In Gerlingen öffnet Weltcafé Ein Stuttgarter bringt Neues ins Strohgäu

Von Stefanie Köhler 

Der Gastronom Carlos Dourado öffnet Anfang November im Zentrum von Gerlingen ein Weltcafé – im bisherigen Exlibris. Bei dem hier noch recht wenig verbreiteten Konzept steht die Nachhaltigkeit im Mittelpunkt. Was plant der 38-Jährige genau?

Carlos Dourado in seiner neuen Wirkungsstätte in Gerlingen. Die Sanierung läuft auf Hochtouren Foto: factum/Jürgen Bach
Carlos Dourado in seiner neuen Wirkungsstätte in Gerlingen. Die Sanierung läuft auf Hochtouren Foto: factum/Jürgen Bach

Gerlingen - Er habe sich sofort in Gerlingen verliebt. Es sei eine „kleine süße und übersichtliche Stadt“, in der er auf der menschlichen Ebene schon viele gute Erfahrungen gemacht habe. Nun hofft Carlos Dourado, dass im Gegenzug die Gerlinger von dem begeistert sind, was er bald zu bieten hat: Der 38-jährige Gastronom aus Stuttgart-West öffnet im November ein Weltcafé – in der Café-Bar Exlibris neben der Bücherei in der Schulstraße. Die Sanierung läuft auf Hochtouren.

Das Konzept Weltcafé kennt der neue Pächter aus dem Effeff: Bis vor einiger Zeit betrieb er mit Ludéric Belhadj und Reiner Bocka das Weltcafé in Stuttgart am Charlottenplatz, unter dem Dach des Welthauses, in dem auch ein Weltladen ist. In Gerlingen wolle er das Konzept fortführen, sagt der gebürtige Portugiese. Seit 20 Jahren lebt er mit seiner Familie im Kessel. So bald wie möglich will er aber nach Gerlingen ziehen.

Im Weltcafé steht die Nachhaltigkeit im Mittelpunkt: Die Speisen und Getränke sind regional, saisonal, bio, fair gehandelt (fairtrade). In Gerlingen sollen die Produkte zum Beispiel auch von Bauern aus dem Ort kommen sowie aus dem Weltladen. Er ist nur ein Steinwurf entfernt.

Vegetarische und vegane Speisen will Dourado servieren. In Gerlingen gebe es seines Wissens nach noch keine veganen Kuchen. Grundsätzlich sei die Nachfrage höher als das Angebot. Gleichwohl wolle er nichts wegwerfen. „Wir kochen bewusst weniger, als wir verkaufen“, sagt Carlos Dourado. Überschüssige Lebensmittel will er den Mitgliedern von „Foodsharing“ überlassen – sie retten Lebensmittel vor dem Müll.

Raus aus der IT-Branche

Die Denke, die Kultur „Weniger ist mehr“ etabliere sich zunehmend, sagt der 38-Jährige, der auch Plastik vermeiden will: Ihren Kaffee trinken die Gäste aus Pfand-Mehrwegbechern. In einer Umgebung, in der Naturprodukte wie Holz und Eisen dominieren. Darüber hinaus soll bei ihm ein „kultureller Austausch“ möglich sein, sagt Carlos Dourado. Er plant im Weltcafé Veranstaltungen, Konzerte, Ausstellungen, Seminare. „Jeder kann hierher kommen“, betont der 38-Jährige.

Carlos Dourado sagt, dass ihm Nachhaltigkeit auch privat wichtig ist. „Das hat Zukunft. Wir müssen uns verändern und mit Kleinigkeiten anfangen. Dann erreichen wir etwas Großes.“ Das versuche er auch seinen zwei Kindern zu vermitteln. Seine Tochter, 19, arbeitet ebenso wie seine Partnerin noch im Weltcafé Stuttgart. Beide wechseln aber nach Gerlingen. Weil er sein Lokal von 7 bis 22 oder 23 Uhr am Abend öffnet, sucht Dourado noch einen vierten fest angestellten Mitarbeiter sowie vier Mini-Jobber.

Der Unternehmer hat 13 Jahre lang als Software-Entwickler gearbeitet, ehe er beschloss, seine Leidenschaft, die Gastronomie, zum Beruf zu machen. Bis dato habe er immer Nebenjobs in der Gastronomie gehabt. Er liebe die „soziale Welt“. Neben dem Weltcafé führte Dourado seit 2018 im Stuttgarter Heusteigviertel das französische Café Moustache. Nun will er sich ausschließlich seiner neuen Wirkungsstätte in Gerlingen widmen. Vor der Eröffnung würde der 38-Jährige gern noch den Außenbereich nutzen, um Getränke zu verkaufen – „damit die Leute sehen, dass was passiert und um mit ihnen weiter in Kontakt zu kommen“, sagt Dourado. Ob sich die Außengastronomie umsetzen lässt, entscheide sich Ende der Woche.

Weltladen-Chefin: „Ich bin sehr glücklich“

Den Anstoß für die Einrichtung eines Weltcafés in Gerlingen hatte der örtliche Weltladen gegeben. „Es ist toll, dass es geklappt hat. Ich bin sehr glücklich“, sagt die Vorsitzende Brigitte Meier. Sie besuche öfter das Welthaus in Stuttgart, dessen Konzept ihr schon immer gefallen habe. Von der Zusammenarbeit mit dem Weltcafé verspricht sie sich einiges. Nicht nur, dass Carlos Dourado für die Produkte des Geschäfts wirbt und sie verkauft. „Es geht auch darum, für das zu werben, was dahinter steht“, sagt Brigitte Meier. Der Weltladen feiert dieses Jahr sein Fünf-Jahr-Bestehen – „und hat sich einen Namen gemacht“, sagt Meier.

200.000 Euro investiert die Stadt Gerlingen als Eigentümerin in die Sanierung des Cafés. Es öffnete im Zuge des Neubaus und der Eröffnung der Stadtbibliothek erstmals 1998, heißt es aus dem Rathaus. Insgesamt hätten es bis heute vier verschiedene Pächter mit unterschiedlichen Konzepten geführt. Das letzte Pachtverhältnis habe von 2016 bis März 2020 bestanden. Aus Sicht des Bürgermeisters Dirk Oestringer (parteilos) schärft das Konzept des Weltcafés das „Profil der Stadt als nachhaltige Stadt“.

Gerlingen auf dem Weg zur Fairtrade-Town

Die Kampagne Seit Mitte Mai steht fest, dass Gerlingen an der Kampagne „Fairtrade-Towns“ teilnimmt. Die Stadt sieht diese Beteiligung als „weiteren Baustein zur Unterstützung des fairen Handels“. Träger der Kampagne ist der Verein TransFair mit Sitz in Köln. Sein Ziel: Benachteiligte Produzenten in Afrika, Asien und Lateinamerika zu fördern und durch fairen Handel deren Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Für die Auszeichnung müssen fünf Kriterien erfüllt werden, etwa ein Gemeinderatsbeschluss und die Bildung einer Steuerungsgruppe, um Fairtrade in der Gesellschaft zu verankern. Im Strohgäu sind Ditzingen und Korntal-Münchingen bereits zertifiziert. Weltweit beteiligen sich in 36 Ländern 2200 Kommunen.

Die Schritte Die Gerlinger Steuerungsgruppe hat sich schon zwei Mal getroffen. Am 12. September, anlässlich des fünften Geburtstags des Weltladens, gab es einen Marktstand mit Infos für die Bürger. Am 2. Oktober, 19 Uhr, findet in der Stadthalle eine Vortragsveranstaltung statt – mit der ReferentinBirgit Mayer von Fairtrade Deutschland und Infoständen, an denen lokale Händler, Gastronomen, Kirchen, Schulen und Vereine Fairtrade-Produkte vorstellen können. Für Gerlingen sind nach eigenen Angaben Nachhaltigkeit und Regionalität „und somit auch kurze Wege wichtig, damit wir unseren Beitrag leisten für eine nachhaltige Zukunft. Wir sehen in diesen Bereichen eine Verantwortung unserer Stadt in einer globalisierten Welt“.




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