Intelligenz angeboren oder nicht? Deutschen sind intelligenter geworden

Von Markus Reiter 

Zumal ganze Gesellschaften klüger werden können. Mitte der 80er Jahre fiel dem neuseeländischen Politologen James Flynn Erstaunliches auf: Die durchschnittliche Intelligenz in den Industrienationen war in den zurückliegenden fünf Jahrzehnten gestiegen, im Mittel zwischen drei und acht Prozent pro Jahrzehnt. Die Deutschen zum Beispiel waren von 1954 bis 1981 um rund 17 Punkte intelligenter geworden. Woran mag das gelegen haben? Es können unmöglich aus dem Nichts Gene im Erbgut der Deutschen aufgetaucht sein, die diesen Sprung ausgelöst haben.

Am wahrscheinlichsten sind zwei Ursachen: erstens hat sich die Ernährung der Mütter und Kleinkinder in den vergangenen hundert Jahren enorm verbessert; zweitens verlangen die moderne Umwelt und die Schule immer häufiger abstraktes Denken. Unser Gehirn wird also im Alltag in genau jenen Fähigkeiten geschult, die von Intelligenztests gemessen werden. Die besseren Lebensumstände können den Intelligenzquotienten (IQ) des Einzelnen erheblich beeinflussen. Zwillingsstudien zeigen, dass Armut, Vernachlässigung, Demotivation und eine reizlose Umgebung ihn um bis zu 15 Punkte drücken. Umgekehrt heben Wohlstand und geistige Herausforderung den IQ um den gleichen Wert.

Sind Türken schlechte Mathematiker?

Dieter E. Zimmer nimmt im Vorwort seines Buches Bezug auf Thilo Sarrazin. Der ehemalige Bundesbanker hatte in Talkshows und in seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" suggeriert, es gebe klügere und dümmere Völker. Leider ist Zimmer weniger eindeutig in seiner Zurückweisung von Sarrazins These, als er es anhand der von ihm selbst vorgelegten Fakten sein könnte. Er lässt Raum für Spekulation. Auf sehr wackliger Datengrundlage (nämlich aufgrund von Mathematik-Tests) weist Zimmer der Türkei einen Länder-IQ von 90 Punkten zu, zehn Punkte unter dem globalen Durchschnitt. Haben die Türken also schlechtere Intelligenz-Gene, zumindest was Mathematik betrifft? Nicht unbedingt, lässt sich doch die Differenz fast vollständig mit Bildungsdefiziten und der Armut in weiten Teilen der Türkei erklären. Es gibt keine tragfähigen empirischen Daten für die Vermutung, manche Völker oder Ethnien seien schlauer als andere. Die IQ-Werte könnten nur verglichen werden, wenn überall auf der Welt ausreichende Lebensverhältnisse herrschten.

Und so lautet die wichtigste Erkenntnis der Intelligenzforschung, die Dieter E. Zimmer auf gut 300 Seiten nachzeichnet: die Natur gibt dem Einzelnen zwar ein Intelligenzpotenzial vor. Niemand kann klüger werden, als es seine Gene erlauben. Ob er aber sein Potenzial ausschöpfen kann, hängt von seiner Umwelt ab. Dafür bedarf es eines Lebens ohne Armut, ordentlicher Schulen sowie viel geistiger Anregung in der Kindheit und Jugend. Für Politik und Gesellschaft bleibt also noch genügend zu tun.

Buch: Dieter E. Zimmer: Ist Intelligenz erblich? Eine Klarstellung. Rowohlt Verlag, Reinbek. 316 Seiten, 19,95 Euro.

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