste das Homburger Folioheft Nürtinger Folioheft heißen.“

Ein Leben in Zerrissenheit endet tragisch

Die Ausstellung thematisiert auch das Spannungsverhältnis, dem sich Friedrich Hölderlin in seiner Heimat ausgesetzt sah. Die knapp 3000 Einwohner zählende Kleinstadt war ihm Fluchtpunkt und Enge zugleich. Landschaft, Stadt und Familie betrachtete er aus der Ferne mit Sehnsucht, aus der Nähe mit Beklemmung. Diese Polarität und Zerrissenheit spiegelt die Ausstellung wider, die sich in drei Bereiche gliedert.

Die erste Station dient der inneren und äußeren Charakterisierung. Hölderlin war ein „Sohn aus gutem Hause“, gut aussehend und ehrgeizig. Dass er als Dichter bei seinen Zeitgenossen nur wenig Anerkennung fand, als „freier Schriftsteller“ auch ökonomisch scheiterte, war Friedrich Hölderlins große Lebenstragik.

Die Liebe zu Susette Gontard muss scheitern

Die durch die Forschungen des Tübinger Wissenschaftlers Michael Franz und des Nürtinger Stadtarchivars wesentlich geprägte Ausstellung beleuchtet auch Hölderlins Liebesleben. Seine große Liebe zu der Frankfurter Bankiersgattin Susette Gontard war ausweglos. Mutmaßlich war die Entdeckung von Susettes Liebesbriefen durch Hölderlins Mutter der Auslöser für einen heftigen Wutausbruch Hölderlins, der biografisch belegt ist. Insgesamt zeigt die Ausstellung sehr anschaulich das Leben und das Werk des Dichters in dieser wichtigen „letzten Nürtinger Zeit“, unterbrochen nur durch die Wanderung nach Bordeaux.

„Hölderlin ging sprachlich aufs Ganze“, sagt Angela Wagner-Gnan. Der Preis, den er dafür zahlte, war hoch: bei seiner Familie und den braven Nürtinger Bürgern konnte er mit seinem überspannten Verhalten nur auf Befremden stoßen. Nach „der letzten Zeit in Nürtingen“ kam nur noch das Jahr in Homburg. Von dort aus kam der Dichter nach Tübingen. Von 1805 an war der „Wahnsinn“ Hölderlins amtsärztlich bescheinigt.

Nürtingen versteht sich als Hölderlins Heimatstadt

Die Ausstellung im Nürtinger Stadtmuseum ist Teil des landesweiten Veranstaltungsreigens zum 250. Geburtstag Friedrich Hölderlins, der am 20. März 1770 in Lauffen (Kreis Heilbronn) das Licht der Welt erblickt hat. Viele Programmpunkte im Jubiläumsjahr sind vorerst der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen. Mit der jüngsten Lockerung der Einschränkungen wird nun auch der Besuch der Nürtinger Schau unter den generellen Auflagen möglich. In Nürtingen sollte am 20. Mai als einer der Höhepunkte des Jubiläumsjahrs das Stück „Darum wandle wehrlos fort durchs Leben, und fürchte nichts!“ Premiere feiern. Laut der Nürtinger Kulturamtsleiterin Susanne Ackermann wird die Annäherung an Hölderlin unter unmittelbarer Einbeziehung des Publikums durch das Theater Lindenhof Melchingen nun auf das nächste Jahr verschoben.

Der Nürtinger Oberbürgermeister Johannes Fridrich betont, dass sich Nürtingen künftig noch stärker als „Hölderlins Heimatstadt“ positionieren will, um sich von den Hölderlinstädten Tübingen und Lauffen abzuheben. Wie wäre es mit einem „Hölderlin-Balkon“ oder einem „Hölderlin-Restaurant“? – an Ideen scheint es dem OB nicht zu mangeln.




Veranstaltungen

Unsere Empfehlung für Sie