Interview mit Bastian Sommer „Wir essen in der Waschstraße“

Von Daniele Eberhardt 

Das Unbekannte Tier, die Suite, das Bravo Charlie: Bastian Sommer mischt seit 20 Jahren das Nachtleben in Stuttgart so richtig auf.

Bastian Sommer steht auf Wassertanks – sie erleuchten seine Bar. Foto: Heinz Heiss
Bastian Sommer steht auf Wassertanks – sie erleuchten seine Bar. Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Ganz Stuttgart hat sich in diesem Jahr wieder über Politik den Kopf zerbrochen. Ganz Stuttgart? Es gibt noch ein Leben jenseits von Stuttgart 21 – ein Nachtleben beispielsweise. Kaum ein anderer hat die hiesige Gastroszene und Clubkultur in den vergangenen 20 Jahren stärker geprägt als Bastian Sommer. Seine neueste Erfindung nennt sich Superschanke, eine Kreuzung aus Bar und Restaurant in der Jägerstraße, unweit der Industrie- und Handelskammer. Im StZ-Jahresendinterview redet Sommer, 43, über die Umbrüche im Nachtleben, den Szenetreffpunkt Das Unbekannte Tier und die Erfindung der Ausgehmeile Theo Heuss.

Herr Sommer, die Superschanke war bis Mitte der 90er Jahre eine Tankstelle. Unterhalten wir uns gerade dort, wo früher die Zapfsäulen standen?
Nicht ganz. Unser Restaurant befindet sich in der ehemaligen Waschstraße der Tankstelle. Eigentlich wollte ich das alte Rollgitter als Eingangsbereich so lassen, aber es hat furchtbar durch die Ritzen gezogen, unsere Gäste wären im Winter erfroren.

Sie sind 43 Jahre alt – und damit im Stuttgarter Nachtleben fast ein Veteran. Viele Clubs, die in Stuttgart mal einen großen Namen hatten, haben Sie überlebt.
Manchmal kommt es mir selbst absurd vor, wie lange ich schon dabei bin. Ich habe ja nicht den geraden Weg genommen, so mit Hotel- und Gaststättendiplom. Ende der 80er Jahre machte ich eine Maurerlehre. Nebenbei habe ich in einem Club in Esslingen gearbeitet, wo ich aufgewachsen bin. Die Lehre war für mich ein Albtraum, und eines Tages bekam ich das Angebot zu einem Vorstellungsgespräch im Oz.

Die Älteren werden sich erinnern, dass das Oz in der Kronprinzstraße mal einer der wichtigsten Clubs in der Stadt war. Sogar Depeche Mode spielten dort. . .
. . .ich war nicht ganz so berühmt. 1989 begann ich als Zapfer an der Bar. Als ich ein knappes Jahr dabei war, bin ich ins Nachtleben „eingeführt worden“. Anschließend musste ich in der Stadt nirgendwo mehr Eintritt zahlen und durfte überall am Türsteher vorbei. In der Stuttgarter Szene kennt man sich. Das war eine schöne Zeit, aber als die Technowelle anrollte, bin ich ausgestiegen.

Im Vergleich zur heute wild wuchernden Clubszene war das Nachtleben damals possierlich überschaubar: Es gab neben dem Oz das Müsli, die Boa, den Perkins Park, das Roxy – abgesehen davon war es recht finster.
Ja, und die Szene war regelrecht uniformiert: Die Leute mit Karottenjeans und Cowboystiefeln hast du im Müsli getroffen, die Anzugträger im Perkins Park – bestimmte Leute sind in ganz bestimmte Clubs gegangen. Aber dann kam 1990 ein Laden neu dazu, der alles veränderte: der Palast der Republik oben an der Bolzstraße.

Ein umgebautes Klohäuschen.
Der Palast entwickelte sich zum Treffpunkt für alle – und schräg gegenüber kam Das Unbekannte Tier als Club für eine eher alternative Szene dazu. Plötzlich wurde es cool, dass sich alle Leute an einem Ort trafen, egal zu welcher Szene sie gehörten. Ich arbeitete damals im Unbekannten Tier, wir verlangten im Gegensatz zu den anderen Clubs in der Stadt keinen Eintritt, das war fast ein Affront.

Nach ein paar Jahren haben Sie Das Unbekannte Tier gemeinsam mit zwei Kollegen übernommen. Aber das Clubbetreiberglück währte nicht lang.
Das lag nicht an unserem Konzept, sondern daran, dass die damaligen Technischen Werke Stuttgart, denen das Metropol-Gebäude gehörte, mit dessen Renovierung beginnen wollten. 1996 war für uns Schluss, da ist mir richtig was weggebrochen, und ich brauchte erst mal eine Zeit für mich. Pause vom Nachtleben.

Haben Sie wieder auf dem Bau gearbeitet?
Nicht ganz. Ich bin beim Daimler in der Gießerei gelandet. Dort bin ich wieder auf den Boden gekommen. Nach vielen Nachtschichten war ich auch wieder flüssig und habe dann im Restaurant von Thomas Labusch, den ich aus dem Unbekannten Tier kannte, angefangen. Der Laden lag im Westen, hieß Muhammad Ali, und serviert wurde „Essen mit Bums“.

In diesem Moment unterbricht Thomas Labusch, der jetzt in der Schankstelle kocht, seine Arbeit am Herd, wo er den Rosenkohl zupft. Labusch erzählt vom Muhammad Ali und davon, dass er damals schnell wieder im Stuttgarter Westen die Boxhandschuhe beiseitelegte, um in der Theodor-Heuss-Straße Die 36 Kammern der Shaolin zu eröffnen. Auch Bastian Sommer hat dort gearbeitet.

Herr Sommer, Ende der 90er Jahre war die Theodor-Heuss-Straße noch ein ödes Asphaltband des Cityrings. Etliche Immobilien standen leer.
Tote Ecken zu beleben, macht mir am meisten Spaß. Gegenüber von den 36 Kammern der Shaolin lag ein zweistöckiges Gebäude mit einer Glasfront. Gemeinsam mit Giorgio Bottega habe ich mir das angesehen – wir waren sofort begeistert. Aber als wir mit den Umbauarbeiten für den neuen Club begannen, fragten mich viele: „Spinnt ihr? Was wollt ihr auf dieser Straße?“

Als Sie dann die Suite 212 eröffneten, war das gemeinsam mit den Clubs Tearoom und Barcode, die in dieser Zeit aufmachten, der Urknall für die Partymeile Theo Heuss.
Alles entwickelte sich rasend schnell, weil es 2001 viel Leerstand auf der Straße gab. Erst kamen wenige, dann alle. Es machte ein Laden nach dem anderen auf – und einer sah auch aus wie der andere, weil man uns oft kopiert hat.

Auf dem Boulevard Theo herrschte Goldgräberstimmung. . .
. . .und mir wurde das nach drei Jahren zu viel. Deshalb bin ich dort wieder ausgestiegen. Die Läden waren gesichtslos, das Publikum gelangweilt – und die Partymeile verwandelte sich in „Malle Heuss“.

Sie waren 2004 ja selbst schon Mitte 30. Und damit eigentlich auch zu alt, um auf der Theo unterwegs zu sein.
Und zu anspruchsvoll. Irgendwann kommt einfach der Punkt, an dem man keine Lust mehr hat, auf der Theo unterwegs zu sein. Du willst lieber einen guten Drink und ein etwas helleres Umfeld. Bei mir war es immer so: wenn ich einen neuen Laden aufmachen wollte, habe ich mir nur überlegt, was mir selbst gefällt. Da bin ich egoistisch.

Sie sind nach Ihrer Zeit in der Suite auf der Theodor Heuss-Straße schließlich im Bravo Charlie in der Lautenschlagerstraße gelandet.
Das Gebäude war der Knaller. Wir haben im Sommer 2005 im ehemaligen Abfertigungsgebäude der Lufthansa eröffnet. Der Ort hatte eine interessante Geschichte, so wie diese ehemalige Agip-Tankstelle, in der wir gerade sitzen.

Das Bravo Charlie entwickelte sich zum Wohnzimmer für die Generation 30 plus.
Das fand ich angenehm, weil ich die Leute, die zu mir kamen, wieder kannte. Auf der Theodor-Heuss-Straße hat mich die aggressive Stimmung, die es manchmal an den Wochenenden gab, gestört. Ich finde, dass die Jugendlichen heute schneller auf 180 sind und es öfter kracht, als früher.

Das Nachtleben ist kein einfaches Geschäft und nicht ohne Risiken. Viele Clubs schließen schneller, als sie eröffnet wurden. Warum sind Sie eigentlich fast die ganzen Jahre über in Stuttgart geblieben?
Ich war ja auch mal ein Jahr lang in Berlin, dort bin ich auch Vater geworden. In Berlin gab es tolle Objekte, um etwas aufzuziehen, aber die Konkurrenz war enorm. Und in Kreuzberg oder Neukölln kann es dir schon passieren, dass du Schutzgeld zahlen musst. Wenn es bei dir gut läuft, dann kommen sie bei dir vorbei, um zu kassieren. Ich mag Stuttgart auch, weil die Stadt sicher ist.

Aber zwischen dem Ordnungsamt und den Gastronomen knirscht es oft: Mal geht es um klimaschädliche Heizpilze, mal um ästhetisch fragwürdige Außenbestuhlung, die das Stadtbild verschandelt.
Es ist in Stuttgart weiß Gott nicht leicht, eine Bar aufzumachen. Die baurechtlichen Auflagen sind immer strenger geworden. Für die Schankstelle hätte ich beispielsweise von der Stadt 16 Stellplätze a 12 500 Euro kaufen sollen. Glücklicherweise habe ich ein Schreiben aus dem Jahr 1974 gefunden, das für die ehemalige Tankstelle 18 Plätze in der Tiefgarage ausgewiesen hat.

Sie sind ein Spezialist darin, tote Orte zum Leben zu erwecken. Viele Stuttgarter befürchten, dass das Europaviertel, in dem jetzt schon die Bibliothek steht, ein lebloses Quartier werden könnte.
Städtebaulich ist dieses Viertel eine riesige Chance für Stuttgart – aber ich habe auch Angst davor, dass das Viertel nicht lebendig wird. Man sieht doch auf dem Bosch-Areal, dass ein Mischmasch aus Kommerz und von den Bürgern eingebrachten Ideen nur mäßig funktioniert.

Der Handel breitet sich derzeit in enormem Tempo in der Stuttgarter Innenstadt aus: Breuninger will erweitern, im Gerberviertel entsteht ein neues Einkaufszentrum, neben der Stadtbibliothek noch eines. . .
. . .ich weiß nicht, ob Stuttgart das überhaupt verträgt: hier noch eine Mall, da noch eine Mall. Ich wurde auch gefragt, ob ich im Das Gerber etwas aufmachen will – aber dort sehe ich mich nicht, ich mache keine Systemgastronomie.

Neben der Schankstelle haben Sie in diesem Jahr auch ein wenig bei der neuen Gastronomie am und auf dem Fernsehturm mitgemischt. Was kommt 2012?
Bei mir ist es immer so, dass ich mehrere Ideen gleichzeitig verfolge. Meine Erfahrung ist, dass sich viele Dinge wieder zerschlagen – aus den unterschiedlichsten Gründen. Ich wollte in Stuttgart schon immer ein richtig tolle Dachterrasse haben.

Es gibt ja schon den Sky Beach auf dem Dach des Kaufhofs.
Stimmt. Aber ein Traum von mir ist das schwarze Cube, das Victoria-Hochhaus in der Theo-Heuss Straße. Unten würde ich ein Hotel eröffnen und oben eine Dachterrasse mit Club. Fernab vom Getöse unten.

Wir haben den Eindruck, die Stadt ist für Sie so etwas wie eine Spielwiese.
In Stuttgart gibt es gerade durch die umwälzenden Veränderungen in der Innenstadt Freiräume ohne Ende. Das Problem ist nur, dass die meisten davon viel zu teuer sind, um dort zu experimentieren und etwas Cooles zu machen. Ein normaler Gastronom kann sich das gar nicht leisten. Für mich besteht die Herausforderung darin, dennoch immer etwas Neues zu finden.
Das Gespräch führten Daniela Eberhardt und Erik Raidt.




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