Interview mit Annette Schavan „Eine neue Lebensphase“

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Die frühere Bildungsministerin Annette Schavan verabschiedet sich als Politikerin. Als neue Botschafterin im Vatikan will die engagierte Katholikin die Interessen aller Deutschen vertreten.

Annette Schavan sieht Deutschland als religionsfreundliches Land. Foto: dpa
Annette Schavan sieht Deutschland als religionsfreundliches Land. Foto: dpa
Berlin – - Am 1. Juli tritt Annette Schavan ihr neues Amt als deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl an. In Papst Franziskus sieht die frühere Bundesbildungsministerin einen Mann, der nicht nur theologisch, sondern auch mit einem starken politischen Impuls agiert.
Frau Schavan, wie ist es, von Ulm in die Heilige Stadt umzuziehen?
Das ist der Umzug aus der Stadt mit dem höchsten Turm der Christenheit in jene Stadt, die Europa geistig und geistlich stark geprägt hat.
Haben Sie Ihre Latein- und Italienisch-Kenntnisse schon aufpoliert?
Da bin ich mittendrin. Seit ich vom Wechsel weiß, gehört das zu den Vorbereitungen. Indem ich jetzt Italienisch lerne, wird auch mein Französisch wieder aktiviert.
Wie haben wir Ihren Wechsel in die Diplomatie zu verstehen: als gesicherten Rückzug, Aufbruch oder Neuanfang?
Das ist der Beginn einer neuen Lebensphase. Viele haben mir gesagt, diese neue Aufgabe sei mir wie auf den Leib geschnitten. Wenn man meine politische und berufliche Biografie anschaut, stimmt das wirklich.
Ein Traumjob?
Ich fand immer, der Vatikan ist der Ort, an dem das meiste Wissen über Gott und die Welt versammelt ist. Deshalb ist das für mich eine hochinteressante Aufgabe.
Im Auswärtigen Amt gelten Angestellte, die nicht der eigenen Kaderschmiede entstammen, als Fremdkörper. Wie gehen Sie damit um?
Weil ich selbst Ministerien geleitet habe, weiß ich: in jeder dieser Behörden gibt es den Wunsch, interessante Positionen intern zu besetzen. Wann immer ich jemanden von außen geholt habe, hat das zu Debatten geführt. Das ist völlig normal. Hinzu kommt, dass in Deutschland eher selten jemand von außen Botschafter wird. Alle Gespräche, die ich im Auswärtigen Amt geführt habe, verliefen ausgesprochen positiv.
Wie sind Sie mit dem Vatikan vertraut?
Ich maße mir nicht an zu behaupten, damit schon vertraut zu sein. Ich habe den Vatikan regelmäßig besucht. Und ich freue mich darauf, was mir da an Debatten, Initiativen und Impulsen begegnen wird.
Was macht den Vatikan für Deutschland interessant?
Die katholische Kirche ist weltweit präsent. Der Vatikan ist ein bedeutender internationaler und friedenstiftender Akteur. Im Übrigen ist Deutschland ein religionsfreundliches Land und erlebt, wie alle modernen Gesellschaften, eine zunehmende religiöse Vielfalt. Auch im Religionsdialog ist der Vatikan ein Ort mit jahrhundertealter Erfahrung.
Sie sind die erste Frau, die im Vatikan dieses Amt innehat. Spielt das in dieser Männerwelt eine Rolle?
Na ja, ich werde ja nicht Mitglied der Kurie. Außerdem haben auch andere Länder Frauen an die Spitze ihrer Botschaften im Vatikan entsandt. Deshalb bin ich guten Mutes, dass ich auch angemessen in meiner Rolle wahrgenommen werde.
Sie sind ja kein unbeschriebenes Blatt in der katholischen Kirche. Ist das ein Vorteil oder ein Handicap?
Den einen scheint es von Vorteil, den anderen von Nachteil zu sein, je nach Sichtweise auf mein kirchenpolitisches Engagement. Ich komme natürlich mit einer Geschichte in Kirche, Gesellschaft und Politik nach Rom. Allerdings gehe ich nicht nach Rom, um Kirchenpolitik zu machen.
Haben Sie den neuen Papst schon kennengelernt?
Nein.
Was erwarten Sie von ihm?
Er hat im ersten Jahr des Pontifikates starke Zeichen gesetzt. Ich möchte mich aber davor hüten, so eine imposante Persönlichkeit zu schnell mit einer ausgefeilten Deutung zu vereinnahmen. Mein Eindruck ist, dass er nicht nur theologisch, sondern auch mit einem starken politischen Impuls agiert. Mir ist aber als ehemaliger Spitzenpolitikerin die Gefahr nicht fremd, ganz schnell in einer Schublade abgelegt zu werden, aus der man nur schwer wieder rauskommt. Ich glaube, er ist vielgestaltiger, als dass man sich schon Urteile erlauben dürfte.
Sie haben beschrieben, welche Impulse Sie nach Deutschland transportieren können. Welche Impulse können Sie umgekehrt von Deutschland aus an den Vatikan senden?
Unsere Beziehungen sind jahrhundertealt. Einer meiner Vorgänger, damals noch Gesandter Preußens, war Wilhelm von Humboldt. Wir sind das Land der Reformation und deshalb auch stark ökumenisch geprägt. In Deutschland sind die Kirchen gesellschaftlich starke Gestalter. Die katholische Soziallehre und die evangelische Sozialethik, wie sie sich in Deutschland entwickelt haben, können international wichtige Impulse liefern. Kein Gesetz zum Sozialrecht passiert den Bundestag, ohne dass die Kirchen gehört worden wären. Das soziale Engagement der Kirchen ist enorm. Über Parteigrenzen hinweg ist die hohe Wertschätzung gegenüber den Freien Trägern der Wohlfahrtspflege ein anerkanntes Bauprinzip unseres Sozialstaates. Dieses freiheitlich gestaltete Arrangement religiöser Grundhaltungen mit gesellschaftspolitischen Zielen ist in Europa einzigartig und modellhaft für moderne Gesellschaften.
Können Sie als Botschafterin die Ökumene in Deutschland unterstützen oder entspricht das nicht Ihren Aufgaben?
Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider war einer der ersten Deutschen, die der Papst Franziskus empfangen hat. Das Bemühen um Ökumene beschäftigt viele in unserer Gesellschaft. Deshalb ist die deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl ein Ort, an dem diese Bemühungen auch deutlich werden. Im Übrigen vertritt eine Botschafterin alle Deutschen.
Ist die Parteipolitik für Sie endgültig passé, oder könnte es Führungsämter geben, die Sie noch interessieren?
Alles hat seine Zeit. 14 Jahre stellvertretende CDU-Vorsitzende gewesen zu sein in einer Phase der kontinuierlichen Weiterentwicklung der Partei war eine tolle Erfahrung. Das Modell der Volkspartei ist in Europa ganz und gar keine Selbstverständlichkeit mehr. Wir sind es noch. Die Aufgabe der nächsten Generation ist es, auch jetzt wieder neue Wege zu gehen und die Zeichen der Zeit zu verstehen, damit die CDU Volkspartei bleibt. Moderne und Kontinuität zu vermitteln und dabei breite Bevölkerungsschichten anzusprechen ist eine hohe Kunst, die fortwährend Fragen aufwirft, die beantwortet werden müssen.
Das klingt jetzt aber nicht so, als würden Sie da nicht mehr mitmachen wollen.
Mich interessiert das alles sehr. Ich bleibe ein politischer Mensch. Aber jetzt sind andere dran.




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