Inflationsrisiken Der Vergleich zu 1923 ist überzogen

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Im Kampf gegen die Folgen des Coronavirus werden die Märkte mit Geld geflutet. Doch die Ausgangslage ist anders als vor hundert Jahren, Ökonomen gehen nicht davon aus, dass es zu einer Hyperinflation kommen wird.

Nicht nur die EZB (rechts im Bild der Euro-Tower) pumpt derzeit Geld in den Markt. Foto: imago/Patrick Scheiber
Nicht nur die EZB (rechts im Bild der Euro-Tower) pumpt derzeit Geld in den Markt. Foto: imago/Patrick Scheiber

Frankfurt - Im Kampf gegen die Folgen der Corona-Krise werden astronomische Summen aufgerufen: Die Europäische Zentralbank (EZB) will mit dem Kauf von Wertpapieren dieses Jahr mehr als eine Billion Euro in den Markt pumpen, die US-Notenbank Federal Reserve kündigt gar Anleihekäufe in unbegrenzter Höhe an. Das Hilfsprogramm der Bundesregierung umfasst rund 750 Milliarden Euro. Einige Kommentatoren befürchten als Folge der Geldschwemme einen drastischen Anstieg der Inflationsrate.

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Schreckensszenario

Vor einer Hyperinflation warnte vergangene Woche der Sprecher der Geschäftsführung des Edelmetallhändlers Degussa, Markus Krall. In einer Nachricht auf seinem persönlichen Twitter-Profil verglich der auch als Buchautor bekannte Volkswirt die aktuelle Lage mit dem Jahr 1923: „Die Hyperinflation ging los, als ein Teil der Wirtschaft stillstand (Rheinland wegen Streik gegen französ. Besatzung) und das Deutsche Reich Geld für die Streikenden druckte. Kommt das jemandem bekannt vor?“

Parallelen und Unterschiede

Auch aktuell haben eine Reihe von Fabriken ihre Produktion eingestellt, wobei meistens mehrere Gründe zusammenkommen: Wenn Zulieferungen ausfallen oder der Absatz stockt, die Produktion also ohnehin zurückgefahren werden muss, erscheint es einer wachsenden Anzahl von Unternehmen nicht mehr vertretbar, ihre Mitarbeiter Ansteckungsrisiken auszusetzen. Die zweite Parallele, das Gelddrucken, betrifft natürlich die großen Notenbanken. Sie fluten die Märkte mit Geld, um eine Kreditklemme zu vermeiden. Doch es gibt auch beträchtliche Unterschiede zur Situation vor knapp hundert Jahren: Deutschland litt damals noch unter den Folgen des Ersten Weltkriegs. Für dessen Finanzierung hatte das Reich hohe Schulden aufgenommen, hinzu kamen die Reparationsforderungen der Alliierten. Die Regierung der Weimarer Republik operierte von 1919 bis 1923 mit Haushaltsdefiziten von mehr als 50 Prozent. Zwar gilt auch heute, dass die Notenbanken den Regierungen den Schuldendienst zu erleichtern versuchen – aber so drückend wie damals ist er eben nicht.

Inflationsrisiko

Jenseits historischer Vergleiche gibt es die Befürchtung, dass nach einer Überwindung der Pandemie die Nachfrage schneller anzieht, als die Produktion wieder hochgefahren werden kann. Das könnte die Preise in die Höhe treiben. Denkbar sei „ein Aufschwung mit Schlagseite, bei dem das Angebot nur langsam wächst bei schnellem Anstieg der Preise“, schreibt der US-Ökonom Victor Li, Professor an der Universität Villanova nahe Philadelphia, in einem Gastkommentar für die Website des Fernsehsenders CNBC. Der Chefvolkswirt der LBBW, Uwe Burkert, hält dem entgegen: „Viele Waren werden heute weltweit produziert, und da in Asien die schlimmste Phase der Epidemie schon überwunden scheint, erwarte ich keinen kompletten Stillstand der Produktion.“ Hinzu komme, dass die Krise auch mit Einkommens- und Arbeitsplatzverlusten einhergehe. Insofern werde der Konsum nach Überwindung der Pandemie vermutlich nicht gleich auf Vorkrisenniveau zurückschnellen, gibt Burkert zu bedenken. Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, hält die Inflationsgefahr noch aus weiteren Gründen für begrenzt: „Die EZB pumpt schon seit einem Jahrzehnt massiv Geld ins System, aber das hat bislang nicht zu einem Anstieg der ­Inflationsrate geführt.“ Das hänge damit zusammen, dass Globalisierung und Digitalisierung die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer und damit den Lohndruck schwächten. Wegen der Krise rückten nennenswerte Lohnerhöhungen nun erst recht „in weite Ferne“.

Blasengefahr

Während die Verbraucherpreise seit Jahren nur noch langsam steigen, hat die lockere Geldpolitik in den vergangenen Jahren die Preise von Vermögenswerten wie Immobilien oder Aktien in die Höhe getrieben. „Der Dax ist im vergangenen Jahr um 25 Prozent gestiegen, viel stärker als die Unternehmensgewinne. Auch deshalb sind die Kurse jetzt so stark eingebrochen“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Krämer. „Auch die Risikoprämien auf italienische Staatsanleihen wären jetzt nicht so heftig gestiegen, wenn die EZB sie vorher nicht künstlich gedrückt hätte.“ Nach Überwindung der aktuellen Krise müsse die Notenbank deshalb ihren Kurs ändern: „Sie sollte nicht wieder zehn Jahre Vollgas geben“, mahnt Krämer.

Normalisierung

Wenn die Konjunktur wieder anzieht, sollte die EZB nach Einschätzung Burkerts möglichst rasch die umstrittenen Negativzinsen abschaffen. „Vordringlich ist, dass wir wieder in eine normale Zinslandschaft kommen“, sagte der LBBW-Chefvolkswirt. Er weist außerdem darauf hin, dass die von der EZB beschlossenen Sonderdarlehen für Banken von vornherein befristet sind – sie müssen nach spätestens drei Jahren zurückgezahlt werden. „Dieses Geld fließt relativ schnell zurück.“ Bei den Staats- und Unternehmensanleihen, die jetzt von der EZB erworben werden, kommt es auf die Laufzeit an. Die Notenbank dürfte die Papiere überwiegend bis Endfälligkeit halten, also bis der jeweilige Schuldner den geliehenen Betrag tilgen muss. Anleihen weisen zum Teil Laufzeiten von zehn und mehr Jahren auf.

Auch Krämer fordert „eine Vision für den Ausstieg aus dem Krisenmanagement“. Die lockere Geldpolitik sei in der jetzigen Situation richtig, dürfe aber nicht ewig andauern: „Wenn das Haus brennt, muss gelöscht werden. Aber wichtig ist, dass die Feuerwehr weiß, wo sie danach hinfährt. Man muss den Menschen die Perspektive geben, dass das Wasser auch abgestellt wird, wenn der Brand gelöscht ist.“ Die US-Notenbank habe vor einigen Jahren vorgemacht, wie ein Ausstieg gelingen könne.

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