In Pforzheim hat jede Frau durchschnittlich 1,75 Kinder Wohnraum, Geld und religiöse Bindung

Martin Bujard blickt aus der Ferne nach Pforzheim. Der Forschungsdirektor am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, das seinen Sitz in Wiesbaden hat, rechnet mit einer abweichenden Geburtenstatistik. Maßstab ist für ihn die endgültige Kinderzahl von Frauen, die um 1970 geboren wurden. Diese Kennziffer gibt an, wie viele Kinder eine Frau am Ende ihrer Gebärfähigkeit wirklich hat. Um diese Zahl geht es im Grunde allen, die zukünftige Rentenzahler im Hinterkopf haben. Auch in dieser Statistik „ist Pforzheim auffällig“, sagt der Wissenschaftler. Im Durchschnitt hätten Frauen aus Pforzheim am Ende ihrer Fortpflanzungsphase 1,75 Kinder. Das ist zufällig die gleiche Zahl wie die aktuelle Geburtenrate – für eine Stadt auf jeden Fall ein sehr hoher Wert.

Spitzenreiter ist bei diesem Indikator jedoch Freudenstadt (1,86). Auf der Deutschlandkarte, in der Bujard geburtenreiche Regionen farblich markiert hat, sind die Kreise Ravensburg (1,78) und Biberach (1,81), aber auch der Ostalbkreis (1,76) oder Hohenlohe (1,78) dunkelrot – und damit noch ein bisschen kinderreicher als Pforzheim. Generell gelte für diese Landkreise, dass Familien dort leichter ausreichend Wohnraum fänden, eine gute Wirtschaftsentwicklung und eine relativ starke religiöse Bindung anzutreffen seien, fasst der Bevölkerungswissenschaftler zusammen.

Abgeschlagen sind die Universitätsstädte mit vielen Akademikerinnen. Unterschiedliche Geburtenraten führt Bujard aber auch auf den so genannten Kompositionseffekt zurück. Der meint den Bevölkerungsmix in einer Region. Im Fall von Pforzheim führt die große jesidische Gemeinschaft, die hier lebt, zu einem Kompositionseffekt, der den Kinderreichtum erklärt. Liegt es also nicht nur an kinderfreundlichen Rahmenbedingungen, dass in Pforzheim so viele Babys geboren werden?

Hohe Kinderzahl in der jesidischen Gemeinschaft

Mitten in der Stadt pulst das Leben. Dort liegt auch das Familienzentrum Au. Der Spielplatz gegenüber bietet nur Einblick, wenn auf der mehrspurigen Straße mal wenig Verkehr fließt. Aber das ist selten der Fall – schlecht für die Frauen mit Kindern, die das Familienzentrum besuchen. Die Einrichtung an der Calwer Straße ist ein idealer Ort, um der Frage nachzuspüren, woher der Kinderreichtum in Pforzheim kommt. Die Soziologin Doris Winter leitet das Haus seit 13 Jahren. „Auf einmal hatten wir 20 irakische Kinder“, erzählt sie. 3600 irakische Jesiden leben mittlerweile in der Stadt am Zusammenfluss von Enz, Nagold und Würm. Die Statistik sagt, jede der jesidischen Frauen habe im Schnitt 5,14 Kinder. Mehr als die Hälfte der Einwohner Pforzheims hat eigene Migrationserfahrungen oder Vorfahren, die nicht aus Deutschland kommen.

Fairooz und Farida sind Schwestern, beide jesidischen Glaubens, 23 und 24 Jahre alt. Sie haben acht Geschwister. Ginge es nach ihrer Mutter, wäre die Familie noch größer. Fairooz hat zwei Söhne. Der jüngste ist 14 Monate alt und heißt Sebastian. Fairooz sagt, sie wünsche sich höchstens noch ein weiteres Kind. Eine Tochter hätte sie gerne. Aber das will sie offensichtlich nicht dem Zufall überlassen. Sie nimmt die Pille. So einfach ist das also nicht mit der Geburtenrate, der Statistik und der Vorstellung, die jesidische Gemeinde sei unbegrenzt fruchtbar. Ein Kind in Deutschland zu bekommen, so Doris Winter, stehe auch für das Ankommen in Deutschland.

Fairooz will weiter Deutsch lernen, damit sie sich noch besser verständigen kann. Noch braucht sie ab und zu die Hilfe einer Dolmetscherin. Wie ihre Schwester sagt sie, dass es anstrengend sei, die Kinder in den Kindergarten zu bringen und danach immer rechtzeitig zum Deutschkurs zu erscheinen. Sie hat schon einen Anschlusskurs geplant, um nicht alle ihre mühsam erworbenen Deutschkenntnisse gleich zu vergessen. Mit Beginn des nächsten Jahres soll es wieder Zuschüsse für die Kinderbetreuung während des Kurses geben. Das Leben in Pforzheim erscheint der jungen Jesidin hektisch und anstrengend. Ganz anders als im Irak. Ein Kind aufzuziehen, sei hier mit mehr Stress und höheren Kosten verbunden. Deshalb wolle es gut überlegt sein, ob man noch ein Baby bekommt.