Interview mit Juliette Binoche „Ein Gesicht muss sich bewegen können“

Von Patrick Heidmann 

Exklusiv Die französische Schauspielerin Juliette Binoche (50) würde sich nie Botox spritzen lassen, sagt sie der Stuttgarter Zeitung. „Ein Gesicht muss sich doch bewegen können, Falten hin oder her. “ Abgesehen davon sei „doch nichts schöner als ein Gesicht, das gelebt hat.“

Juliette Binoche ist im März 50 geworden. Ihr Ziel im Leben ist: weiter wachsen. Foto: dpa
Juliette Binoche ist im März 50 geworden. Ihr Ziel im Leben ist: weiter wachsen. Foto: dpa
Cannes - Dass es für Juliette Binoche nicht die größte Freude ist, mit der Presse zu sprechen, merkt man ihr zu Beginn eines jeden Interviews an. Und davon gibt sie viele, ob im vergangenen Jahr auf der Berlinale, vergangenen Herbst beim Filmfestival in Toronto (zur Premiere von „Words and Pictures“, der nun in den deutschen Kinos läuft) oder aktuell in Cannes. Doch egal wo man die Französin spricht, braucht es meist nur ein paar Minuten, bis sie ihrer Persönlichkeit freien Lauf lässt – und fast immer mehr zu sagen hat als die meisten ihrer Kolleginnen.
Mademoiselle Binoche, nehmen wir doch mal den Titel Ihres neuen Films als Einstieg. Was finden Sie selbst wichtiger, Worte oder Bilder?
Muss ich mich wirklich entscheiden? Ich bin eigentlich eher ein Fan des gesamten menschlichen Daseins, zu dem ja beides gleichermaßen gehört. Prinzipiell bin ich auf jeden Fall eigentlich eher ein visueller Mensch. Ich erinnere mich viel eher an Visuelles, zum Beispiel eher an Gesichter als an Namen. Auch in meiner Arbeit als Schauspielerin sind Bilder und optische Eindrücke für mich das Wichtigste. Etwa wenn ich bestimmte Emotionen und Erinnerungen in mir wachrufen will. Wenn ich aus meinem Innersten schöpfen und meine Seele oder mein Herz erreichen will, kommen die Worte und der Text erst zum Schluss. Aber ich habe auch die Liebe zu den Worten gelernt. Schon alleine, weil man mit ihnen so schöpferisch sein kann.
Trotzdem sind die Worte, also das Drehbuch, bei einem Film doch meist das Erste, was Sie für eine Rolle zur Hand haben, oder?
Ja, sicher. Aber ich möchte mich darin nicht verfangen, nicht von ihnen gefesselt sein. Ich habe kein Interesse daran, dass ein Film lediglich auf intellektueller Ebene funktioniert. Ich kämpfe geradezu gegen die Worte an, denn nur so wird etwas Lebendiges und Greifbares aus der Sache. Um wirklich zu berühren, braucht es echte Gefühle – und die haben ihren Ursprung nicht im Wort.
Sie spielen in „Words and Pictures“ nicht nur eine Malerin, sondern sind auch im echten Leben eine. Wann haben Sie anfangen, sich mit Kunst zu beschäftigen?
Das war schon sehr früh. Als ich neun Jahre alt war, kaufte meine Mutter eine ganze Reihe Bücher über die Geschichte der Kunst. Ich war unglaublich begeistert von all diesen Bildern und Skulpturen. Meine ganzen Wochenenden verbrachte ich damals damit, die Bilder abzumalen. Meine Mutter fand das gut, und weil sie selbst ein bisschen Ahnung von der Malerei und verschiedenen Techniken hatte, brachte sie mir Pastellmalerei bei. Später hatte ich dann auch Privatunterricht bei befreundeten Kunstlehrern, und meine Schule war künstlerisch ausgerichtet, so dass ich Kunstgeschichte ebenso belegen konnte wie Malerei. Seither habe ich eigentlich nie nicht gemalt.
Deswegen hat Ihnen vermutlich der Regisseur Fred Schepisi nun auch diese Rolle gegeben . . .
Oh nein, das war Zufall. Fred hatte keine Ahnung, ob ich je einen Pinsel in der Hand hatte oder nicht. Aber für mich war es natürlich ein Anreiz, die Rolle anzunehmen. Mich interessierte die Fragestellung des Films. Was passiert mit einem Künstler und seiner Kunst, wenn er durch körperliche oder emotionale Beschwerden beeinträchtigt wird?
Sehen Sie im Schaffensprozess eines Malers eigentlich Parallelen zu Ihrer Arbeit als Schauspielerin?
Da lassen sich schon welche finden. Wenn ich eine Rolle kreiere, dann ist das in gewisser Weise auch etwas, das Schicht um Schicht und Detail und Detail geschieht. Aber natürlich findet das in meinem Inneren statt, so dass der Zuschauer am Ende – genau wie bei einem Bild – viele dieser Schichten gar nicht mehr bewusst wahrnimmt. Für die Komplexität des Endergebnisses in all seinen Farben und Schattierungen sind sie trotzdem unabdingbar.
Im März wurden Sie 50 Jahre alt. Ist es schwierig, als Frau vor der Kamera und den Augen der Öffentlichkeit älter zu werden?
Nicht nur als Frau, würde ich denken! Wobei Sie schon recht haben, der Blick auf Frauen ist ein anderer. Aber ich muss zugeben, dass ich versuche, mir darüber nicht zu viele Gedanken zu machen. Und ich habe in letzter Zeit sehr viel gearbeitet, deswegen hatte ich weder die Muße dazu noch den Eindruck, ich käme wegen meines Alters in der Filmbranche nicht mehr zum Zuge. Sicherlich merke ich manchmal, dass der eine oder andere Kameramann sich mit seinen Beleuchtern länger als früher über das Licht auf meinem Gesicht unterhält. Da werde ich also langsam zum Problemfall (lacht.) Aber ganz ehrlich: das ist deren Problem, nicht meines!
Also kein Botox für Sie?
Oh nein, sicher nicht. Ein Gesicht muss sich doch bewegen können, Falten hin oder her. Es ist wie ein Buch: man muss darin ­lesen können. Auch auf den zweiten und dritten Blick. Durch nichts drücken sich unsere innersten Emotionen so sehr aus wie durch unsere Mimik. Wenn man die beschränkt, finde ich das nicht nur als Schauspielerin gefährlich. Nichts ist für uns wichtiger als unser Gesicht, von den Augen und dem Mund bis hin zu den Nasenlöchern und den Falten auf der Stirn. Das sind alles unsere Instrumente, derer man sich nicht berauben sollte. Abgesehen davon ist doch nichts schöner als ein Gesicht, das gelebt hat. Judi Dench hat nie im Leben irgendetwas an sich machen lassen. Und gerade deswegen verliebt man sich auf den ersten Blick in sie und kann sich nicht an ihr sattsehen!
Passend zum Thema „älter werden“ handelt Ihr neuer Film „Sils Maria“, der aktuell in Cannes vorgestellt wird, von einer Schauspielerin, die damit überfordert ist, im Remake eines ihrer größten Erfolge nicht mehr die jüngere, sondern die ältere Frauenfigur zu spielen.
Wunderbar, nicht wahr? Teile dieser Geschichte stammen übrigens von mir. Ich hatte dem Regisseur Olivier Assayas eine Idee für einen Film vorgeschlagen, vor der sich nun manches in „Sils Maria“ wiederfindet. Dass es um eine Schauspielerin geht, war allerdings seine Idee. Diese Marie, die ich nun spiele, wird wirklich fuchsteufelswild bei dem Gedanken, plötzlich nicht mehr die junge Protagonistin zu sein. Sie kämpft wie eine Wilde um ihre Jugend. Das fand ich herrlich. Aber natürlich nur für den Film. Denn in der Realität habe ich längst gelernt, dass man die eigene Vergangenheit loslassen muss, wenn man im Leben weiter wachsen will.




Unsere Empfehlung für Sie