Hundeangstkurs in Herrenberg Wie Kinder sich ihrer Tierangst stellen

Von Artur Lebedew 

Wenn die Sprösslinge Angst vor Hunden haben, wissen Eltern häufig nicht, woher das kommt. Nicht wenige Jungen und Mädchen leiden darunter, oft viele Jahre lang. In einem Kurs in der Herrenberger Volkshochschule soll ein Therapiehund helfen.

Mit einem langen Kochlöffel Foto: factum/Jürgen Bach
Mit einem langen Kochlöffel Foto: factum/Jürgen Bach

Herrenberg - Ein umgekippter Tisch dient als Barriere. Davor liegt Hündin Fenja, eine Australische Shepherd, mit weißer Schnauze und schläfrigen Augen. Hinter der Tischfläche kauert die kleine Helena. Das Mädchen ist sechs Jahre alt und hat Angst vor Hunden. Heute will sie sich dieser stellen. Ihre Mama hatte ihr dazu gar Hundesocken gekauft, die Helena vor dem Angstkurs in der Herrenberger Volkshochschule auch angezogen hat.

Vorsichtig traut sich Helena aus ihrem Versteck. Auf einen Kochlöffel – so lang wie ein Ellenbogen – legt sie ein Hundebonbon. Sachte schiebt sie den Löffel über die Tischkante zu Fenja. Beide blicken sich kurz in die Augen: Fenja schnappt zu, Helena lässt panisch den Löffel fallen und läuft in die Arme ihrer Mutter. „Guuut“, ruft Trainerin Martina Schmid, die den Kurs leitet. „Das war für den Anfang gaaanz toll.“

Die Trägheit gehört zum Arbeitsprofil

Die Angst vor Tieren ist bei vielen Kindern so ausgeprägt, dass Eltern sich zu Recht fragen, ob die Furcht nicht ein Leben lang bleibt. Je weniger Kinder mit Tieren aufwachsen, je seltener sie Katzen, Spinnen und Hunde um sich haben, desto öfter hätten Kinder auch Angst vor Tieren, sagt Tiertherapeutin Martina Schmid. In ihren Kursen versucht sie Kinder an Hunde heranzuführen, damit die Angst sich nicht zu einer Phobie auswächst.

Als „Partnerin“ ist am heutigen Tag Fenja dabei, eine Hündin, so friedlich, dass man denkt, ihr sei alles egal. Fenja streckt sich, gähnt, liegt meistens nur da. Diese Trägheit gehöre zum Arbeitsprofil, versichert Schmid. Schon als Welpen werden Therapiehunde dressiert. In Bahnhofshallen musste Fenja lernen, Lärm auszuhalten, in Innenstädten musste sie Menschen mit Behinderung durch Einkaufsstraßen manövrieren. Heute geht Martina Schmid mit ihr auch in Gefängnisse und Hospize, damit Kranke und Sterbende durch Fenjas besänftigende Art zur Ruhe kommen.

Die Ruhe wirkt auch bei Kindern. „Als Erstes geht es darum, dass Kinder zu mir ein Vertrauen aufbauen“, erklärt Martina Schmid die Arbeitsweise. Erst daraus kann sich auch ein Vertrauen zum Hund entwickeln. Die Kinder sollen sich an das Tier gewöhnen und gleichzeitig an dieses herangeführt werden. Zunächst durch eine Barriere, dann durch immer kürzere Abstandhalter wie Löffel oder Bürste. Wenn die Kontaktaufnahme gut verläuft, können sie mit einem Stethoskop den Herzschlag von Fenja abtasten.

Negative Erfahrung als Ursache der Angst

„Oft steht hinter einer Tierangst eine negative Erfahrung“, sagt Schmid. Die sechsjährige Helena etwa wurde als Kleinkind von einem Hund der Nachbarn verletzt. Sie machte eine Tür auf, und ein Welpe lief ihr entgegen. „Für sie war es damals so, als stürmte auf sie ein Pferd zu“, erzählt Helenas Mutter. Die Eltern dachten, dass sich die Tierangst nach einigen Jahren legt. Doch heute noch wechselt die Tochter die Straßenseite, wenn sich ein Hund auch nur nähert.

Die Angst kann auch andere Ursachen haben. Nicht selten wird sie innerhalb der Familie weitergereicht. Fürchtet sich der Vater zum Beispiel vor Spinnen, können sich Kinder das Verhalten abschauen. Dabei spiele bereits die Wortwahl eine Rolle. In ihren Kursen versucht Martina Schmid das Wort „Angst“ zu vermeiden. Eher spricht sie vom „Wohlbefinden“. „Kinder wollen keine Angst verspüren und speichern auch auf der Sprachebene ab, was ihnen dieses Gefühl bereitet.“

In den meisten Fällen lasse die Tierangst nach den ersten Kursstunden deutlich nach, so die Therapeutin. Wenn sich Kinder partout dem Hund nicht nähern können, kann in einer aufwendigeren Therapie die Phobie behandelt werden.

Nach dem Kursauftakt in der Herrenberger Volkshochschule scheint das nicht nötig zu sein. Die drei teilnehmenden Kinder – anfangs auf jeden zusätzlichen Meter Abstand zum Hund bedacht – streicheln am Ende der Stunde sogar Fenjas Fell. „Sie ist so schön weich“, sagt Helena. Martina Schmid gibt später trotzdem zu bedenken: „Nicht jedes Tier ist so ruhig wie ein Therapiehund.“