Insektensterben in Baden-Württemberg Wenn die Schmetterlinge verschwinden

Brauner Bär heißt dieser Nachtfalter – er ist Schmetterling des Jahres 2021 und geht laut dem Staatlichen Museum für Naturkunde in Karlsruhe stark zurück. Foto: imago/blickwinkel 6 Bilder
Brauner Bär heißt dieser Nachtfalter – er ist Schmetterling des Jahres 2021 und geht laut dem Staatlichen Museum für Naturkunde in Karlsruhe stark zurück. Foto: imago/blickwinkel

Viele Nachtfalter-Arten werden seit einigen Jahren nicht mehr gefunden. Das zeigt: Zahl und Artenvielfalt von Insekten gehen auch in Baden-Württemberg drastisch zurück . Was sind die Gründe für den Schwund – und was lässt sich tun?

Politik: Hanna Spanhel (hsp)
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Karlsruhe - Die Insektenvielfalt geht auch in Baden-Württemberg massiv zurück – das zeigen Daten der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) und des Staatlichen Museums für Naturkunde in Karlsruhe. Ergebnisse des Insektenmonitorings mit einem Fokus auf Nachtfalter zeigen im Vergleich mit historischen Daten über 50 Jahre hinweg, dass 113 der belegten Falter-Arten nach dem Jahr 2000 nicht mehr gefunden wurden. Gleichzeitig kamen im Zuge des Klimawandels 65 neue Arten hinzu. „Beide Trends zusammengenommen geht die Artenvielfalt zurück“, sagte Eva Bell, Präsidentin der LUBW bei der Vorstellung der Ergebnisse am Freitag in Karlsruhe. Zurückgegangen ist demnach auch die Zahl der individuellen Exemplare – um geschätzt 25 Prozent.

Insgesamt zeige sich ein dramatischer Trend, sagte Andre Baumann, Umweltstaatssekretär (Grüne). Die nun vorgestellten Daten würden „die schlimmsten Befürchtungen“ bestätigen: „Die derzeitige Landwirtschaft im Ackerland und auch im Grünland leistet nicht den wirksamen Beitrag zum Schutz der biologischen Vielfalt im Land, den wir brauchen und uns alle vorgestellt haben“, sagte Andre Baumann. Selbst in den Naturschutzgebieten des Landes gehen die Bestände der Nachtfalter laut den Erkenntnissen der Experten seit Jahrzehnten zurück.

Einige Arten breiten sich wegen des Klimawandels stärker aus

Die Auswertung der Daten zeigt nicht nur, dass einige Arten ganz verschwunden sind: Die Verbreitung von über der Hälfte der Nachtfalter-Arten ist rückläufig, während sich ein Viertel von ihnen weiter ausbreitet. In dieser Ausbreitung mancher Arten läge auch ein deutliches Warnsignal, sagte Eva Bell: „Der größte Teil von ihnen profitiert von den Temperaturanstiegen durch den Klimawandel.“

Das Insektenmonitoring ist ein Bestandteil des sogenannten Sonderprogramms zur Stärkung der biologischen Vielfalt, das die Landesregierung 2017 beschlossen hat. In regelmäßigen Abständen werden dazu ausgewählte Insekten mit standardisierten Methoden erfasst – bei den Nachtfaltern mithilfe von Lichtfallen. Vor gut einem Jahr wurden bereits Zahlen vorgestellt, wonach auch die Vielfalt bei Tagfaltern abnehme.

Intensive Landnutzung und hoher Pestizideinsatz spielen eine Rolle

Die Gründe für den Rückgang sind dabei divers – und werden teilweise erst noch genauer erforscht. „Die Wissenschaft ist sich aber ziemlich einig darin, dass intensive Landnutzung, Stickstoffeinträge aus dem Verkehr, der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Lichtverschmutzung eine große Rolle spielen“, sagte Johannes Enssle, Vorsitzender des Naturschutzbunds Baden-Württemberg (Nabu). Er hält es deshalb für wichtig, dass beim Monitoring auch Daten zum Einsatz von Pestiziden ausgewertet werden – was bislang nicht geschehe. „Die Vermutung ist, dass der Einsatz gerade dort sehr hoch ist, wo man einen großen Insektenschwund feststellt“, so Enssle.

Ein Problem ist der Rückgang von Insekten wie den Nachtfaltern, weil Vögeln oder Fledermäusen dadurch eine Nahrungsgrundlage fehlt. „Insekten haben aber auch in der Landwirtschaft eine ganz wichtige Rolle als Bestäuber“, sagt Naturschützer Enssle.

Was aber lässt sich tun, um gegen das Sterben anzugehen? „Schutzgebiete und Landschaften mit einem höheren Anteil von Biotope stärken die Insektenvielfalt“, sagte Umweltstaatssekretär Baumann. Mit dem Biodiversitätsstärkungsgesetz würden die richtigen Maßnahmen in enger Kooperation mit den Landwirtinnen und Landwirten ergriffen. Neben einer Reduktion des Pestizideinsatzes auf Äckern sei es wichtig, auf zehn Prozent der landwirtschaftlichen Flächen Refugien für die Insekten zu schaffen, sagt Johannes Enssle – etwa durch mehrjährige Blühbrachen.

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