Interview mit dem Schauspieler Ulrich Matthes Wo sind nur die Buhs geblieben?

Am Pfingsten gastiert er in Stuttgart: der Schauspieler Ulrich Matthes Foto: dpa
Am Pfingsten gastiert er in Stuttgart: der Schauspieler Ulrich Matthes Foto: dpa

Der Schauspieler Ulrich Matthes hat ein Lieblingsthema: Unsere Gesellschaft sieht er in einer Empathiekrise. An Pfingsten ist der Charakterdarsteller mit Becketts „Endspiel“ im Stuttgarter Schauspielhaus zu sehen.

Kultur: Roland Müller (rm)
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Stuttgart - Er ist Berliner durch und durch, doch gegen einen Ausflug nach Stuttgart hatte er noch nie etwas einzuwenden. Das „aufmerksame und leidenschaftliche Publikum“ lockt ihn immer wieder in den Süden, den Schauspieler Ulrich Matthes, der an Pfingsten mit Becketts „Endspiel“ in der Regie von Jan Bosse im Schauspielhaus gastiert.

Obwohl er auf unseren Bühnen seit drei Jahrzehnten brilliert, war es doch das Fernsehen, das den 57-jährigen Charakterdarsteller über Nacht zur Berühmtheit werden ließ. Als schillernder Schurke im preisgekrönten „Tatort: Im Schmerz geboren“ schaffte er es in die Boulevardblätter. Trotzdem hadert er nicht mit dem Theater, wie Matthes im Gespräch versichert.

Herr Matthes, im „Endspiel“ verkörpern Sie den blinden, bewegungsunfähigen Hamm. Was fasziniert Sie an diesem Krüppel?
Mich fasziniert vor allem das Stück, zu dem diese Figur gehört. Dass ich den Hamm spiele und mein Kollege Wolfram Koch den Clov, war ja eine Entscheidung des Regisseurs Jan Bosse, der in mir offensichtlich den „Herrenmenschen“ gesehen hat (lacht). Wie fast alle Beckett-Stücke oszilliert auch das „Endspiel“ zwischen metaphysischer Heiterkeit und existenzieller Verzweiflung, eine Mischung, die uns Spieler in jeder Vorstellung noch immer erreicht, anweht, berührt. Was mich noch an Beckett fasziniert: die radikale Reduktion! Wie ein Bildhauer trägt er das Wortmaterial ab, Schicht um Schicht, weshalb die Sätze, die wir sprechen, der hochkonzentrierte Extrakt eines mächtigen Worthaufens ist. Toll!
Der Regisseur treibt die Reduktion und Konzentration ja noch weiter, indem er zwei der vier Personen des Stücks streicht.
Stimmt. Nagg und Nell, die in Mülltonnen sitzenden Eltern von Hamm, fallen bei uns weg. Wir wollten das Ikonisierte bei Beckett, das sich über Jahrzehnte hinweg eingebürgert hat, aufbrechen und im Gegenzug das Spielerische zwischen Hamm und Clov aufwerten.
Das scheint geklappt zu haben. Sie spielen diese irrlichternde Komödie schon seit neun Jahren . . .
. . . und wir, Wolfram und ich, spielen sie wie eine Art Jam-Session, bei der sich unsere Energie im Glücksfall mit der Energie des Publikums verbündet. Das hält die Aufführung lebendig.



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