Industriekonzern Siemens baut erneut radikal um

Von Thomas Magenheim 

Konglomerate gelten als Auslaufmodell. Deshalb verordnet Siemens-Chef Joe Kaeser dem Konzern eine neue Struktur mit Holding-Charakter. Stellen soll das nicht kosten.

Die Strategie 2020+ ist auf die nächsten zehn Jahre angelegt – länger als der  61-jährige Joe Kaeser den Konzern lenken wird. Foto: AFP
Die Strategie 2020+ ist auf die nächsten zehn Jahre angelegt – länger als der 61-jährige Joe Kaeser den Konzern lenken wird. Foto: AFP

München - Joe Kaeser versucht es erst gar nicht mit Bescheidenheit. „Es ist ein fundamentaler Wandel“, stellt der Siemens-Chef bei der Verkündung seiner neuen Konzernstrategie namens 2020+ klar. Es ist ein großer Wurf, den der 61-jährige plant und der weit über seine eigene, bis Anfang 2021 laufende Amtszeit an der Spitze des Konzerns hinausreichen dürfte.

Kern des Vorhabens ist die Verschmelzung von fünf heutigen Geschäftsdivisionen zu drei autonom operierenden Teilkonzernen, was neue Umsatz- und Gewinnimpulse freisetzen soll. Ab Oktober wird das Mammutvorhaben in die Tat umgesetzt. Ein halbes Jahr später soll die neue Struktur vollendet sein, die nahe an einer Holding liegt. Die gute Nachricht für die Belegschaft – immerhin 376 000 Mitarbeiter weltweit – ist, dass der Umbau keine Stellen kosten soll. Das erfährt man zumindest im Aufsichtsrat der Münchner. „Kaeser hat gelernt, der Umbau geht diesmal einen anderen Weg und er ist nicht mit Stellenstreichung verknüpft“, erklärt ein Mitglied des Gremiums.

Kaeser selbst geht der Frage nach den Auswirkungen seiner Pläne auf das Personal hartnäckig aus dem Weg. Kritisch Stellung nehmen dagegen die IG Metall und der Betriebsrat. Man könnte ihre Haltung auch vorsichtig zustimmend nennen: Richtig sei die Ausrichtung auf das operative Geschäft, sagt der für die IG Metall im Siemens-Aufsichtsrat sitzende Jürgen Kerner. „Den Weg in eine Holding-Struktur werden wir nicht akzeptieren“, schränkt er im nächsten Atemzug ein. Das lässt Spannungen erwarten.

Drei Teilkonzerne sollen jeweils rund 70 000 Mitarbeiter haben

Siemens verdichtet seine Struktur auf drei operative Teilkonzerne: Energie, intelligente Infrastruktur und digitale Industrie. Jeder Bereich soll rund 70 000 Beschäftigte und zwischen 14 und 21 Milliarden Euro Jahresumsatz haben. Das Trio steuert sich künftig weitgehend selbst, was einen Kulturwandel weg vom heutigen Machtzentrum München bedeutet, wo auch die Konzernzentrale ausgedünnt wird. Auch wenn dabei unter dem Strich keine Stellen verloren gehen sollen, müssen einige Siemensianer ihren Arbeitsplatz wechseln.

Kaeser hält sich die Möglichkeit offen, die drei Teilkonzerne rechtlich zu verselbstständigen, womit die von Gewerkschaft und Betriebsrat angefeindete Holding perfekt wäre. Wohin die Reise geht, zeigt der Umstand, dass mehr als die Hälfte aller Siemens-Geschäfte in der künftigen Struktur nicht mehr von Deutschland aus gesteuert werden, wie auch Kaeser betont.

Das von der US-Managerin Lisa Davis verantwortete Kraftwerksgeschäft sitzt im texanischen Houston, das mit intelligenter Infrastruktur in Zug in der Schweiz. Von den drei neuformierten Teilkonzernen hat nur noch das Digitalgeschäft in Nürnberg seine Zentrale in Deutschland.

Zwei von drei Mehrheitsbeteiligungen haben ihren Sitz im Ausland

Die Siemens-Geschäfte abseits der drei Teilkonzerne sind bereits ausgegliedert oder auf dem Weg dorthin. Das ist zum einen die in Erlangen beheimatete Medizintechnik, die als börsennotierte Healthineers firmiert. Das Geschäft mit Windkraft namens Siemens-Gamesa sitzt in Spanien und die vor ihrer Fusion mit Alstom stehende Bahntechnik wird in Frankreich ihren Sitz haben. Dieses Trio von Siemens- Mehrheitsbeteiligungen hat intern den Status strategischer Gesellschaften.

Teil der Neuaufstellung ist ferner ein Zusammenschieben konzerninterner Dienstleistungen von Finanzen bis Immobilien zu einer einzigen Einheit. Zudem nimmt Kaeser einen neuen Anlauf, in einer Art Resterampe zusammengefasste Geschäfte, die sonst nirgendwo im Haus mehr Platz haben, zu sanieren. Hier geht es um immerhin 21 000 Beschäftigte, die zuletzt jährlich fünf Milliarden Euro Umsatz, aber auch 300 Millionen Euro Verlust erwirtschaftet haben. Kaeser will dort bis 2020 die Gewinnschwelle erreichen und bis 2023 fünf Prozent operative Gewinnmarge. Spätere Verkäufe sind dann zumindest nicht ausgeschlossen.

Bedeutenderes aber muss der Umbau für das neu aufgestellte Kerngeschäft bringen. Statt um zwei bis drei Prozent sollen die Konzernumsätze künftig um vier bis fünf Prozent jährlich wachsen. Ebenfalls zwei Prozentpunkte mehr sind für die operative Gewinnmarge nach Steuern und Zinsen angepeilt. 13 bis 14 Prozent sind damit das neue Margenziel.

Kaeser sieht seine Vision 2020+ als Strategie für die nächsten zehn Jahre. Diese Reichweite ist ambitioniert für einen Industriekonzern, der im Zentrum der schnelllebigen Digitalisierung steht und sich als einer ihrer Treiber versteht. Kaeser glaubt aber, das Richtige zu tun und will nicht warten, bis Siemens zum Getriebenen wird wie etwa Erzrivale General Electric in den USA. „Nicht die größten Unternehmen werden überleben, sondern die anpassungsfähigsten“, betont Kaeser.

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