InterviewRuth Westheimer Die Sextherapeutin im Interview

Von Philipp Hedemann 

Die Therapeutin Ruth Westheimer – bekannt als Dr. Ruth – über Pornos, den Holocaust und guten Sex im Alter.

Ruth Westheimer  in ihrer Wohnung im Norden Manhattans. Foto: Philipp Hedemann
Ruth Westheimer in ihrer Wohnung im Norden Manhattans. Foto: Philipp Hedemann

Stuttgart/New York - Scharfschützin, Kindergärtnerin, Sextherapeutin: Ihre Karriere ist alles andere als gewöhnlich. Dabei war sie dem Holocaust nur knapp entkommen. Ein Gespräch über Sex, Hitler und die Frage der richtigen Größe.

Dr. Ruth, worüber wollen wir zuerst sprechen: über Sex oder über den Holocaust?

Sex! Ich habe in letzter Zeit so viel über den Holocaust gesprochen.

Okay. Wie hat man guten Sex?

Für guten Sex braucht man eine gute Beziehung. Sex sollte man nicht nur mal eben schnell am Abend abhaken, damit man befriedigt ist. Man sollte sich daran erfreuen, dass man in einer Beziehung ist. Und diese Beziehung muss man pflegen.

Wenn man keine Lust auf Sex hat, ist das schlimm?

Ja, das ist schlimm! Es gibt keine gute Beziehung ohne Sex. Denn wenn man nicht die Energie für Sex hat, hat das einen Grund. Es ist das Symptom dafür, dass etwas kaputt ist.

Wie hat man im Alter noch guten Sex?

Menschen über 50 sollten nicht abends, sondern morgens Sex haben. Dann ist der Testosteronspiegel des Mannes höher, und es fällt ihm leichter, eine Erektion zu bekommen und zu halten. Darum: Aufstehen, ins Bad gehen, ein kleines Frühstück nehmen und zurück ins Bett.

Wie finden Sie Pornos?

Ich bin absolut dafür, dass Erwachsene sich – alleine oder als Paar – erotische Filme anschauen oder erotische Bücher lesen, um sich zu stimulieren. Aber sie müssen wissen, dass Pornos keine Realität sind. Kein Mann hat eine gewaltige Erektion nach der anderen. Und guter Sex hat nichts mit der Größe des Penis zu tun. ­Size does not matter. Das gilt auch für die Brüste der Frau. Das müssen Mann und Frau sich klarmachen, sonst könnten sie Minderwertigkeitskomplexe bekommen.

Vor 40 Jahren haben Sie Tabus gebrochen, als Sie im prüden Amerika offen über Homosexualität, Sexspielzeuge und den weiblichen Orgasmus sprachen. Heute plädieren Sie dafür, dass Frauen sich nicht zu freizügig kleiden sollen. Sind Sie etwa konservativ geworden?

Wohin man geht, laufen Frauen mit Dekolletés rum. Ich finde, dass Frauen wissen müssen, wann und wo ein Dekolleté in Ordnung ist. Im Büro finde ich es ganz schlimm, denn das suggeriert Männern, dass es in Ordnung ist, eine sexuelle Anspielung zu machen. Aber wenn das passiert, dann heißt es gleich, dass es eine sexuelle Belästigung war.

Nicht nur Anhänger der Metoo-Bewegung würden Ihnen hier widersprechen.

Metoo ist nicht so mein Ding. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich altmodisch bin. In unserer Gesellschaft soll Sex etwas Privates bleiben. Ich glaube immer noch daran, dass ein Mann und eine Frau oder zwei Männer oder zwei Frauen sich ehren, lieben und sich aneinander erfreuen müssen. Auch als es in Mode war, habe ich nie gesagt: Jetzt geht alles, jetzt ist Gruppensex in Ordnung.

Warum ist Gruppensex nicht in Ordnung?

Weil es auf Dauer nie gut ausgeht. Es besteht immer die Gefahr, dass Personen, die in das Leben eines Paares treten, bessere Liebhaber sind. Dann wird verglichen, Eifersucht entsteht, die Beziehung geht in die Brüche.

Sie sind kein Fan der MeToo-Bewegung. Sind Sie trotzdem Feministin?

Meine Enkelin sagt, dass ich Feministin sei. Das habe ich mittlerweile auch zugegeben. Aber ich bin ganz bestimmt keine radikale Feministin. Ich will nicht, dass meine Enkelin ihren Büstenhalter verbrennt. Aber ich bin dafür, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte haben und gleich bezahlt werden. Und ich hatte das große Glück, dass ich einen Mann hatte, der bereit war, das Abendessen zu kochen.

Konnte Ihr Mann gut kochen?

Nein! Er hat immer dasselbe gekocht. Spaghetti mit Fleischklößchen. Aber meine Kinder haben sich nie beschwert, und ich habe mich einfach nur gefreut, dass ich nicht kochen musste.

Sie reden seit 40 Jahren über Sex. Stellen die Anrufer eigentlich seit Jahrzehnten immer wieder die gleichen Fragen?

Gute Frage! Die Antwort ist: Die Fragen haben sich kaum geändert. Frauen fragen immer noch, wie sie zum Orgasmus kommen können, Männer fragen immer noch, wie sie einen vorzeitigen Orgasmus vermeiden können und ob man einen großen Penis braucht, um eine Frau zu befriedigen. Aber was sich geändert hat, ist die Sprache. Man spricht heute viel expliziter über Erektion, Masturbation und Orgasmus.

Gab es Fragen, die Ihnen unangenehm waren?

Nein! Außer, wenn jemand etwas zu Sex mit Tieren wissen wollte. Dann habe ich immer gesagt: Ich bin keine Tierärztin.

Lassen Sie uns jetzt bitte über das zweite große Thema sprechen, das Ihr Leben bestimmt hat: den Holocaust. Ihre Eltern starben in Auschwitz.

Und wäre ich 1938 nicht mit einem Kindertransport von Deutschland in die Schweiz gekommen, wäre ich jetzt auch tot. Deshalb habe ich eine Verpflichtung, darüber zu sprechen, wie dankbar ich der Schweiz bin. Mir ist es sehr wichtig, dass auch nachfolgende Generationen über den Holocaust Bescheid wissen. Darum habe ich für Schüler das Buch „Roller-Coaster Grandma“ (Die Achterbahn-Oma) geschrieben. Darin spreche ich zwar nicht direkt über Auschwitz, aber sehr wohl darüber, dass mein Vater von den Nazis geholt worden ist. Jetzt soll dieses Buch von Steven Spielbergs Shoa Foundation animiert und an Schulen in Amerika und Kanada gezeigt werden. Das freut mich sehr. So soll über den Holocaust gelehrt werden, ohne Angst zu machen. Der Film soll klarmachen, dass man Menschen so akzeptiert wie sie sind.

Auch die meisten Ihrer Familienmitglieder wurden ermordet. Hat Hitler gewonnen?

Nein! Hitler ist tot, und  meine vier Enkel sind fantastisch.

Wie hat der frühe Verlust Ihrer Eltern Ihr Leben geprägt?

So ein Trauma kann man nicht überwinden. Die Wunde bleibt immer. Ich habe viele Puppenhäuser. Ich gucke sie gerne an. Ich kann Vater, Mutter und Kinder zusammen in ein Zimmer setzen. Bei Puppenhäusern habe ich alles unter Kontrolle. Über mein eigenes frühes Leben hatte ich keine Kontrolle.

Nach dem Krieg sind Sie als 17-Jährige alleine nach Palästina gegangen und haben sich der Hagana, einer jüdischen Untergrundgruppe, angeschlossen. Warum?

1948 hat sich fast jeder junge Jude, der damals in Palästina war, irgendeiner militärischen Gruppe angeschlossen, um den jungen Staat Israel zu verteidigen. Ich wurde zur Scharfschützin ausgebildet. Ich war eine sehr gute Scharfschützin. Also pass auf, was du mich fragst!

Stimmt es, dass Sie beim Schießtraining an Hitler gedacht haben?

Das habe ich mal gesagt. Ich weiß nicht mehr, ob es stimmt. Aber es war auf jeden Fall ein guter Satz.

Haben Sie getötet?

Nein, ich habe niemanden getötet, und darüber bin ich heute sehr froh. Aber ich hätte töten können und wäre dazu bereit gewesen, um mein Leben und den jungen Staat Israel zu verteidigen.

Der Anschlag auf die Synagoge in Halle an Jom Kippur, Überfälle auf Juden in New York: In letzter Zeit nehmen antisemitische Verbrechen wieder zu.

Ich hätte nie gedacht, dass das noch einmal passieren würde. Deshalb engagiere ich mich am Museum für Jüdisches Kulturerbe in New York. Ich habe sehr für die aktuelle Auschwitz-Ausstellung gekämpft, denn sie ist wie ein Grab für meine Eltern.

Trotz des Holocausts haben Sie 2014 wieder die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Warum?

Das ist mir nicht leichtgefallen. Aber ich habe kein Problem mit Deutschen, die zu jung waren, um am Krieg teilzunehmen. Ich werde Dich aber nicht fragen, was Deine Großväter während des Krieges gemacht haben. Adenauer hingegen bin ich sehr dankbar. Er hat viel Geld nach Palästina geschickt. Zudem sehe ich jedes Jahr junge deutsche Männer und Frauen, die einen Sommer oder ein ganzes Jahr in israelischen Altenheimen arbeiten. Das freut mich sehr! Sie wollen etwas zur Wiedergutmachung tun. Dass ich die Staatsbürgerschaft wieder angenommen habe, hat auch pragmatische Gründe. Meine Kinder und meine Enkelkinder – die zwar alle kein Deutsch können – sollen die Möglichkeit haben, in Deutschland arbeiten und studieren zu können. Die Welt soll für sie offen sein. Da kann es nicht schaden, dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft habe.

Sie haben Sie sich in Ihrer Karriere nie über Politik geäußert, bis Präsident Trump an der amerikanisch-mexikanischen Grenze Flüchtlingskinder von ihren Familien trennen ließ. . .

Ja, da musste ich etwas sagen. Denn es macht mich sehr traurig, wenn ich sehe, dass Eltern von ihren Kindern getrennt werden. Das ist meine eigene Geschichte. Das habe ich selbst erlebt. Das darf sich nicht wiederholen.

Was empfinden Sie, wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken?

Große Dankbarkeit, dass ich am Leben bin. Ich würde alles wieder genauso machen.

Wären Ihre Eltern stolz auf Sie?

Ich weiß nicht, ob sie stolz darauf wären, dass ich so viel über Sex rede. Vielleicht müsste ich ihnen erst erklären, dass es in der jüdischen Tradition keine Sünde ist, über Sex zu sprechen.

Zur Person

Ruth Westheimer wurde am 4. Juni 1928 als Karola Ruth Siegel in Karlstadt (Hessen) geboren. Ihre orthodoxen jüdischen Eltern schickten sie 1938 mit einem Sonderzug in die Schweiz, wo sie in einem Kinderheim den Zweiten Weltkrieg überlebt. Ihre Eltern und viele weitere Familienmitglieder starben in Auschwitz. Nach dem Krieg schloss sie sich in Palästina als 17-Jährige der jüdischen Untergrundorganisation Hagana an, wurde zur Scharfschützin ausgebildet, legte den Namen Karola ab verwandte fortan nur noch ihren jüdischen Namen Ruth. Am 4. Juni 1948, ihrem 20. Geburtstag, wurde sie bei einem Granatenangriff während des Israelischen Unabhängigkeitskrieges schwer verwundet. 1951 zog sie nach Paris, um an der Sorbonne Psychologie zu studieren, 1956 wanderte sie in die USA aus und promovierte an der berühmten New Yorker Columbia University über Familienplanung. 1980 moderierte sie mit ihrem unverkennbar hessischen Englisch erstmals die Radio-Sendung „Sexually Speaking“. Es war der Beginn ihrer Karriere als wohl berühmteste Sextherapeutin der Welt. Dr. Ruth wurde in den USA schnell zur 1,45 Meter großen Kultfigur und schrieb über 30 Bücher über Sex. Ruth Westheimer war drei Mal verheiratet, hat einen Sohn, eine Tochter und vier Enkelkinder. Für ihr Lebenswerk erhielt sie 2019 das Bundesverdienstkreuz.




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