Hohe Arbeitsbelastung und kaum Kontakt zur Familie Warum Formel-1-Mechaniker der Frust packt

Von Jürgen Kemmner 

Der dicht gepackte Terminplan der Formel 1 sorgt vor allem bei Mechanikern für eine hohe Arbeitsbelastung und Niedergeschlagenheit. McLaren-Pilot Lando Norris packt in der Box aber auch mal mit an.

Die Mechaniker von Racing Point haben nicht nur beim Boxenstopp alle Hände voll zu tun – und an einem Rennwochenende so gut wie keine Freizeit. Foto: imago/HochZwei
Die Mechaniker von Racing Point haben nicht nur beim Boxenstopp alle Hände voll zu tun – und an einem Rennwochenende so gut wie keine Freizeit. Foto: imago/HochZwei

Silverstone - Ein Triple ist in der Welt des Sports bekannt als etwas Großartiges. Im Fußball ist es der Dreisprung aus nationaler Meisterschaft, nationalem Pokalsieg sowie dem Triumph in der Champions League; in anderen Mannschaftssportarten ist es ähnlich, weshalb dieses Erfolgstrio recht selten vorkommt. In der Formel 1 ist das Triple auch etwas Außergewöhnliches. Allerdings etwas außergewöhnlich Anstrengendes für viele Teammitglieder – die sogenannten Triple-Header sind kein Grund zum Glücklichsein, vielmehr ein Anlass zum Ächzen.

Der Große Preis von Großbritannien an diesem Sonntag (15.10 Uhr/RTL) ist der Auftakt bereits zum zweiten Dreier der Königsklasse, wenn innerhalb von zwei Wochen drei Grand Prix’ auf dem Terminplan aufploppen – eine Woche später folgt Silverstone 2, wieder eine Woche danach trifft sich die PS-Elite in Barcelona zum Großen Preis von Spanien. Mit den Rennen von Spa (30. August), Monza (6. September) und Mugello (13. September) wirft der dritte Dreier seinen schrecklichen Schatten voraus. Aktuell sind in der Formel 1 nicht weniger als 13 Rennen innerhalb von 18 Wochenenden geplant. „Ich habe das Gefühl, Teil eines Experiments zu sein. Ich habe die Nase gestrichen voll“, klagte ein Rennstall-Mitarbeiter nach dem ersten Triple-Header dem britischen Blatt „Sun“. Ein Feldversuch, wie viel Arbeit unter Isolationsbedingungen ein Mensch ertragen kann.

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Die strengen Corona-Regeln, die sich der Rennzirkus auferlegt hat, damit er überhaupt auf Tournee gehen kann, zehren an der Substanz – physisch und psychisch. Zwischen den drei Rennen in Spielberg (2) und Budapest durften die Mechaniker aufgrund der Bestimmungen in Ungarn nicht einmal ihr Hotelzimmer verlassen, um kurz Essen zu gehen oder Getränke einzukaufen. Und was tut man, wenn man eingesperrt nach Abwechslung giert? Man geht ins Internet und sieht in den Social Media bunte Fotos, auf denen die Rennfahrer gut gelaunt nach Hause jetten, damit sie in den eigenen vier Wänden im Kreis der Familie ausspannen können. Ferrari-Jungstar Charles Leclerc und Mercedes-Mann Valtteri Bottas blieben zwischen Spielberg 1 und Spielberg 2 nicht etwa im beschaulichen Murtal in der Steiermark, sondern gingen entspannt auf Heimaturlaub. Zumindest wurden sie dafür gerügt. Sergio Perez hatte sich nach dem Grand Prix von Ungarn beim (regelkonformen) Trip in seine Heimat Mexiko, wo er seine nach einem Unfall verletzte Mutter besuchte, mit dem Covid-19-Virus infiziert, doch er beteuerte: „Ich habe mich seit Ungarn an alle Instruktionen gehalten.“ Man muss es ihm glauben.

Doch der Vorfall belegt, dass die strengen Regularien nötig sind, wenngleich sie keine 100-prozentige Sicherheit bieten. Das Formel-1-Fußvolk bleibt dabei aber auf (und an) der Strecke. Ehefrau und Kinder kurz in die Arme schließen? Geht nicht. „Ich vermisse meine Familie“, sagte ein Mitarbeiter eines Teams anonym. „Und es nervt mich, dass wir uns streng an die Regeln halten müssen, während die Fahrer und das Management jede Woche nach Hause fliegen. Sind Sie gegen das Virus immun? Ich muss in meiner Blase bleiben.“

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Das frustriert. Aber Rechteinhaber Liberty Media sieht keine andere Möglichkeit, um die Einnahmen in dieser ungewöhnlichen Saison einigermaßen zu retten und presst so viele Rennen wie möglich bis Mitte Dezember in den Kalender. Auch die Rennställe sichern sich damit ihr Überleben, weil Geld in die Kasse kommt. Die Hauptlast trägt das Fußvolk. Während Fahrer bei Briefings und den seltenen Medienterminen anwesend sein sowie ihre Runden drehen müssen, ächzen Mechaniker unter einem 16-Stunden-Tag am Wochenende. „Es ist nicht mal die Arbeit an der Strecke. Die ist auch hart. Das größere Thema ist, dass die Leute ihre Frauen und Kinder lange nicht sehen“, sagt McLaren-Teamchef Andreas Seidl.

Zu dem Jobs an den Fahrzeugen gesellen sich Schichten für Auf- und Abbau. Da werden am Sonntagabend 45 Tonnen Material in neun Trucks verstaut, es geht zur nächsten Strecke, wo gleich wieder aufgebaut wird. „Für uns ist es nicht so schlimm“, sagt McLaren-Youngster Lando Norris, „im Vergleich zu Mechanikern und Ingenieuren arbeiten wir am allerwenigsten.“ Nach dem Rennen in Ungarn half Norris den Mechanikern, das Auto zu zerlegen. Eine symbolische Geste. Mit 20 Jahren kann man erstaunlich reif sein.

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